Fabel-Haft. Von Eingeständnissen

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„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste Schwangere im ganzen Land?“

Könnte mir mein Badezimmerspiegel auf diese Frage antworten, würde er mir wohl erstmal lauthals lachend einen kalten Waschlappen um die Ohren und -vor allem- um meine tiefen Augenringe hauen.
Und mir vielleicht auf gut gemeinte Weise meine nicht vorhandene Frisur richten und die schnuckeligen Trombosestrumpfhosen an den rechten Platz- modisch und verführerisch bis unter die Brust- ziehen…

Denn selbst wenn ich einerseits diese wundersame Verwandlung meines Körpers auch dieses (dritte) Mal wieder mit Staunen beobachte, so zeigen sich mir doch deutlicher als zuvor die -weniger wundersamen und nicht nur ästhetischen- Schattenseiten der aktuellen Kugelbauchparade auf: körperliche Schwere, lähmende Müdigkeit, unbequeme Nachtstunden und ein Nervenkostüm, welches im bunten Alltag mit zwei kleinen Kindern oftmals viel zu dünn ist. Mein Geduldsfaden besteht derzeit aus Seide und mein Gemüt gleicht oft einem Vulkan, der jederzeit auszubrechen droht.

Ja, genau aus diesem Grund erkenne ich im Spiegelbild nicht selten die grimmige Königin wider, die sich gerne im Angesicht ihrer unzähligen, situationsbedingten Makel in eine schönere und harmonischere Traumwelt flüchten würde.
Kurz weg von allem, Hand in Hand mit Alice in ein wunderbares Wunderland, in der alles einen Funken langsamer und leiser zugeht.
Denn ich gebe zu: Dieses idyllisch klingende Märchen, in der die hübsche Königin und ihr edler Gatte nun in ihrem Traumschloss zum dritten Mal die Thronfolge garantieren – ja diese Fabel kommt mir derzeit vor wie eine kleine Haft, die mich lähmt und einsperrt in einen verflixten Teufelskreis:

In den Kleidern eines staubigen Aschenputtels fühle mich allzu oft unwohl, meiner Selbst nicht gewachsen, verzweifle an meinen Ansprüchen, die ich oft viel zu hoch stecke. Der Drang nach Perfektion nimmt mir im Alltag oft das Märchenhafte und lässt graue Wolken am Familienhimmel aufkommen. Um allen gerecht zu werden, breche ich mir immer wieder Zacken aus der Krone, deren Energie ich und der kleine Thronfolger im Kugelbauch doch eigentlich selbst bräuchten! Und meine zwei (manchmal gefühlt sieben) Zwerge schlafen nun mal nicht immer friedlich in ihren Bettchen und essen nicht immer artig von ihren Tellerchen. Ich fühle mich wie vom bösen Wolf durch den Wald der tausend Verpflichtungen gehetzt und komme einfach nicht an an Oma’s idyllischem (?) Häuschen. Und so lasse ich mir eben oft vom trügerischen sauren Apfel meine Stunden vergiften und hoffe insgeheim darauf, dass mir wenigstens mein Badezimmerspiegel ab und an einen Kelch voll Mut und Zuspruch reicht.

Währenddessen sollte er mir jedoch das vor Augen halten, was ich selbst nicht erkennen und wahrhaben will: Dass es Zeit ist, vom hohen Ross der „Ich-schaffe-das-alles-alleine-und-mit-links“-Einstellung abzusteigen und die böse Fee namens Perfektionismus aus meinem kleinen Reich zu verbannen.
Dass ich mir selbst eingestehen muss, dass ich – spätestens mit drei kleinen Fabelwesen um mich herum- nicht mehr immer und überall 120 Prozent geben kann, sondern Entschleunigung und Durchatmen die neuen Zauberworte sind.
Denn ja- ich habe gerne alles unter Kontrolle, mache gerne alles „gut“ und „richtig“ und „vorbildlich“. Ich mag Organisation und Strukturen, denn die geben mir Halt- implizieren aber auch den Drang, stets makellos und glitzernd sein zu wollen. Und alles alleine zu stemmen. Geht schon. Irgendwie. Selbst wenn ich dabei oft aus dem letzten Loch pfeife.
Dass ich dabei aber oft vom Weg der Unbeschwertheit abkomme wie Hänsel und Gretel- das merke ich oft erst zu spät, wenn mein innerer Drachen schon am Feuer spucken ist….

