Parallelwelt Kinderwelt oder Humor ist, wenn wir Erwachsenen auch mal lachen

Ich stand im Fahrstuhl und hatte einen Chiquita- Aufkleber auf der Stirn. Ein kleines Souvenir vom Frühstück meiner Tochter.
In einem Anfall der beschämenden Verlegenheit nutzte ich hastig die dreistöckige Fahrt, um mich im Liftspiegel zu vergewissern, ob sonst wenigstens alles saß: Hose, Höschen, BH, Frisur.
Abgesehen von der Letzteren hatte ich es heute morgen glücklicherweise geschafft, alles irgendwie- wenn auch nur halbwegs ansehnlich- herzurichten. Nur ich allein wusste um das Geheimnis unzähliger Babyspuckflecken, die sich unter meiner dicken Winterjacke versteckten. Normal sah ich wenigstens aus. Ich atmete auf.

Äußerst wettergerecht hatte ich meinen kleinen Rabauken heute morgen zum herrlich fluffigen Neuschnee Sneakers und Stoffhandschuhe angezogen, was dazu führte, dass ich zwei meterhohe, mürrig zerrende Bündel neben mir herschliff, denen die Sorge ihrer Mutter, bitte ja nicht klitschnass und tropfend in der Kita anzukommen, wohl gar nichts ausmachte. „Fnee is doch fiel beser!“

Zwanzig Minuten später drückten meine halbwüchsigen Schneekinder ihre roten Näschen an die weihnachtlich geschmückten Fenster, und ich verabschiedete sie mit einem breiten, erleichternden Lächeln und diesem euphorischen „Hach-was-seid-ihr-süß-aber-ich-komme-Euch-trotzdem-erst-am-Nachmittag-wieder-abholen“- Winken. Ihr Eltern kennt das, oder? ODER??!!

Eine SMS meines Mannes verriet, dass das Baby schlafe und ich doch die Zeit nutzen könnte, um die schon lange anstehenden Erledigungen auf der Bank zu machen. In Gedanken hüpfte ich überschwenglich und vor Freude über DIESE Nachricht auf einem Bein durch den weichen Schnee und wälzte mich zum Abschluss noch genüsslich darin. Denn DAS bedeutete eine halbe Stunde nur für mich- yeah!: Auf dem Weg zur Bankfiliale könnte ich genüsslich über den Wochenmarkt schlendern, ohne dabei den flanierenden älteren Damen in Pelzmänteln und mit wattigen Markttagfrisuren alle zwei Meter mit dem Kinderwagen in die Hacken zu fahren. Könnte frische Bio- Orangen mitnehmen, mich am Duft von Brathähnchen erfreuen und hej- vielleicht sogar flink einen Cappuccino trinken, ohne dabei mein Baby in der Trage mit Milchschaum zu bekleckern. What a perfect morning! Hachz!

Ein schlammig klingendes Geräusch riss mich abrupt aus meinen surrealen Tagträumen. Hatte ich schon erwähnt, dass hier ganz vorweihnachtlich und bilderbuchlike alles mit der weißen Flockenpracht bedeckt ist? Und ach wie wunderhübsch, diese Straßen voller Schlamm und feuchtgrauem Dreck! Ganz romantisch und geräuschvoll hatte mich ein vorbeirauschender Lieferwagen gerade von oben bis unten mit weißgrauem Schneematsch vollgespritzt, welcher nun pünktchenartig und gut sichtbar von meiner beigen Winterjacke tropfte.

Empört starrte ich dem Übeltäter hinterher und bahnte mir kopfschüttelnd meinen Weg über den Wochenmarkt. Wenn wenigstens die Frisur gepasst hätte, würden die Leute mich nicht so grinsend anstarren!
Aber egal, Schlamm happens.

Gerade war ich dabei, mir am Obststand die schönsten aller Bio-Orangen auszusuchen, als das Handy vibrierte. Die Anzeige „Papi calling“ versprach nichts Gutes. Am anderen Ende der Leitung übertönte unmissverständliches Babyschreien die unverständlichen Worte meines Göttergatten.
Das Baby lieferte daheim wohl eine akustisch interessante One-Man-Show ab, von der sich sicherlich auch die mürrische Nachbarin amüsiert fühlte.

Der Notfall war eingetreten, die Befürchtung aller Befürchtungen hatte sich soeben bewahrheitet. Und mein Cappuccino- Date sich in Luft aufgelöst. Wäre auch zu nett gewesen. Plan B musste unverzüglich umgesetzt werden: Schnurstracks zur Bank und auf dem schnellstmöglichen Weg zurück zu meinem kleinen Busenfreund.

Die älteren Herrschaften in ihren Pelzmänteln und mit makellosen Markttagfrisuren hatte es zu meinem Leidwesen auch zahlreich in die Bankfiliale getrieben. Gar nicht gut, wenn man es eilig hat. Dennoch geduldig harrte ich im Wartebereich aus und erfreute mich an dem noch kahlen Weihnachtsbaum in dessen Mitte. Nicht. (Scherzhaft dachte ich, dass der Bank vielleicht die finanziellen Mittel ausgegangen waren, um den Baum fertig zu schmücken;).

