„With me is not good cherry eating!“

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Auch wenn ich eigentlich von Natur und Profession aus eine relativ strikte Verfechterin der sprachlichen Korrektheit bin und schon bei mangelhaft übersetzten Zutatenlisten auf Saftpackungen die Krise kriege, zauberte mir diese- sagen wir mal „frei“ übersetzte- deutsche Redewendung ehrlich gesagt schon ein kleines Schmunzeln auf die Lippen.
Diesen- für uns Deutschsprachige jedenfalls- unmissverständlichen Satz hatte sich eine sympathische Ticketverkäuferin gut sichtbar und wohlweislich warnend an ihren Kiosk an einer Schiffsanlegestelle geklebt. So eine Art „Vorsicht! Bissiger Hund!“, bei der man lieber flink zur Bewahrung der eigenen Unversehrtheit die Straßenseite wechselt. Und die praktischerweise keiner großen weiterführenden Erklärung bedarf.
Allen englischsprachigen Touristen stehen beim Lesen dieses Satzes wohl regelmäßig the hairs to the mountain, und die weiter unten stehende Aussage, dass „With English I don’t have it so“, hätte an diesem Zustand wohl auch nicht viel geändert.

Doch eigentlich soll es in diesem Beitrag gar nicht um die Unmöglichkeit (oder besser gesagt häufige „Unsinnigkeit“) der 1:1 Übertragung von deutschen Redewendungen in ein anderes Sprachgebiet gehen (auch wenn ich dies ein überaus spannendes Thema finde!), sondern vielmehr darum, dass in anderen Kulturbereichen die Uhren nunmal anders ticken und der gesellschaftliche Lebensalltag von Rhythmen, Bräuchen und Angewohnheiten geprägt ist, die- nun ja- eben anders und oft unübertragbar in den eigenen Kultur- (und Sprach)raum sind. Was in hiesigen Gefilden gilt, das muss anderswo nicht zwingend ebenso sein. Wie sagen die Engländer da so schön dazu: „When in Rome, do as the Romans do.“

Tja, wir waren nicht in Rom, sondern in Deutschland. Bei meinen Eltern. Man könnte sagen: Es war ein alljährliches Treffen der Generationen und der Kulturen. Oder sollte ich gar sagen: Ein Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Einstellungen zu alltäglichen Lebensfragen wie Kindererziehung, Alltagsorganisation und Ernährung?

Auf der einen Seite da waren WIR- meine zwei Kinder, vom Lebensstil her kleine Vollblutitaliener, die zwar auf dem Papier halb deutsch, aber – Asche auf mein Haupt- der dazugehörigen Sprache nicht mächtig sind, sowie meine Wenigkeit, seit mehr als 15 Jahren Wahlsüdländerin und mittlerweile mehr „mamma mia“ als „Muddi“.

Und auf der anderen Seite SIE- meine Eltern: Beispielhafte Exemplare der deutschen Nachkriegsgeneration, welche in den 50er Jahren unter der- aus heutiger Sicht- strengen Erziehung meiner Großeltern aufgewachsen und natürlich von deren Lebensstil, Alltag und Mentalität geprägt worden sind. Und die dann im rigiden sozialen Konstrukt der DDR in den 70er und 80ern ihre beiden Kinder- eins davon bin ich- groß gezogen haben und seit dem Mauerfall nun vor allem die unbegrenzte Reisefreiheit und damit den Einblick in neue Kulturen genießen.