In unserem Badezimmerspiegel erkenne ich ein paar Sorgenfalten mehr, wenn ich an die nahe Zukunft denke: Wenn ich jetzt schon auf ein so dünnhäutiges, angespanntes Spiegelbild einer geknickten, grimmigen Königin schaue- wie wird es dann, wenn uns hier die Halbwüchsigen zahlenmäßig überlegen sein werden? Bald droht das eh schon klapprige, aber dennoch funktionierende Gefüge in unserem Familienreich wieder kurzzeitig aus den Fugen zu geraten. Noch ein kleiner Zwerg wird sich bald zu uns gesellen und nicht nur an den Thronen der beiden Nachwüchsler rütteln, sondern sicherlich auch an den bisherigen Pfeilern unseres Alltagsgerüstes.

Ich werde die Kontrolle verlieren. Nicht mehr überall makellos sein können. Unliebsam an meine Grenzen stoßen und wieder mal an meinen hohen Ansprüchen verzweifeln. Ein Teufelskreis, der mich unwiderruflich herausfordern wird zum Duell: Meine Wenigkeit gegen die Perfektionistin auf ihrem hohen Thron.

Deshalb ist es Zeit für Eingeständnisse, Abstriche, klare Gedanken. Denn mir wachsen sicherlich nicht auf magische Weise zwei weitere Hände, um die alltäglichen Überlebensdinge in 24 vorhandenen Stunden zu erledigen. Ich werde um Unterstützung fragen müssen.
Niemand wird mir wohl einen Zauberstab überreichen, mit dem ich die gesundheitlichen Einschränkungen unseres Erstgeborenen einfach mal so mirnichtsdirnichts wegzaubern kann, um eine Sorge weniger zu haben.
Wird mir eine gute Fee drei Wünsche erfüllen? Wohl eher nicht! Gibt es einen Zaubertrunk, durch den ich mich gleichzeitig in drei Gestalten verwandeln kann, um den Bedürfnissen von drei kleinen Kindern gerecht zu werden? Wie schaffe ich das bloß?
Und so sehr ich mir wohl ab und an am Ende eines langen Tages einen erholsamen Dornröschenschlaf wünschen würde- so unwahrscheinlich wird es wohl sein, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird.
Und wenn, dann wird es wohl ein kleiner glitschiger Frosch sein, der mich wachküssen und in die rauhe Realität zurückholen wird.

Ein bröckelndes Märchen.

Und dennoch wird es genau diese neue Herausforderung sein, die mir dabei helfen wird, alle bisherigen Grenzen erneut zu verschieben. Grenzen, die ich für unveränderbar hielt und die dennoch Raum für ungeahnte Veränderungen lassen. Die mir einen Tritt in den Hintern geben und es mir jeh verbieten wird, vor dem Badezimmerspiegel Trübsal zu blasen und mir unsere Fabel von grauen Gedankenwolken in ein Gefängnis zu verwandeln. Stattdessen wird sie mir auf meine kleine Zwergenbande zeigen, die hinter mir steht und an meinem Rockzipfel zieht, um mich in ihre wunderbare Welt der Unbeschwertheit zu verführen…

Dann soll eben der Staub meterhoch liegen und unsere Mahlzeiten mal nicht aus gesunden zwei Gängen, sondern -zur Freude der kleinen Fabelwesen-aus einfachen Nudeln und Schinken bestehen.
Dann bleibt die Wäsche eben mal liegen und die Balkonpflanzen sich selbst überlassen, damit wir ein paar schöne Stunden haben für uns. Dann wird eben das Bügelbrett aus den Augen und somit aus Mama’s Sinn verbannt und die Uhren einfach mal angehalten. Egal. Die Zeit vergeht trotzdem. Und die Kinder werden schneller das Nest verlassen, als es mir lieb sein wird.

