Während Ihr träumt…

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Ich habe mich heute einfach mal während Eures Mittagsschlafes in Euer Zimmer geschlichen und mich neben Eure Betten gesetzt. Eure kleinen Köpfe und zarten Wangen gestreichelt, wenn der Husten Euren Schlaf kurz gestört hat, und den wohltuenden Geruch Eurer lockigen Haare genossen. Warum duftet Ihr Kinder eigentlich immer so gut?

Ich habe Euch dabei zugesehen, wie Ihr – fest an Eure weichen Teddybären geschmiegt- im Land der Träume den Vormittag verarbeitet und Euch dabei das eine oder andere Mal hin-und hergewälzt habt zwischen Euren bunten Kissen. Vielleicht lag es aber auch an dem heißbegehrten Lieblingsessen zum Mittag, welches Ihr Euch fast jeden Samstag wünscht, auch wenn es Euch manchmal leider etwas die Ruhestunde erschwert. Doch wie kann ich „Nein“ sagen, wenn es Eure Augen zum Leuchten bringt?

Ich habe mich heute zu Euch gesetzt, weil ich es kaum tue. Die Zeit, in der Ihr Euch vom Tag erholt, nutze ich sonst, um in häuslicher Stille Liegengebliebenes zu erledigen, die Wäsche zu falten, zu bügeln, Essen vorzukochen, Brot zu backen, Schränke aus- und einzuräumen, Mails zu beantworten, zu lernen. Die Stunden, die ich dabei für den Haushalt, Job und all die alltäglichen, unspektakulären Dinge habe, sind wertvoll. Wertvoll deshalb, weil sie bedeuten, dass ich den Rest des Tages, frei von Verpflichtungen und Ablenkungen, mit Euch verbringen kann. Nicht immer, aber fast. Nicht immer euphorisch, aber ich gebe mir Mühe:

Ich kann mit Euch radfahren, lesen, malen, Lego bauen (Eure derzeitigen Lieblingsbeschäftigungen), auf den Spielplatz gehen, Tiere füttern, Freunde besuchen, manchmal auch fernsehen, wenn wir für Anderes zu müde und unkonzentriert sind. Manchmal besteht Ihr auch darauf, mir im Haushalt zu helfen oder beim Kochen zuzuschauen und fein säuberlich mit mir Gemüse zu schnipseln. Und den Tisch zu decken und dann mit angeschwollener Brust auf Euren Papi zu warten. Dann weiß ich immer gar nicht, wer vor Stolz mehr platzt- Ihr Beiden oder Eure Mama?

Wenn ich so neben Euch sitze, dann staune ich immer wieder, wie der Kinder Schlaf so viel wohltuenden Frieden und Leichtigkeit vermitteln kann; wie dieses leise Atmen und die friedlichen Gesichter die Macht haben, die vielen Sorgen des Alltages wie in Luft aufzulösen. Wenn Ihr da so liegt, inmitten Eurer Plüschtiere und ganz nah neben Euren Gute-Nacht-Büchern (wehe, Mama liest vor dem Einschlafen keine Geschichte vor!), dann frage ich mich, wie ich manchmal so zornig mit Euch sein kann. Eure kindlichen Dusseleien mich manchmal so aus der Fassung bringen können. Ich zu wenig Geduld mit Euch habe und Eure Unbeschwertheit oft nicht verstehen kann. Wie viel könnte ich doch von Euch lernen, hätte ich nur den Kopf frei dafür! Vielleicht wäre Vieles einfacher; vielleicht aber ist das der Lauf des Lebens. Wir sind doch erwachsen- dürfen wir da noch Kinder sein?

Manchmal, ja manchmal, da träume ich von etwas mehr Zeit. Zeit für mich, für mich und Euren Papa. Vielleicht für einen netten Abend irgendwo in einem schnuckeligen Restaurant. Mit Rotwein an Kerzenlicht, ohne gefühlte tausend Male aufzuspringen, um kleine Matschmündchen abzuwischen, Wasser nachzuschenken, das fliegende Gemüse vom Boden zu lesen, den blauen Löffel gegen eine rosa Gabel einzutauschen. Oder hej: Wie wäre es mit einem verlockenden Kurzurlaub voll mit Kultur, Geschichte, langen Spaziergängen, gedeckten Tischen und durchschlafbaren Nächten? So wie früher, als die Familienplanung noch in den Sternen stand.

