Immer wieder sonntags: Eine Komödie in 14 Akten

1.Akt (Einleitung):

Sonntag Morgen. Ein Blick auf die Uhr verheißt nichts Gutes- aber die Zeiger auf dem Wecker lügen nicht. Jemand knippst im Flur unaufhörlich das Licht an und aus.“Schatz, da ist wer in unserer Wohnung!“ blärre ich meinem armen Mann entsetzt ins Ohr. Oh Gott, Einbrecher!? Ein vorzeitiger Weihnachtsmann!? Um Himmels Willen, vielleicht sogar die wachen Kinder? Einem Herzinfarkt knapp entgangen springt mein tapferer Mann barfuß und noch von Müdigkeit (und wahrscheinlich vom Baileys des Vorabends) benebelt aus dem warmen Bett in die kalte, dunkle Wohnung, um den Schlingeln auf die Schliche zu kommen.

Zurück kommt er mit unserem Sohn im Schlepptau.
„Was bist’n Du um DIE Uhrzeit schon wach?“ frage ich ihn entrüstet. „Ich will in die Schule!“ – „Aber Schatz! Heute ist Sonntag!“
Es ist 7.16 Uhr und die ganze Familie ist wach. Was ein Spaß!

2.Akt
Sechs Stunden zuvor lümmelte ich noch wollsockig und eisgekühlten Baileys nippend auf dem Sofa herum und gab unermüdlichen FBI-Agenten, die im italienischen Öffentlichen mal wieder erfolgreich auf Verbrecherjagd gingen, virtuell meine klugen Ermittlungsvorschläge preis. Neben mir lag die Verkörperung Thomas Gottschalks in Form kleiner bunter Gummibärchen sowie mein Mann in Form einer riesengroßen Aubergine in seinem violetten Hausanzug. Was will man mehr an einem Samstagabend, umgeben von lauter sexy Herrschaften, während die Kinder im Nebenzimmer friedlich schlafen? Und in dieser Welle des investigativen Übermutes habe ich mich doch allen Ernstes von der utopischen Annahme überzeugen wollen, dass meine Kinder morgen früh zum Sonntag sicherlich mal etwas länger ihre kuscheligen Betten hüten werden. Haha! Falsche Fährte. Selten so gelacht!

3.Akt
Es soll ja Menschen geben, die Sonntage mögen. Weil sie an diesem einen, stillen, besinnlichen Tag Abstand bekommen von einer vielleicht anstrengenden Arbeitswoche, sich Zeit nehmen können für Dinge, die ihnen Freude bereiten und neue Energie für die kommende Woche liefern.
Ich vermute mal, dass wir womöglich in den nächsten 15 Jahren nicht mehr in diesen einst so süßen, verlockenden Geschmack eines solchen regenerierenden Wochenendes kommen werden. Denn wir haben Kinder. Und unsere Kinder sind geradezu genial und fabelhaft darin, uns einen dicken, fetten Strich durch all unsere sonntäglichen Rechnungen zu machen. Besinnlich sind einzig und allein die wenigen Minuten, in denen man sich auf Zehenspitzen auf’s stille Örtchen flüchten kann, um dort unter offensichtlichem Vorwand unbemerkt einige ruhige Momente für sich beanspruchen zu können.

4.Akt
8.07 Uhr. Ich bin ja immer richtig neidisch, wenn ich so tolle Bilder im Netz sehe, auf denen die ausgeschlafene, mehrköpfige Familie scheinbar harmonisch vereint am wochenendlichen Frühstückstisch ihr ausgewogenes Morgenmahl einnimmt und nebenbei demokratisch über den weiteren Verlauf des Tages entscheidet. Also entweder der Schein trügt (davon gehe ich jetzt zur Aufheiterung meiner selbst mal strikt aus), oder bei uns steckt der Wurm drin: Bevor das letzte (meistens das am Vorabend violettfarbene) Familienmitglied Platz genommen hat, weist das erste (meistens eins der beiden halbwüchsigen) bereits sichtbare und extrem klebrige Spuren von Milch, Keksen, Honig oder gar Schlimmerem auf und muss im Badezimmer erst einmal entkrustet und in den Originalzustand versetzt werden. Sollte es sonst keine anderen kleineren oder größeren Zwischenfälle (Ihr wisst schon, was ich meine💩 🚽) bei den Wonneproppen geben, darf ich irgendwann auch zwischen Tür und Angel und in Gesellschaft eines verbliebenen Chaos‘ in der Küche meinen inzwischen erkalteten Milchkaffee schlürfen, während die auferstandene Aubergine bereits schnurstracks ins Bad geflüchtet ist und dort seine Bartstoppeln richtet.
Fazit bis hierhin: Einen gemütlichen Morgenstart im Beisein meiner Familie hätte ich mir anders vorgestellt, doch immer wieder sonntags  werde ich des Besseren belehrt…