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Deshalb die Moral von der Geschichte: Lieber im bunten Märchenwald mit drei kleinen Zwergen Blümchen pflücken und mit dem bösen Wolf verstecken spielen als sich im dunklen Schlossturm zu verstecken und darauf zu warten, dass eine gute Fee mir das Spinnrad aus der Hand reißt.
Die Dinge, die ich heute besorgen kann- die verschiebe ich locker auch auf morgen…
Und wenn ich meinem Badezimmerspiegel mal wieder diese eine Frage stelle, dann hoffe ich, dass ich für ihn nicht die Schönste, aber die bestmöglichste Mutter bin, die ich für meine kleinen Zwerge sein kann. Ohne griesgrämig in den Alltag zu blicken und hier und da mal Feuer zu spucken.

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Claudia M. sagt:

    Sehr toll geschrieben, liebe Claudi, 🙂 …da genieß ich gleich nochmal um so mehr meine erste Schwangerschaft. Früher oder später werd ich mich darin sicherlich auch wiederfinden.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke Dir, liebe Claudia, für Dein Feedback! Bei Dir ist es ja nun auch bald soweit😍! Ich gebe zu: im Vergleich zur ersten Schwangerschaft ist diese hier ganz anders- vor allem, weil man irgendwie gar keine Zeit hat, um sich auf sich und das heranwachsende Baby zu konzentrieren. Geniesse jetzt Deine Schwangerschaft!!😉 Viele liebe Grüße!

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  2. Corinna sagt:

    Wie kannst Du überhaupt in Italien leben und Perfektionistin sein wollen? Du musst doch an allen und allem um Dich herum verzweifeln. 😉

    Abgesehen davon glaube ich, dass Du schon lange weniger perfekt geworden bist. Deine zwei aktuellen Zwerge haben doch sicher schon viel vom Perfektionismus abgeschliffen. Du musst Dir vielleicht nur mal solche Episoden in Erinnerung rufen, wo nicht alles so gelaufen ist, wie Du es gern gehabt hättest, und Dich daran erinnern, dass es trotzdem irgendwie ging und vielleicht sogar viel besser als erwartet. 🙂

    Kopf hoch und unbedingt versuchen, diese letzten Wochen mit dem Kugelbauch zu genießen! Du weißt, es wird noch schlimmer kommen. 😉

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    1. Mäusemamma sagt:

      Oh ja das stimmt- mit Kindern ändern sich zwangsläufig einige Denkmuster und Verhaltensweisen, und das ist auch gut so. Oft merkt man auch dadurch, dass man vorher- zu kinderlosen Zeiten- einige Dinge viel zu eng gesehen hat. Und ja, der Hang zu Perfektionismus ist wohl einer meiner größten Makel, auch wenn ich hier in Italien lebe. Doch ich möchte versuchen, in nächster Zeit einen Gang runterzuschalten und manche Dinge einfach lockerer zu sehen. Denn ich merke ganz deutlich: Wenn ich gelassen und ausgeglichen bin, ist das auch (meist) der Rest der Familie. Viele Grüße an Dich!

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  3. Jonna sagt:

    Ein wunderbarer Text! Und ich hoffe, du findest tatsächlich genügend Unterstützung, denn deine Aufgabe ist riesig. Alles Liebe und nicht verzagen

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ich danke Dir für Deinen Zuspruch!
      Ich werde versuchen, in der nächsten Zeit etwas umzudenken und weniger perfekt sein zu wollen- denn sonst wird der baldige Alltag mit drei Kids unberechenbar. Und das soll es nicht sein, sondern ich möchte mir eben doch gerne das Märchenhafte am Mamasein erhalten. Viele liebe Grüße zurück!

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