Das Leben der Anderen

Es ist 10.30 Uhr morgens und in ungewöhnlich schicken Klamotten sitzen wir im hellen Büro einer freundlichen Bankangestellten im ersten Stock einer lokalen Sparkasse.

Wir besiegeln hier gerade den lang ersehnten Kreditvertrag für unsere neue Wohnung. Wow.

Still und fast ehrfürchtig setze ich also brav meine Hieroglyphen an all jene Stellen, die mir aufgezeigt werden. Gelesen habe ich natürlich nicht einmal die Überschriften. Wie auch? Jeder Normalsterbliche hätte Stunden gebraucht, um auch nur das Großgedruckte zu überfliegen, geschweige denn halbwegs zu kapieren. Vom Kleingedruckten soll hier mal gar nicht die Rede sein.

Überhaupt versteht meine Wenigkeit hier zwischen all den hochdosierten fachlichen Ausdrücken buchstäblich nur Bahnhof. Neunzig Prozent des Bankiervokabulars, mit denen erstaunlicherweise auch mein adrett auftretender Mann um sich wirft, finden in meinem Kopf keine adäquate Begriffsklärung. Ob es wohl daran liegt, dass meine Präsenz in der Bürowelt mittlerweile schon fast 5 Jahre zurück liegt? Daran, dass ich, die baldige Dreifachmama, einfach irgendwie raus bin aus dem Businessalltag mit all seinen kuriosen und reizenden und manchmal abstrakten Facetten?

In mir kommt das dumpfe Gefühl auf, dass mein Gehirn gerade nur noch dürftig in der Lage ist, sich mit den alltäglichen, alles anderen als abstrakten Problemchen des Hausfrauen- und Mutterdaseins auseinander zu setzen: Was koche ich heute? Ist die Wäsche trocken? Sind die Kinder fertig? Was backe ich für den Kindergeburtstag? Hat da wer die Windeln voll?

Während ich weiterhin -abwesend in weiter Ferne -meinen Mann im Zwiegespräch fachsimpeln höre, schweift mein Blick durch den Raum: Mein Gegenüber ist klassisch elegant gekleidet, durchaus dezent geschminkt, und schöner Schmuck und rubinroter Nagellack verzieren ihre Hände. Zur Feier des Tages habe ich hingegen heute mal-ausnahmsweise- die Ringe angesteckt und mir eine halbwegs zumutbare Frisur gezaubert. Ansonsten machen meine verschrumpelten Hände gerade gar keinen eleganten Eindruck- nur kann ich sie aufgrund der achzigtausend Unterschriften nur schlecht unter dem Tisch verstecken.

Auf dem Bürotisch vor mir stapeln sich dicke, grüne Kundenakten. Notizzettel kleben am PC, am Telefon, überall. Der Terminkalender an der Wand ist mehr voll als leer, und die bunten Kisten im Regal verheißen sicherlich viel Arbeit, die darauf wartet, bald erledigt zu werden. Das Telefon klingelt unaufhörlich und der Computer schnurrt.
Erinnerungen an meine vielen Arbeitsjahre hinter einem Schreibtisch, stets verbunden mit einer bittersüßen Hassliebe, werden wieder wach. Strukturierte Arbeitszeiten, ein gutes Gehalt, dazu gratis ein Sozialleben und interessante zwischenmenschliche Kontakte, entspannte Wochenenden.
Werde ich wohl je wieder in den Geschmack einer Anstellung kommen, die mich fordert, mir Anerkennung und einen geregelten Monatslohn einbringt, die sich gut auf meinem Lebenslauf macht und mir obendrein noch einen ausgleichenden Gegenpol zum Vollzeitmuttersein ermöglicht?

Ich spüre, wie in mir – zwischen Aktenstapeln, Onlinepasswörtern und toll klingenden Begriffen wie „Amortisation“, „Bürgschaftskredit“ und „notarieller Kaufvertrag“- gerade etwas Neid aufkommt. Neid auf das Leben der Anderen. Ein Leben, welches diese junge, mitten im Berufsleben stehende Dame vor mir, dem ignoranten Hausmütterchen, in höchster Potenz verkörpert. Ein Leben, welches im spürbaren und sichtbaren Kontrast zu meinem so banal und simpel erscheinenden Alltag zwischen Kochtöpfen, Putzlappen und Bügeleisen steht. Ein Leben, dass ich im Grunde nicht kenne, sondern mir es lediglich anhand von gelben Notizzetteln und einem prallen Terminkalender schön und spannend ausmale. Doch: War mein Alltag vor dem Muttersein wirklich so makellos und erstrebenswert und aufregend, wie ich ihn mir gerade einrede?

Der Unterschriftentermin dauert länger als gedacht. Ein Blick auf die Uhr bringt mich auf den Boden MEINER Realität zurück und verrät, dass der weitere Morgen nach Verlassen der Bank noch effizient a‘ la Hausfrauenart genutzt werden muss: Brot mitnehmen, das Mittagessen vorbereiten, die fertige Waschmaschine leeren, schnell durchsaugen, die Kleine pünktlich aus der Kinderkrippe abholen. Jede Minute zählt, denn Kinder warten nicht.

Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf, während die feinen Hände vor mir die letzten Akten sortieren. Ob diese nette Bankdame wohl auch Kinder hat? Vielleicht arbeitet sie ja in Teilzeit. Was verdient sie wohl? Ob ihr die Arbeit Spass macht, sie erfüllt? Oder sie auch einen schmerzlichen Spagat hinlegen muss zwischen Job und Familie?

So- und da haben wir es wieder: Dieses unliebsame Thema genannt „Vereinbarkeit“, welches uns Familien doch immer wieder, an irgendeinem Punkt, auf die Knie zwingt. Und wenn nicht auf die Knie, dann dennoch zu (nicht immer freiwilligen) Entscheidungen, welche die Organisation und die Intensität des Familienalltags unwiderruflich in eine bestimmte Richtung lenken. Unser persönlicher Weg der Balance zwischen Job und Familie lässt also in den nächsten Jahren die (meine) berufliche Verwirklichung vorerst links liegen und führt direkt in einen Haushalt mit Kind und Kegel und allem, was dazu gehört. Für uns im Moment der einzig machbare und richtige Weg zum Wohle der Familie.

Ist das banal? Simpel? Langweilig? Monoton? Manchmal ja, manchmal nein. Heute jedenfalls kommt es mir so vor.

Als ich mir die viel zu enge Winterjacke, die ich für diesen besonderen Anlass aus dem Schrank geholt habe, über mein mausgraues Umstandswollkleid ziehe, wird auch die freundliche Bankdame auf meinen nicht zu übersehenden Kugelbauch aufmerksam. Leicht verlegen vernehme ich ihren neugierigen, lächelnden Blick. „Herzlichen Glückwunsch zum baldigen Nachwuchs!“ sagt sie herzlich. Dankend nehme ich ihre Wünsche entgegen. „Kinder sind doch das Schönste, was einem passieren kann!“ fügt sie bei der Verabschiedung hinzu.

Ganz augenblicklich läuft mein schläfriges Gehirn wieder zu Hochtouren auf. Die gläsernen Türen des Bankgebäudes verzieren sich in meinem Kopf mit bunten Kinderbildern. Die Notizzettel werden zu den abenteuerlichsten Kinderbüchern, und  der überfüllte Schreibtisch verwandelt sich zu unserer chaotischen Küche nach einem Spaghettiessen zu Viert.

Alles wird plötzlich wieder bunt, schön und richtig. Alles hat auf einmal wieder seinen Platz.

Wir verlassen die Bank, draußen scheint die Sonne und ich beschließe spontan, den Nachmittag mit den Kindern auf dem Spielplatz zu verbringen. Vielleicht mit einem Erdbeereis für die Kleine und einem Stück warmer Pizza für den Großen. Und Sonnenschein für mich.

Ja, die freundliche Bankangestellte hatte recht: Was gibt es Wertvolleres, Erstrebenswerteres, Spannenderes, als seine Kinder aufwachsen zu sehen und sie Tag für Tag zu begleiten?
Mein Terminkalender ist nicht voll, mein Handy klingelt nur sporadisch. Irgendwann, in ein paar Jahren, kommt auch das sicherlich zurück, doch bis dahin nehme ich mir Zeit. Zeit für meine Kinder.

Und irgendwie, ja irgendwie fühlt sich mein Alltag gerade gar nicht mehr so banal und monoton an.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jana sagt:

    Liebe Claudia, ich bin eher neidisch auf deinen Alltag. Dass du so bewusst die Entscheidung für die Kinder gemacht hast. Ich sehe meine Kleine 1 Stunde morgens und 1 Abends und dann eben am WE, das mit viel zu vielen Haushaltsdingen vollgepackt ist. Aber ich kann mich auch nicht gegen die Arbeit entscheiden. Dann wurschteln wir uns eben so durch und manchmal werfe ich einen neidischen Blick aud die Frauen, die am Tag mit ihren Kindern spazieren gehen. Ein Restneid auf die anderen bleibt wohl immer, man muss nur sehen, dass man mit seinem eigen Leben leben kann 🙂

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    1. Mäusemamma sagt:

      Oh ja, das sehe ich hier auch bei vielen arbeitenden Mamas- das einfach hinten und vorne die Zeit fehlt. Darum beneide ich Dich nicht, ganz ehrlich. Vielleicht ist es einfach nur die Vorstellung, mal aus seinem Alltag rauszukommen und sich dann kurz wegträumt in eine andere Welt, in der man ja selbst in der Vergangenheit mal gelebt hat…

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  2. Das ist wirklich eine viel schönere Welt, die Welt der Kinder, als diese eintönige Bürowelt! Ein schöner Beitrag, danke dafür!

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ich danke Dir für Deinen Kommentar! Ich denke, alles im Leben hat seine Sonnen- und seine Schattenseiten. Man muss nur das Beste aus allem machen. Viele Grüße an Dich!!

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