Stillstand

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Wenn es eine Redewendung gibt, zu der ich schon immer ein besonders ambigues Verhältnis pflegte, dann ist es wohl diese hier: “Abwarten und Tee trinken.”

Manchmal frage ich mich ernsthaft, wer dieses dusselige Sprichwort in die Welt gesetzt hat!? In meiner bildhaften Vorstellung war es wohl irgendein betagter, steinreicher Engländer aus dem vergangenen Jahrhundert, der nichts Aufregenderes zu tun hatte, als in seinem walisischen Landhaus in seinem knarrenden Schaukelstuhl zu sitzen, gemütlich in seinem Zigarrenqualm unterzutauchen und den Pferden auf der Koppel nachzuschauen, bis es Abend wurde.

Keine Ahnung, warum in meinem Kopf stets dieses Bild existiert; und selbst wenn mich die Google-Recherche soeben eines Besseren belehrt hat hinsichtlich deren Ursprungs, werde ich mich mit dieser “Lebensweisheit” partout nicht warm. Anstatt in mir ein beruhigendes, buddhistisches Gefühl des Innehaltens und der Akzeptanz der nun mal existierenden äusseren Umstände hervorzurufen, erzeugt sie in mir genau das Gegenteil: Sie bringt mich regelrecht auf die Palme!

Wer mich kennt weiss, dass ich kein Freund von Geduld bin. Also wirklich gar keiner. Wenn es nach mir gänge, würde alles in meinem Alltag nach dem Formel-1-Prinzip funktionieren: Von 0 auf 100 in 2,5 Sekunden (habe ich auch gerade gegoogelt). Alles würde laufen wie am Schnürchen. Es gäbe keine Schlangen an der Supermarktkasse, keine Wartezeiten beim Arzt, immer pünktliche Paketlieferungen, die Wäsche wäre quasi noch vor dem Aufhängen trocken, die Kinder würden im Land der Träume versinken, sobald ich das Vorlesebuch zuklappe, und eine Schwangerschaft würde keine 40 Wochen dauern!

Womit wir beim eigentlichen Thema wären- meinem Melonenbauch und mir. Ihr merkt schon, mit mir und meinem hochschwangeren Gemüt ist heute nicht gut Kirschen essen. Auch mit einem verlockend frischen Bananeneis kriegt mich heute keiner mehr runter von der Palme. Ich nehme mal an, die unerträgliche Hitze und die Schwangerschaftshormone gehen gewaltig mit mir durch. Denn ich gestehe- ich habe es gerade ein wenig satt….Darf frau das?

Kennt Ihr auch diese Tage, an denen irgendwie alles NICHT zu funktionieren scheint? An dem Euch die Decke auf den Kopf fällt, weil Ihr nichts planen könnt und Ihr komplett von Dingen und Umständen abhängt, die ausserhalb Eures Einflussbereiches liegen?
Ich habe heute so einen Tag. Es ist so ein Tag, an dem ich wie ein gefangenes Raubtier mit hitzigem Kopf sturr im Kreis laufe und darauf hoffe, dass sich mein kleiner Käfig doch noch als Segen entpuppt. Ein Tag, an dem an allen Ecken und Enden Geduld gefordert ist, die ich aber gerade echt nicht besitze…oder bereits aufgebraucht habe:

Morgendlicher Marsch zum Krankenhaus. Blutabnahme. Plus Schwangerschafts- Check beim Gynäkologen. Soweit alles nach Plan. Noch ist die Praxis geschlossen. Doch Mist, die pensionierte Bevölkerung war schneller als ich (warum eigentlich?) und säumt bereits vor 7 Uhr ALLE Stuhlreihen des Behandlungsraumes. Nummer 32 gehört mir. Und ein Stehplatz (warum eigentlich?). Der Arzt hat Verspätung. Daheim sitzt mein Mann schon auf heissen Kohlen, denn die Kinder müssen in die Kita gebracht werden. Aber hej- wir haben ja Zeit. Ohm.

Dann ein Anruf des Gatten: Der lang geplante Termin beim Notar heute zur Unterzeichnung unseres Wohnungskaufes ist geplatzt. Schon zum zweiten Mal. Eine wahre Odysee, um die Kinder nachmittags während unseres wichtigen Termins unterzubringen und dann das. Nein, so war das nicht geplant. Ärger.

Punkt 3 (immer noch vor dem Frühstück wohlbemerkt): Umstrukturierung unserer kleinen Altbauwohnung – gestoppt. Per mail. Von der städtischen Bürokratie, der es sichtlichen Spass zu machen scheint, einem mittelgrosse Steinsbrocken in den Weg zu legen. Zeitplan aus den Angeln gehoben. Wieder warten. Kein Ende in Sicht. Frust macht sich breit.

Und während ich an diesem Punkt schon kräftig in meinem sauren Saft aus Ärger, Hunger und Schweiss schmore, überrascht mich passend dazu noch die Meldung aus der ehemaligen Krippe unserer Tochter: Ich hatte vergessen, ihre Abwesenheit für diesen Monat schriftlich mitzuteilen. Vermutlich kostet uns nun dieser formale Fehler den gewohnten Monatsbetrag. Klasse! Sonst noch was heute?

Und stets mittendrin im heutigen Schlamasseltag- mein dicker, runder Kugelbauch und ich. Ja, ich gebe es zu: Ich finde es gerade gar nicht mehr witzig, bei anhaltender Affenhitze meinen gefühlt bleischweren Körper durch die Weltgeschichte zu schleppen. Ich will raus aus meinem Ich und bitte gerne an den Nordpol. Sofort. Im Formel-1-Prinzip.