Ich musste schmunzeln: Wie komisch, der Bankangestellte an Schalter Nummer 1 war das Ebenbild des bunten Pappweihnachtsmannes, der auf seinem Schreibtisch stand und ihn mit schwarzen Filzstiftaugen anstarrte. Den hatte bestimmt sein Sohn oder seine Tochter liebevoll für ihn gebastelt. Ein weihnachtliches Ebenbild seiner Selbst, und vermutlich war er wohl von seiner Frau genötigt worden, diesem Andenken seiner Kinder doch bitte einen würdigen Platz im Büro zu verschaffen.

Wer weiß, dachte ich mir, vielleicht hat er ja auch den einen oder anderen Spuckflecken auf seinem eleganten Hemd. Oder ein vergessenes Matchbox-Auto in seiner Jackentasche. Vielleicht sucht er auch mitten in der Nacht mit dem Handylicht die verloren gegangenen Plüschtiere unter den Betten seiner Kinder. Ob er auch schon mal mit Obstaufklebern oder Wäscheklammern an den Ohren aus dem Haus ist?

Piep! Ich wurde erwartungsgemäß zu Schalter Nummer 1 gerufen und suchte unauffällig das Jacket des Bankangestellten nach verdächtigen Flecken hab, während er routiniert die Formulare ausfüllte. Seine Frisur saß jedenfalls. Der Mini-Santa schien nun auch mich zu mustern. Ja, und da hatte ich sie also hautnah direkt vor mir: Auf der einen Seite die menschliche Verkörperung der seriösen, oft mürrischen Erwachsenenwelt, zu der auch ich mich zählte, und gleich daneben dieser schräge Pappweihnachtsmann aus kreativen Kinderhänden. Zwei Welten, so nah beieinander und doch oft so distanziert.

Ja, dachte ich, irgendwie ist das schon komisch, dieses Leben mit Kindern. Abgefahren. Voller Überraschungen. So gar nicht planbar und so dermaßen unberechenbar. So anders als erwartet. So ein bisschen wie der unaufmerksame Autofahrer von vorhin, der kurz diese perfekt ausgeglichen scheinende winterliche Idylle eingerissen hat mit ein paar feuchten Spritzern LEBEN.

Meine eigenen Gedanken im Schatten der schnöden Nacktversion des Möchtegern-Weihnachtsbaumes brachten mich innerlich zum Lächeln: Denn irgendwie ist sie auch klasse- diese Parallelwelt, in die uns unsere Kinder mitnehmen. So ohne Hemmschwellen und Kopfkino. So ohne viel Klagen über Schneematsch und Sorgen über eine Bügelfalte zuviel und Gedanken über Bio-Obst. Sie sind noch in der Lage, sich mit den simplen Dingen zufrieden zu geben: Mit Mama’s Brust, Papa’s Arm oder dem immer gleichen Einschlaflied. Sie finden es total cool, wenn man sich um die Wette Bananen-Aufkleber ins Gesicht haftet oder sich spontan wie Peppa Pig im Schlamm…ähm…Schnee wälzt. Sie sind es, die einen oft auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn man mit tausend Dingen im Kopf mal wieder gedanklich abwesend ist.

Das Leben mit ihnen ist so skurril, dass man den Speicherplatz auf dem Handy mit unzähligen, immergleichen Spielplatzvideos und putzigen Fotos überlastet. Man in der Lage ist, stundenlang im Schneidersitz Barbiepuppen und Plüschdackel zu frisieren. Man sich wie Bolle über eine halbe Stunde „Ausgang“ freut und man sich eben seiner Kinder wegen klebrige Pappfiguren neben den PC stellt.

Mit diesen Gedanken im Kopf trat ich den Heimweg an. Ohne Orangen, ohne Cappuccino, aber mit etwas mehr Leichtigkeit. Darüber, dass man den Ernst des Lebens nicht immer so ernst nehmen sollte. Dass Kinderaugen oft viel mehr und tiefer sehen als wir. Und darüber, dass wir Eltern doch alle im gleichen Boot sitzen…

Im Hausflur traf ich auf unsere Nachbarin. Hatte sie da etwa gerade fluchtartig die Wohnung verlassen? Und waren das da Ohrenschützer?? Ich grüßte sie freundlich und hörte in der Ferne mein schreiendes Baby, welches wohl schon Mama‘s Rückkehr witterte. Am Briefkasten hielt Frau Nachbarin abrupt inne, schaute mich verlegen an und meinte:

„Entschuldigung, aber sie haben da was an der Stirn kleben!“

Tja! Shit happens. Aber Humor ist ja, wenn man trotzdem lacht! Meine Kinder fanden es zumindest cool…und mein Mann auch😎🤣!

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Haha, super, ich bin auch ständig mit irgendwelchen essen vollgesaut oder habe Bananen im Haar kleben aber sowas ist mir noch nicht passiert und wieso hatte der bei der Bank eigentlich nichts gesagt.
    Viele grüße und frohen 3. Advent noch

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    1. Mäusemamma sagt:

      Er war wahrscheinlich zu konzentriert damit beschäftigt, die Unterlagen auszufüllen…😂

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  2. Katinka aus LE sagt:

    Hahaha, you made my day! Klasse. Und natürlich stimme ich Dir 100 % zu!

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