Ja es stimmt: Manchmal, da hätte ich gerne etwas mehr Luft, weniger Lärm, mehr Energie und einfach mehr Zeit und Muse für die anderen Dinge im Leben. Die der „Großen“. Die Dinge, die Inspiration bringen, Phantasie wecken, neue Welten aufzeigen. Dinge eines früheren Lebens, die im Dasein als Eltern keinen rechten Platz mehr finden wollen.

Aber wenn ich so neben Euch an Euren Betten sitze und den blauen Neonhimmel an der Wand anschaue, dessen Sternbilder sich in Euren friedvollen Gesichtern spiegeln, dann werden diese Träume zu Träumereien, die im Hier und Jetzt einen Hauch des Surrealen annehmen. Seifenblasen in einer Welt, die mir hier und jetzt zu Füßen liegt. Alles Andere rückt augenblicklich in weite Ferne. Nicht in eine Utopische, Unrealistische, nein. Denn der eine oder andere Traum wird sich früher oder später noch verwirklichen, davon bin ich überzeugt. Alles im Leben hat seine Zeit, seinen Sinn. Und diese hier, die gehört Euch. Euch und uns.

Ich habe mich heute also zu Euch ins Halbdunkle gesetzt, um bei Euch zu sein, wenn Ihr aufwacht. Um lächelnd und stolz vor Glück zuzuschauen, wie Ihr aus Euren Träumen erwacht und sich Eure vom Schlaf noch warmen Bäckchen an meine Schulter schmiegen. Ihr mögt es, in den Arm genommen zu werden und langsam in Mamas Nähe dem Tageslicht entgegenzublinzeln. Und vielleicht im Flüsterton eine Geschichte anzuhören, die Euch sanft und behutsam wieder in die Welt der Wachen zurückbringt.

Und ich, ich darf Euch dabei begleiten. Ja, ich besitze das einmalige Privileg, Teil Eurer Welt zu sein, die in jenem Augenblick still zu stehen scheint. Alles scheint für einen Moment perfekt. Alles hat seinen Platz. Alles ist genau richtig so, wie es gerade ist.
Für einen Augenblick stehen die Uhren still und es gibt nur uns Drei…und die weiße Katze, die wir gerne vom Fenster aus beobachten und die Euch oft endgültig von den letzten Funken der Müdigkeit befreit.

Und dann, dann taucht Ihr urplötzlich wieder ab in Euer Reich der Spiele, in die Welt der Kreativität, der Zankereien, des Trotzes, der Unbeschwertheit, des Unfuges. In Eure Kindheit. In Euer Leben.
Und ich kehre zurück in meine Rolle, beobachte Euch still und heimlich und stolz, während ich Euch einen Apfel schäle und die Bettdecken zurechtrücke, alsbald den nächsten Streit schlichte, die Puzzleteile sortiere und später mit Euch ausdiskutiere, wer als Erstes in die Badewanne darf.

Und wisst Ihr was? Heute Abend, da werde ich mir wohl noch einmal ein paar Minuten Zeit nehmen, um mich an Eure Bettchen zu setzen und Euch beim Schlafen zuzuschauen. Um die Poesie in jenem Moment zu spüren und den Tag würdig und in Dankbarkeit ausklingen zu lassen. Um die Nacht von den Sorgen des Tages zu befreien und Eurem Leben eine Sternschnuppe zu schenken. Denn Euer Leben ist auch mein Leben, und das ist genau richtig so.

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Corinna sagt:

    Superschön geschrieben. Spricht mir sehr aus dem Herzen.

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  2. maramarin21 sagt:

    Mir gefällt Dein Text auch sehr. Ich empfinde – wenn ich im hektischen Alltag innehalte und mich ganz auf mein Kind konzentriere – auch plötzlich ganz intensiv, dass es ein großes Glück ist, sein Kind in die Welt zu begleiten und von ihm zu lernen.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ja das stimmt: Ab und zu muss man einfach innehalten und sich auf das Hier und Jetzt einlassen, ohne einen Haufen anderer Dinge im Kopf zu haben. Dadurch werden alle zufriedener und ausgeglichener.

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  3. ulbarb sagt:

    Ist das ’nur‘ ein blogpost oder ein liebeslied? wunderbar. lg

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  4. Innehalten…ein Zauberwort!

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    1. Mäusemamma sagt:

      Genau! Den Moment genießen als immer nur blind durch den Alltag zu hetzen…

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