Und wie Ihr Euch nun nach diesem ausführlichen Vorwort sicherlich schon denken könnt, stellte dieses Aufeinandertreffen unserer mittlerweile verschiedenen Lebenswelten, vermischt mit generationsbedingten, unterschiedlichen und zum Teil auch gegensätzlichen Einstellungen und Meinungen nicht selten den Nährboden für die eine oder andere Grundsatzdiskussion dar. Und wer mich kennt der weiß, dass bei verbalen Auseinandersetzungen mit meinen Eltern mit mir wahrlich nicht gut Kirschen essen ist…

Ein besonders heikles Thema stellten die Angewohnheiten bei Tisch dar. Als fast „waschechte“ Südländer aus den Mittelmeergefilden schätzen wir natürlich in unserem Alltag sehr die mediterrane Küche. Erst der erste Gang, dann darf der Zweite folgen, die Kinder wissen Bescheid wie’s läuft. Viel Gemüse, Obst, Pasta, Risotti, Aufläufe, ab und an eine leckere Pizza und allgemein alles frisch. Unsere Mägen, Bäuche und Verdauugssysteme sind- so könnte man sagen- auf diese Art der Ernährung programmiert und funktionieren aufgrund der Alltäglichkeit mit ihnen recht gut und zuverlässig.

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Klar ist natürlich, dass vor allem die Kinder bei der Begegnung bei Tisch mit der deutschen Küche alias Butterbroten, Leberwurst, Salzbrezeln, Kohlrabi, Rouladen und Bockwurst erstmal kulinarisches Neuland betraten. Zahlreiche gut angepriesene, mehr oder weniger interessant aussehende, unbekannte Dinge standen- stets mit Liebe zubereitet- auf dem Tisch zum Vertilgen bereit. Und gleichzeitig standen ich und MEIN Verdauungstrakt schon das eine oder andere Mal vor einer- geschmacklichen und nicht zuletzt voluminösen- Herausforderung. Und dass da bei so einem vielseitigen Verkostungsangebot, mit dem täglich um die Gunst der Enkel geworben wurde, mal das eine oder andere auf den gemischten Tellern liegen blieb und auch der Drang, auf’s stille Örtchen zu müssen, schon plötzlich und unerwartet beim Essen kam, ist sicherlich auch nicht verwunderlich. Da erreichten Oma und Opa mit gut gemeinten Aussagen, die mich persönlich in meine Kindheit zurück katapultieren, wie „Der Teller muss aber leer werden!“ und „Es wird gewartet, bis alle fertig sind!“ nicht unbedingt das Ziel ihrer erzieherischen Objektive. Da kamen einfach zu viele, in diesem Falle kulinarische Inputs zusammen, welche die Kinder erstmal aus der Bahn/ von den Stühlen warfen und die eine oder andere, sonst generell akzeptierte „Tischsitte“ vergessen ließen. Und überhaupt: Wie kann man schon still sitzen bleiben, wenn nebenan die neuesten Spielsachen von Oma und Opa locken? Nicht selten fand ich mich also am Ende des Festschmauses in Erklärungsnot wieder und fühlte mich quasi gezwungen, das auch für mich ungewohnte Tischverhalten meiner Kinder zu rechtfertigen.

„Nein, daheim bleiben sie bis zum Ende sitzen.“ „Ja, bei uns wird auch nichts weggeschmissen.“ „Nein danke, Wasser reicht bei Tisch.“ „Mit Curry und Pfeffer haben wir es nicht so, danke.“

Tja, was soll ich sagen: Ein kulinarischer Culture Clash der Generationen, zu dem ich mal mehr, mal weniger meinen Senf dazugegeben und beim xten Butterbrot und Roter Grütze eben mal beide Augen zugedrückt habe, um den beiden großelterlichen Köchen nicht den Brei zu verderben. (Die Verstopfung blieb aber dann bei mir hängen.)

Grund zur allgemeinen Verwunderung boten sicherlich auch unsere Schlafenszeiten bzw. die unserer Kids. Während der Sandmann wohl schon seit anno dazumal symbolisch die Bettgehzeit der (ost)deutschen Kinderleins einläutet, stellte er für uns häufig Teil des Nachmittagsprogramms dar. Der Mann mit dem weißen Bart und dem Säckchen voller Wundersand als Wachmacher sozusagen. Wenn wir uns dann nach dem Mittagsschlaf so langsam auf den Weg zum Spielplatz machten, saßen die einheimischen Gleichaltrigen wohl schon im Schlafanzug am Abendbrottisch. Und wenn wir frühmorgens die Jalousien hochzogen, läuteten womöglich schon in der Ferne die Schulglocken.

