It’s book time- „Vater!“- Genialer Lesestoff für die geplagte Elternschaft

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Nachdem ich mich nach (oder bereits während) eines meiner letzten Lese(nicht)erlebnisse- ein schmerzlich schnulziger Liebesroman mit vermeintlichem „Bestseller“-Aufdruck, einem durchweg vorhersehbarem Handlungsverlauf, langweiligen Satzstrukturen und mit der unaufhaltsamen Tendenz, meiner lesenden Wenigkeit jegliche Motivation zum bloßen Weiterblättern zu nehmen- ernsthaft fragte, wie es manche Bücher und deren Contents überhaupt erst in eine Druckerei, geschweige denn in Buchläden schaffen, wurde jetzt endlich meine Leidenschaft zum Lesen wieder geweckt. Dank IHM.

Ja, es gibt sie- diese „Schreiberlinge“, die von heute auf morgen scheinbar aus der Versenkung auftauchen und dem Leser dank ihrer schriftstellerischen Genialität jede neue Seite als ein sowohl dem Auge als auch dem Ohr wohltuendes Lesebüffet präsentieren. Worte werden zu lebendigen Bildern, Sätze zu Achterbahnen des leserlichen Glücks. Die Seiten hüpfen lustvoll auf dem Trampolin gelungener Literatur. Spass kommt auf.

Er- das ist DER Vater aller Väter, der uns elterliches Leserpublikum in seinen fast 50 Anekdoten mit dem Titel „Vater!“ mitnimmt in seinen ganz normalen Wahnsinnsfamilienalltag, in dem ER der Herrscher ist.

Ja- Niemand ist vor IHM sicher.
Nicht Frau Lehrerin, nicht die federhalterschwingende Übermutter beim Elternabend, nicht die Karnevals(fr)aktion im Kindergarten, auch nicht Ulf; selbst die Rentnerfraktion im Todestrakt Wartezimmer wird literarisch verwandelt von seinem Wortwitz.

Niemand kann einen Montagmorgen an der Bushaltestelle oder den schmerzhaften „Kampf um das Bildungszubehör“ beim Discounter lebensnaher einfangen als er.
Keiner entkommt ihm und seinem Gespür für Alltagsmomente, die man nicht spritziger, humorvoller und authentischer beschreiben könnte.

Das erste Zielgut seines Wortfanges stellen natürlich vor allem seine Kinder dar, von denen er Vier sein eigen Fleisch und Blut nennen darf. Ja, seine halbwüchsige Brut liefert den Stoff, aus dem väterliche Albträume sind.
Und dennoch- ER hat stets das letzte Wort. Zumindest hier auf dem Papier.

Anselm Maria Sellen -der bekennende „Alleinherrscher“-liefert Momentaufnahmen a‘ la Deluxe.
Neben den herrlich bildlichen, männlichen Ergüssen des geschriebenen Wortes verblasst jedes noch so anschauliche Instagram-Account. Als aufmerksamer Leser hängt man förmlich mittendrin im Hause Sellen wie ein omnipräsenter Kronleuchter. Man hört die Türen knallen, sieht und riecht kindliche Schokoladen- und Klebstofffinger, vernimmt erschrocken die schrillen Geräusche häuslicher Musikinstrumente, ahnt Köpfe rollen…. Und mittendrin im Geschehen erblickt man stets IHN, den Gottvater des wilden Familientreibens, der selbsternannte Herr der Dinge. Ein Vater im Bann der Erfüllung seines Erziehungsauftrages. Wie ging das nochmal?

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Doch nicht selten wird man von einem wohltuenden Aufatmen übermannt, wenn man hautnah miterleben muss, wie gerade IHM dann doch, dank seiner eigenen Zwergenbande oder- schlimmer noch- dank den begeisterungslos beigewohnten sozialen Events, an den man als (vermeintlich gute) Eltern nur schwer unauffällig entkommen kann- die Kontrolle entgleitet. Mehr als einmal möchte man dem entthronten Autor dann erleichtert und zugleich bestärkt auf die Schulter klopfen und ihm ein Glas Whiskey reichen als Zeichen der elterlichen, mitfühlenden Verbundenheit.

„Vater!“ ist ein Buch, das Freude macht. Ein Macbeth unter den Werken, auf das die geplagte Elternschaft schon lange gewartet hat. Ein literarisches Sahnetörtchen – erstaunlicherweise aus den Federn eines Mannes.

Seine Kinder werden ihm eines Tages sicherlich für dieses Memorial ihrer Kindheit danken, in denen sie die aufmüpfigen, aber durchaus sympathischen Protagonisten sind. Oder es ihm irgendwann heimzahlen…

Ich persönlich verneige mich jedenfalls hochachtungsvoll vor diesem für mich genialen Meisterwerk, welches mir mal wieder zeigt, dass Lesen auch ohne epische Wälzer ein Genuss für die Sinne sein kann. Und dass man die Elternschaft weniger mit einem weinenden, sondern mehr mit einem lachenden Auge betrachten sollte. Denn Humor ist das halbe Leben.

 

(Für Infos zum Buch und vielen amüsanten Alltagsszenarien schaut einfach bei Anselm Maria Sellen und seinem Blog wortinfarkt.com vorbei)

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Herzlichen Dank für die tolle Rezension. Das Buch hat es wirklich verdient. Viele Grüße von edition dreiklein aus Blaubeuren.

    http://dreiklein.de/portfolio-item/vater-von-anselm-maria-sellen/

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ja, das finde ich auch!! Viele Grüße zurück!

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