5.Akt
9.23 Uhr. Im Wettlauf mit der Zeit geht meine Wenigkeit nun über zu verschiedenartigen, erfrischenden Haushaltstätigkeiten, die regelmäßig und erwartungsgemäß unterbrochen werden von mütterlichen Schlichtungsversuchen im Boxring meiner sich langsam gegenseitig auf die Nerven gehenden Kinder. Was den familiären Entscheidungsprozess für die gemeinsamen Tagespläne angeht, so scheitern diese oftmals am Veto meines Mannes, der uns Vier gerne vorbildlich beim sonntäglichen Kirchgang sehen würde. Zweiter Krisenpunkt, der die Familie immer wieder sonntags in zwei Parteien unterteilt.

6.Akt
Während ich in Anbetracht der Tatsache, dass die Morgenstunden nicht unendlich sind und in der Ferne schon die Glocken des Gottesdiensts läuten versuche, meinen eitlen Mann dazu bewegen, das Badezimmer schnellmöglichst zu verlassen um zu verhindern, dass sein Sohnemann sein großes Geschäft notgedrungen in anderen Wohnbereichen erledigt, bemerke ich, dass ich selbst noch mit zersausten Haaren und Schlafanzug durch die Weltgeschichte spaziere. Außerdem müssen die Kinder noch angekleidet und die mit Spielzeug ausgelegte Wohnung wieder begehbar gemacht werden. All das, um zwei unwillige Halbwüchsige und meine selbst nur spärlich begeisterte Wenigkeit bei strahlendem Sonnenschein in die dunkle, nasskalte Kirche zu schleifen. Hach ja, der Sonntag war mir immer heilig, aber SO hatte ich das nicht gemeint…

7.Akt
11.15 Uhr. „Gehet in Frieden.“ Für meine Kinder sind das DIE erlösenden Worte, in deren Nachklang sie schon erleichtert und zielstrebig auf den Kirchenausgang zustürmen. „Dem Himmel sei Dank, dass es vorbei ist!“ steht wohl auch mir verräterisch auf der Stirn geschrieben (Der gütige Herr möge Gnade mit mir weilen lassen!). In Schweiß gebadet und vollkommen entnervt von den Bemühungen, unsere Kinder halbwegs artig und trotzfrei durch den Gottesdienst zu bringen, freue ich mich nun auch auf einen gemütlichen Spaziergang an der frischen Luft, der uns nach dieser anstrengenden Stunde sicherlich allen gut tun wird. Doch Fehlanzeige- diesen idyllischen Plan habe ich ohne meine familiäre Begleitung gemacht.
„Mama, hast Du was zum Essen mitgebracht?“ „Mama, wann gehen wir auf den Spielplatz?“ „Mama, ich muss mal ganz dringend!“ „Mama, ich habe Durst.“ „Schatz, vielleicht sollten wir langsam Richtung nach Hause gehen.“

8.Akt
Um jegliche Polemik zu vermeiden, stelle ich mir also gedankenverloren unser heutiges Mittagessen vor. Hachja, so ein gemütliches Beisammensein im Kreise der Liebsten, mit weihnachtlicher musikalischer Untermalung, für uns Mündige ein gutes Glas Rotwein und für die Kleinen gesunden Apfelsaft mit Trinkröhrchen. Ja, das alles hat doch was Reizendes…

Ein urplötzlich weinendes Kind (unseres!) reißt mich prompt aus dieser idyllischen Phantasie. „Du bist sooo gemein, das war mein Blatt!“ Ein in Regenmatsch gerunktes Laubblatt fuchtelt wie wild vor meinen Brillengläsern herum. „Ach komm, hab dich nicht so, hier liegen noch 8 Millionen andere“, versuche ich meinen protestierenden Sohn zu beschwichtigen.
Erst die nächste, schlammige Pfütze verschafft Ablenkung. Mein panisches „Neiiiiin!“ geht akustisch unter im Duett zweier jubelnder Schweinchenkinder.