Tja, doch was soll ich dazu sagen? Hier im Süden ticken die Uhren eben anders- im wahrsten Sinne des Wortes. Das wärmere Klima und die längeren Tage, die unterschiedlichen Arbeitszeiten der Eltern und eine andere Organisation des Schulalltages der Kinder bringen nunmal zwangsläufig Alltagsabläufe mit sich, die sich eben an den hiesigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen orientieren. Logisch.
Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke und ebenso den Erzählungen meiner Eltern zuhöre, dann besteht zwischen meinem bzw. unserem heutigen Leben in Italien und der damaligen ostdeutschen Realität ein himmelweiter Unterschied. Auch klar. Doch auch damals galt was heute gilt: Man hat sich angepasst an das gesellschaftliche Konstrukt:

Stellte den Wecker um 5, um ohne fahrbaren Untersatz Punkt halb 7 auf der Arbeit zu sein. Beide Elternteile. Um sich dann abends vor 6 noch fix in die Schlange zu stellen, weil Bananen gekommen waren. Nach dem Abendbrot fix die Kinder ins Bett und den Haushalt schmeißen. Plumpsklo auf der Etage, Wäscheschüssel als Badewannenersatz, Urlaub im FDGB-Heim nur nach Zuteilung. So war das. Man war es so gewöhnt.

Ja und bei uns ist es eben anders. Anders, weil sich die Rahmenbedingungen ortsbedingt in einen anderen kulturellen und sozialen Kontext einbetten. Weil es hier schon immer anders war und womöglich immer anders sein wird. Wecker um 7, halb neun im Büro. Die Kinder in der Schule, die Mama kümmert sich um den Haushalt. Siesta in der Mittagszeit, dafür ist bis 20 Uhr Trubel. Das Licht im Kinderzimmer wird selten vor halb 10 ausgeknipst. So ist das. Man ist es hier so gewöhnt.

So, und ist das jetzt schlimm? Schlecht? Schädlich für meine Kinder, weil sie abends auch nach Herrm Fuchs und Frau Elster wach bleiben dürfen? Eine erzieherische Lücke, wenn sie den Großteil des Abends noch mit uns verbringen dürfen? Ist etwas schief gelaufen, wenn die Windel noch dran ist mit zweieinhalb? Oder wenn, nach einem erlebnisreichen Tag, in Momenten der kindlichen Müdigkeit auf Durchzug und Rebellion geschaltet wird? Sind wir „Erwachsenen“ nicht auch mal müde, gereizt, trotzig? Also ich schon! Und hej- darf Wäsche ohne Klammern hängen?

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Ich als „mamma“ gebe zu: Nicht selten traf ich, angesichts der Art und Weise, wie wir unseren italienisch geprägten Alltag organisieren und leben, auf Unverständnis. Auf vermeintliches Kopfschütteln hinter versteckter Hand. Ich fühlte mich teils schief beäugt, insgeheim vielleicht auch etwas kritisiert und verurteilt.

„Damals wäre das nicht gegangen!“ „So was gab es bei uns nicht!“ Sätze, die ich nicht unbedingt hörte, aber dennoch vernahm. Und die mich innerlich verletzten, weil sie indirekt unseren Lebensstil in Frage stellten.

„When in Rome, do as the Romans do.“ Ein simples, aber doch so wahres Sprichwort wie ich finde.
Andere Länder, andere Sitten.
Mit unseren „Sitten“ bin ich wohl in einem anderen Umfeld das eine oder andere Mal angeeckt, und habe sicherlich, wenn auch meist versteckt, für Gesprächsstoff gesorgt.
Doch ich selbst möchte auch nicht das Unschuldslamm spielen, denn, im Nachhinein betrachtet, wies auch meine Toleranzzone einen relativ kleinen Spielraum auf. Ja, die Zeiten haben sich geändert, das stimmt, doch auch die Vergangenheit sowie andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen bergen doch immer auch etwas Gutes in sich, oder?

