Greetings from our hell-i-days oder Was ich im Urlaub allein mit Kids gelernt habe

3.47 Uhr morgens. Da hockte ich nun, fröstelnd, hustelnd und innerlich fluchend in der schwülen Ferienwohnung am wunderschönen Bodensee, die ich seit ein paar Tagen mit unseren zwei kleinen Rabauken bewohnte.
Es war wohl die dritte oder vierte oder was-weiß-ich-wievielte Nacht, die ich mir komplett schlaflos und halb verzweifelt um die Ohren schlug. Reizhusten, Schüttelfrost, schmerzende Beine, ein Kreislauf, der gefühlte 24 Stunden verrückt spielte… Noch nie hatte ich mir das Morgengrauen und etwas Erlösung aus diesem unendlich scheinenden Grippealbtraum sehnlicher herbeigewünscht.
Sollten etwa SO die nächsten Urlaubswochen aussehen, die ich allein mit den Kindern verbrachte?

Vor ein paar Monaten hatte ich meinem (damals natürlich vor Freude in die Luft springenden) Mann siegessicher und selbstbewusst offenbart, dass ich im Frühjahr, dann bereits hochschwanger, ein paar Wochen in der Nähe meiner Eltern verbringen würde. Allein, ohne ihn, mutig. Dafür hielt ich dieses Vorhaben jedenfalls. Vielleicht würde es für lange Zeit das letzte Mal sein, dass ich mich einfach mal so einen Monat lang problemlos aus dem hiesigen Alltag ausklinken konnte. Ich, die Kinder, der Kugelbauch.

Ja ja, das kriegen wir hin. No problem. Alles eine Frage der Organisation und der Einstellung. Mama schafft das, don’t worry. Und wenn es hart auf hart kommt, können ja Oma und Opa mal übernehmen.

In meinem Kopf hatte ich mir schon im Voraus unsere Reisekatalog-tauglichen Familienferien ausgemalt: Zufriedene, glückliche Kinder, die neben einer grazilen, fitten und allzeit relaxten Mama die Frühlingstage am See genießen, ganz selbstverständlich beim Spielen, Eisessen und beim Erkunden der idyllischen Umgebung instagramtaugliche Posen einnehmen und dabei nicht vergessen, bei den erwartungsvollen Großeltern stets einen vorbildlichen Eindruck zu hinterlassen. Ach ja, und nebenbei noch fleißig ein paar nützliche Vokabeln der deutschen Sprache aufschnappen. Sowie artig und genüsslich (und ohne daraus resultierende Verdauungsstörungen) Leberwurst, Butterbrote und Kohlrabi schnurpsen.

Nach den ersten Tagen, die ich zwar schon röchelnd, aber dennoch optimistisch und weiterhin urlaubsfreudig verbrachte, schleuderte mir nun diese xte verkorkste Nacht unmissverständlich die knallharte Realität ins Gesicht: Dass meine Urlaubszeit mit den Kids wohl definitiv anders aussehen und bei weitem keine vermarktungsfähige Form a‘ la TUI-Reisen annehmen würde.

Oh ja, in jener finsteren, schwülen Nacht musste ich mir schweren Herzens und gesenkten Hauptes eingestehen, dass ich meine Rechnung ohne das eventuelle Eintreten des blödsten aller Zufälle, nämlich einer kranken und kraftlosen Mama, gemacht hatte. Irgendwie ging das hier alles gerade nicht auf, und so sehr ich auch grübelte und im Fiebertaumel tüftelte, es schien keine greifbare Lösung auffindbar zu sein für den sich bewahrheiteten Problemfall.

Aber was sollte ich tun?
Mal abgesehen davon, dass ich zugegebenermaßen schon das eine oder andere Mal zu hart ins Gericht gegangen bin mit meinen kleinen Lausebengeln, vor allem dann, wenn sich meine körperliche Belastungsgrenze mit den ihrigen kindlichen Trotzmomenten zu einer explosiven Mischung vereinten, vorzugsweise in Momenten der allgemeinen Müdigkeit, verlebten meine Kinder eine wunderschöne und aufregende Zeit.

Der simple Tapetenwechsel, die mitunter spannenden Ausflüge, die ungeteilte Aufmerksamkeit von Oma und Opa, aber auch die – für uns Erwachsenen wohl eher unspektakulären- alltäglichen Begegnungen und vielfältigen Eindrücke taten ihnen sichtbar gut. Bei Tisch wurden bei gutem Appetit die Teller immer leer, und nachts holten die Kinder sich in ihren Betten all die Energien zurück, die sie für den kommenden Tag brauchen würden. Sie waren happy und begeistert von der willkommenen Auszeit in einer neuen Umgebung.
Was wollte ich also mehr als einen Urlaub mit glücklichen und strahlenden Kindern?