Und da wir schon mal beim Thema sind: Nein, es heitert mich gerade überhaupt nicht auf, wenn die netten alten Damen im Tante-Emma-Laden um die Ecke (und auch sonst überall) meine Murmel antätscheln, Wetten über das Geschlecht des Babys abschliessen (der Form und der hiesigen Volksweisheit nach ist es eh immer ein Junge) und mich keuchendes Etwas zwischen Einkaufstüten und Rollatoren regelrecht gerichtsähnlich vernehmen: Nein, es ist nicht die erste Schwangerschaft. Ja, es ist noch etwas Zeit bis zur Geburt. Doch echt, sie dürfen mir ruhig glauben, dass ich schon zwei Kinder habe! Und ja, darf ich jetzt bitte weiter? Ich müsste mal dringend aufs Klo.

Und überhaupt: Ich hätte jetzt auch gerne mein Baby. Die Schwangerschaft ist doch schon an einem guten Punkt! Frau wäre jetzt soweit. Bitte!!

Och menno! Bekomme ich heute wenigstens einen Wunsch erfüllt?

Tja, wahrscheinlich steckt heute einfach der Wurm drin, und es würde mich nicht wundern, wenn zur Feier des Tages noch ein sympathischer Strafzettel ins Haus flattern oder als Highlight die Waschmaschine ihren Geist aufgeben würde. Wenn, dann schon richtig, oder? Lieber die geballte Ladung heute auf einmal als das ganze Spiel morgen von vorne….

Ja, so ein Tag ist heute. Alles Mist. Alles zu lang. Alle Pläne aus den Angeln gehoben. Mir sind die Hände gebunden. Nichts läuft so, wie ich es gerne idealerweise hätte. Ich habe keine Lust, immer und überall zu warten, geduldig zu sein, Dinge auszusitzen. Schon gar nicht mit Kugelbauch und Kompressionsstrümpfen. Viel lieber würde ich mich wie ein Kleinkind auf den Boden schmeissen und solange strampeln und Donnerwetter machen, bis die Gewitterfront vorbei ist… Darf Frau Schwanger das?

Und wenn mir jetzt aber Jemand von Euch- nach Lesen dieser meiner Wortausbrut- schreibt, ich solle doch bitte mal einen Gang runterfahren, die Zeit geniessen, mal ernsthaft durchatmen und relaxen und bis zehn zählen und die ruhige Kugel schieben und…vielleicht mal einen Tee trinken- oh nein, der hat die Antifona nicht verstanden! Nein, meine Lieben, heute stehe ich mit der Welt auf Kriegsfuss, und keiner kann mich hier mit einem Earl Grey Tea zur Vernunft oder gar zur Kapitulation zwingen. Schon gar nicht der seelenruhig schaukelnde Lord, dem ich insgeheim die Schuld für mein heutiges Dilemma gebe (Einen Sündenbock muss man ja finden!). Und ich werde mich hüten, für diesen Beitrag ein Teetassenbild zu suchen. Ne, da pfeife ich echt drauf!

Naja, mal schauen, ich möchte ja nicht den ganzen Tag Trübsal blasen, sondern optimistisch nach vorne schauen. Vielleicht sieht ja morgen die heute so düstere Welt schon wieder ganz anders aus. Vielleicht erzeugen die kreativen Schwangerschaftshormone bei mir dann so ein überwältigendes Flower-Power-Feeling, mit dem alles wieder Love, Peace und Happiness ist. Wir werden sehen….

Drückt mir aber für den verbleibenden Tag noch die Daumen, dass der Briefkasten leer bleibt und alle Haushaltsgeräte brav weitermachen und- höchste Priorität- mich heute bitte Niemand mehr auf meinen Babybauch anspricht! Andernfalls garantiere ich für nichts…;)

 

 

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. bewild459 sagt:

    Auch, wenn ich mir vorstellen kann, wie es dir geht (oh ja, ich bin auch sehr – SEHR – ungeduldig!), ist der Text nett zu lesen. Ich hoffe, der Tag wurde besser und die Woche wird es auch!
    Liebe Grüße aus der (nicht mehr ganz so weiten) Ferne
    Berdien

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    1. Mäusemamma sagt:

      Och wie lieb von dir, liebe Berdien! Geniesst Eure Zeit in Deutschland!!!

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  2. Ach Mensch, es gibt Tage, an denen klappt einfach gar nichts…und dann kommen wieder Tage, an denen klappt alles! Ich hoffe, es ist heute ein besserer Tag? Liebe Grüsse aus Frankreich

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  3. Mäusemamma sagt:

    Ich danke Dir- ja, heute sieht die Welt schon wieder anders aus! Liebe Grüße zurück!

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  4. Corinna sagt:

    Was für ein Sch…tag!!! Solche kommen vor, wenn man schwanger ist, aber auch sonst ist man nie vor ihnen sicher. Wenn Abwarten und Tee nicht hilft, hilft vielleicht ein anderer Ausgleich: laut schreien und mit den Füßen aufstampfen. Irgendwie musst du schließlich Dampf ablassen. Einen Blogbeitrag schreiben, funktioniert offensichtlich auch. Alles richtig gemacht! 😉

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  5. Mäusemamma sagt:

    Ja, das stimmt! Zum Frust wegschreiben war das Schreiben auch perfekt! Und manche Tage fangen halt schon frühmorgens miserabel an… Der heutige Tag hingegen hat alles wieder wett gemacht 👍! Viele Grüße! Claudia

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