In diesem Sinne will I not break my head anymore und werde auch zukünftig unseren Alltag weiterhin so gestalten, wie es für uns passt.

 

 

 

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hahaha, das kenne ich nur zu gut. Und jedes Jahr im Sommer in Leipzig wieder dasselbe Theater mit dem Essen. Wir sind relativ lange da (3 Wochen ich + Sohn und 6 Wochen die Tochter), da finde ich es nur semigut, dass die Ernährungsgewohnheiten meiner Kinder kurzerhand komplett umgestellt werden, dass ich dann wieder Schwierigkeiten habe, wenn wir zurück sind.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Meine Kids (oder besser gesagt die Kleine, da der Große ernährungstechnisch ja seine spezielle Diät auch im Urlaub beibehalten muss) haben sich recjt schnell wieder an „unser“ Essprogramm gewöhnt. Zumal wir ja nicht immer bei meinen Eltern waren und natürlich auch ich oft gekocht habe. Aber sie hatte schon etwas zu kämpfen mit ihrer Verdauung bei all den neuen Sachen…😉

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  2. BrokenTune sagt:

    Also, es ist aber auch eigenartig, dass Eltern/Grosseltern da so eine erwartungshaltung haben, dass Deine Maeuse da eben genauso aufgezogen werden, wie du, oder?

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ja, also es war wohl eher indirekt und kam mir so vor. Ich kenne ja meine eigenen Eltern und weiß, was in ihren Köpfen vorgeht. Vermutlich habe ich eine von ihnen ausgehende Erwartungshaltung stärker vernommen als sie im Endeffekt war. Im Grunde haben sie nichts „auszusetzen“, würden selbst aber sicherlich einige Dinge anders machen. Je nachdem wie sie es gewohnt sind.

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  3. Corinna sagt:

    Unser Kleiner lebt erstaunlich deutsch hier in Apulien. Er geht um acht schlafen. Steht dafür aber auch um 6 schon wieder putzmunter im Bett und kräht nach Mama. Er
    isst gern Nudeln (lieber nur mit Butter als mit Tomatensauce), aber liebt Stampfkartoffeln mit zermatschtem Gemüse.

    Uns sehen eher italienische Freunde befremdlich an. Doch dafür haben wir ein super ausgeglichenes Kind. 😉

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    1. Mäusemamma sagt:

      Siehste😉! Hauptsache, es geht den Kleinen und Euch gut damit. Was die Uhrzeiten angeht sind wir da im Vergleich zu einigen Familien mit gleichaltrigen (oder auch jüngeren) Kindern noch relativ früh dran. Zum Einen, weil ich nicht möchte, dass die Kids „bis in die Puppen“ aufbleiben (sie sind zu klein, um selbst zu entscheiden!!); zum Anderen sind sie auch der Typ Kinder, die einfach um eine gewisse Zeit müde sind.
      Und was das Essen angeht, so gibt es Kartoffeln bei uns so gut wie nie😉. Von der Seite her sieht wir ganz und gar nicht deutsch…

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  4. Corinna sagt:

    Vermutlich sind alle Kinder um „eine gewisse Zeit“ müde. 😉 Ich finde, die meisten Eltern merken bei uns nur nicht, wann das ist. Wenn unser Kleiner anfängt nur noch Quatsch zu machen und aufzudrehen, dann ist es Zeit fürs Bett.:)

    Mal sehen, wie es in diesem Sommer in Deutschland wird. Im letzten Jahr hatte ich trotz der Kartoffelgewöhnung in der ersten Woche totale Probleme mit dem Essen.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ja der selben Meinung bin ich auch! Viele Kids werden dann überdreht und die Eltern lassen sie bis spät abends machen und gehen dann alle gemeinsam ins Bett. Das finde ich schon übertrieben. Wenn bei uns angefangen wird Blödsinn zu machen, dann heißt es Bettzeit. Viel Erfolg im Sommer…😉

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