Tja, das alles wäre doch fast perfekt gewesen, wenn es nur die Mama gesundheitlich nicht so extrem aus der Bahn geworfen hätte! Hatte ich schon erwähnt, dass Kranksein im Urlaub einfach nur ganz großer Mist ist?? Körperlich fühlte ich mich rund um die Uhr wie ein Häufchen Elend und konnte vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben hautnah nachempfinden, wie es älteren oder gesundheitlich eingeschränkten Menschen geht, die ständig einen verzwickten Kampf mit ihrem Körper führen müssen. Der eigentlich schon verbannte Buggy, in denen ich unsere Gott sei Dank verständnisvolle Kleine ab und an „verfrachtete“, diente mir als stützender Rollator, und überhaupt fühlte ich mich stellenweise, als stammte ich aus dem vorletzten Jahrhundert. Und dass mir die ganze Situation irgendwann auch psychisch ganz schön zusetzte, ja das könnt ihr euch sicherlich vorstellen. Nicht selten stand ich komplett neben mir, als ich nach einem langen, heißen Tag allein mit den vor Energie strotzenden Kids versuchte, meine Kräfte wieder halbwegs zu ordnen und nicht an meinen stundenlang anhaltenden Hustenattacken zu verzweifeln.

Doch wie heißt es so schön: Nicht schlapp machen! Don’t surrender! Als Mama hat man einfach nicht die Option, das Handtuch zu schmeißen und sich zur Erholung in einer dunklen Höhle zu verbunkern. Nein- the show must go on. Bloß keine Müdigkeit vortäuschen. Zum Ausruhen wird später noch Zeit sein. Irgendwann.

Ja, und genau da war er wieder, dieser heimtückische Wegbegleiter, der wohl nur darauf gewartet hat, mir das Leben schwer zu machen: Mein verdammter STOLZ!
Mehrmals bot sich mein mittlerweile besorgter, meinerseits schon mit Hiobsnachrichten zugetexteter Mann an, für ein paar Tage seine Arbeit stehen und liegen zu lassen und über ein langes Wochenende zu kommen, um mir etwas Erholung zu verschaffen. Nein. Bloß nicht! Ich. Will. Keine. Hilfe! Und auch kein Mitleid! Oder doch? Klare Gedanken werden ja bekanntlich in Ausnahmesituationen auch noch rar! So ein Mist! Aber eins war mir jedenfalls klar: Mein „Schwangere-Mama-mit-zwei-Kindern-allein-im-Urlaub“-Projekt durfte unter keinen Umständen an MIR oder meinen Schwächeleien oder der gesundheitlichen Angeschlagenheit scheitern! DAS wäre für mich und meinen verdammten Stolz ein herber Tiefschlag gewesen und gehörte absolut nicht in den Bereich meiner Akzeptanz. Niemals.

Und meine Eltern? Auch sie fragten unzählige Male an, ob und wie sie mir denn mit den Kindern zur Hand gehen könnten, doch jedes Mal winkte ich entschlossen ab, um der ganzen Situation dann doch wieder die Dramatik zu nehmen. Ich wollte ihnen verflixt nochmal zeigen, dass ich das alleine packe mit meinen Kids. Immerhin wollte ich es so, und da muss ich jetzt durch! Mit oder ohne Krücken! (Es grüße der Selbstzerstörungstrieb.) Außerdem waren da noch die Verständigungsprobleme und die gerade frisch zu Grabe getragenen Diskussionen zum Thema Kindererziehung (nach dem Motto: „Damals, als ihr klein wart…“), die mich zusätzlich noch unter Druck gesetzt und zugegebenermaßen etwas aus der Fassung gebracht hatten. Ne, ich schaukel das hier auf eigene Faust und Schluss. Aus. Basta. Hier wird nicht diskutiert.

ABER: Da war ja noch was- oder besser gesagt noch wer. Mein kleiner, zarter Bauchbewohner, der inmitten des Trubels still und leise in seinem Kämmerchen ausharrte und wohl auf ein baldiges Ende des Gewitters hoffte. Oh je, an ihn dachte ich oft, aber vielleicht doch zu selten, wenn ich mir, an den Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit angekommen, trotzdem keine Ruhe und Erholung genehmigte. Er war wahrscheinlich der, der am meisten aushalten musste und sicher mehr Ruhe und Zuwendung verdient hätte; dem es aber aufgrund meines elenden Dickschädels nicht erlaubt war…

Der gute alte Wilhelm Busch sagte einmal: „Mancher ertrinkt lieber, als dass er um Hilfe ruft.“
Ja, ich glaube, ich bin so ein Mensch, der es bevorzugt, sich die Zunge abzubeißen, als um Unterstützung und Hilfe zu bitten.
Mein Drang danach, perfekt und makellos sein (oder scheinen?) zu wollen, hat in jener Situation, in der mein Körper tatsächlich an seine Limits gekommen war und ich mir eingestehen musste, dass ich, vor allem zum Wohl des Bauchbewohners, unbedingt ein paar Gänge runterschalten musste, dann doch wieder flink Vollgas gegeben anstatt die Handbremse zu ziehen.
Nein, du kannst jetzt hier nicht einfach so alle Viere von dir strecken und die anderen für dich arbeiten lassen. Langsamer machen- ne, das kannst du dir abschminken! Jetzt und schon gar nicht später, wenn noch ein kleines Wesen dich braucht. Versuche gar nicht erst, dich hier auf deinen Lorbeeren auszuruhen. Weitermachen und Zähne zusammenbeißen- das ist die Devise!

Und mit diesen stets präsenten Gedanken im Hinterkopf haben wir drei uns also dann irgendwie durch unseren Urlaub gewurschtelt. Zufriedene Kinder- zufriedene Mamas, oder? Auch wenn ich die meiste Zeit entweder am Stock ging oder in den Seilen hing, geht mir beim Rückblick auf unsere gemeinsamen Wochen und die vielen schönen und spannenden Momente, die die Kids erleben durften, natürlich das Herz auf. Könnte ich die Zeit zurück drehen, würde ich sicherlich wieder (todesmutig?) solch einen Urlaub planen, denn für die Kinder waren die vier Wochen ein wahres und, soweit es ihnen ihre Erinnerungskraft erlaubt, unvergessliches Erlebnis.

Nur würde ich Dickkopf versuchen, das nächste Mal meinen verfluchten Stolz daheim zu lassen und die Mauer des Ehrgeizes und der Unantastbarkeit, die ich um mich herum errichtet hatte, hier und da einreißen zu lassen. Denn wenn ich eins gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass ich mir durch meinen viel zu hohen Anspruch, alles auf eigene Faust stemmen zu wollen, oft selbst im Weg stand und wertvolle Angebote des Zuhilfekommens einfach ausgeschlagen habe…

Übrigens kuriere ich noch jetzt meinen viel zu lange unbehandelt gelassenen Husten aus und bin dankbar darüber, meinen Mann wieder an meiner Seite zu haben und als Familie in unseren Alltag zurückgekehrt zu sein. Für die nächste Zeit brauche ich jedenfalls keine mutigen Herausforderungen mehr.

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe gute Besserungsgrüße, hoffe die HustenErkältung macht sich bald auf und davon.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ich danke Dir!! Jetzt, nach einem Monat, kann ich langsam von einer Besserung sprechen…

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  2. Du bist echt eine Heldin und wahnsinnig stark (und stur, hihi). Ehrlich gesagt, eine mögliche Krankheit meinerseits ist der Hauptgrund dafür, dass ich nie lange mit meinen Kindern allein wegfahren würde. Auf der Kur mit meinem Großen war ich 1 Tag unpässlich, das hat mir schon gereicht. In eurem Fall hätte ich tatsächlich den Papa einbestellt. Das durchzuziehen, hätte mich wohl zuviel Kraft gekostet, die ich nie wieder auftanken kann. Hut ab, aber beim nächsten Mal weniger Stolz 😉
    LG!

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  3. Mäusemamma sagt:

    Danke für Deinen Kommentar!
    Oh nein, als Heldin sehe ich mich gar nicht, eher als unbeschreiblich stur- wie Du selbst so passend schreibst! Denn gerade jetzt merke ich, wie schwer es mir fällt, die verlorene Kraft wieder aufzutanken… Viele liebe Grüße!

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  4. Corinna sagt:

    Ich hoffe, es geht dir bald wieder richtig gut! Das ist aber auch eine verflixte Sache mit dem Stolz, die du mit drei Kindern dir und ihnen zuliebe lösen werden musst. Das Leben wird in der näheren Zukunft bei euch bestimmt nicht leichter. 😉

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  5. Mäusemamma sagt:

    Ja da hast Du wohl recht! Da wird sich etwas tun müssen bei mir! Als ersten Schritt in diese Richtung (auch wenn er mir nicht leicht gefallen ist), haben wir für den August, wenn die Kids Ferien haben und Nr.3 zu uns stößt 😉, eine Babysitterin organisiert, die mir vormittags 2-3 Stunden zur Hand geht…

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