9.Akt
12.07 Uhr. Nachdem ich meinem mittlerweile wieder zufriedenen Sohn die klitschnassen Füße geföhnt und meiner Tochter die Schlammreste aus dem Gesicht gewischt habe, widme ich mich nun schwungvoll und optimistisch der Vorbereitung des Mittagstisches. Etwas Hoffnung, dass der Kinder voller Mägen auch uns Erwachsenen etwas Ruhe verschaffen mögen, steckt ja doch noch in mir. (Wahrscheinlich hat der Gottesdienst doch etwas Gutes in mir vollbracht.) Heute zum Sonntag krame ich die achtsam gebügelte Tischdecke hervor, dekoriere dessen Mitte mit dem ach so entzückenden Blätterstrauss, den die Beiden mit Papa’s Hilfe dann doch noch streitfrei für die Mama zusammengesucht haben, und werfe galant zu Zucchero’s „Senza una donna“ die hausgemachten Tortellini ins Salzwasser. In jenem Moment fühle ich mich wie diese „Mamma mia“ aus der TV-Werbung der 90er, die mit ihren kulinarischen Fähigkeiten die gesamte Großfamilie wohlig stimmt. Hach, geht doch…

10.Akt
Zumindest für 20 Sekunden. „Mama, es ist was ganz, ganz Schlimmes passiert.“ Den Kochlöffel hektisch schwingend suche ich meinen flüchtigen Mann, um ihn offiziell damit zu beauftragen, den säuberlich gedeckten Tisch sowie die Halbwüchsigen zu überwachen. Doch die verriegelte Badtür lässt Böses erahnen….
Meine Aufregung sitzt noch tief, als ich den drei Missetätern zehn Minuten später die Nudeln auf die Teller wuchte. „Du hättest mit dem Öffnen der Rotweinflasche ja auch mal warten können!“ schleudere ich meinem einsichtigen Mann entgegen, während ich zum x-ten Mal den Boden wische und das umliegende Gelände von wilden Rotweinflecken a‘ la Jackson Pollock befreie. Ich sage doch, so ein Sonntag in gemütlicher Runde ist wirklich toll und kann wunderschöne kreative Ausmaße annehmen.

11.Akt
13.18 Uhr. Zumindest meine Prophezeiung, dass die Wonneproppen mit ihren Dickbäuchen nun einen Gang herunterfahren werden, hat sich bewahrheitet. „Weil ihr heute morgen so lieb wart“ (haha, dass ich nicht lache!), „dürft ihr etwas Fernsehen schauen,“ schlägt mein Mann wohlweislich vor. In einem Punkt sind wir uns wenigstens einig: Ab und zu sind Notlügen eben überlebenswichtig. Während die Kinder wie gebannt vorm rettenden Trickfilmprogramm auf der Couch sitzen, zwinkert mein Mann mir schelmig zu….Dieses Zeichen ist eindeutig, unverkennbar: Still und heimlich schleichen wir ins Schlafzimmer…und kramen die versteckten Mon Cheri- Pralinen aus dem Kleiderschrank hervor. Welch ein Genuss!! Endlicj zieht ein wenig Friede ein, und Bissen für Bissen werden die Anstrengungen des Morgens und der violettfarbene Jogginganzug meines Mannes im Alkohol ertränkt…

12.Akt
14.03 Uhr. Die Mon Cheri sind fertig, das Fernsehprogramm ebenso, wir auch. In der nächsten halben Stunde habe ich meine Hände abwechselnd in der Spülmaschine, an und in den vollen Windeln und inmitten des Chaos der Spielzeughalde, die sich umgangssprachlich auch „Kinderzimmer“ nennt. All das, während mein Mann im Rotationsverfahren die Fernbedienung in immer wieder neue Verstecke verlagert, um den Kindern unmissverständlich zu signalisieren, dass auch die Mickey Maus und die ganzen Planes jetzt brav Mittagsschlaf machen.
(Tag#: Notlüge. Siehe oben)
Unsere Kinder glauben glücklicherweise (noch) daran, und so lasse ich mich irgendwann erleichtert neben ihnen auf’s Bett plumpsen…

13.Akt
14.40 Uhr. Drei Gute-Nacht-Geschichten später haben sich unsere zwei erschöpften Wonneproppen ins Land der Schäfchen verabschiedet. Wahrscheinlich träumen sie jetzt von einer Schokoladenpralinen vertilgenden Minnie Mouse, die ihren Liebsten Laubblätter schwingend in den Sonntagsgottesdienst schuppst, während dort der bärtige Haribo- Thomas den vollen Rotweinkelch verschüttet…

14.Akt
Tja, das sind dann diese Momente der Stille, der Besinnlichkeit, wenn die Kinder schlafen und der Mann sich in seine heiligen Hallen zurückgezogen hat. Und ich? Ich verziehe mich nun erstmal gemütlich auf’s stille Örtchen, um nun endlich wahrheitsgemäß das nachzuholen, was ich den ganzen Morgen noch nicht geschafft habe. (Ihr wisst, was ich meine 💩🚽.) Vielleicht zünde ich mir dabei auch ganz besinnlich ein Lichtlein an. Sonntage sind mir ja wie gesagt heilig.

Und wenn es dann Irgendwer unter einem Meter Körpergröße wagt, im Flur das Licht anzuknipsen, dann werde ich mich eisenfest davon überzeugen, dass es ein kleiner, frecher Weihnachtswichtel ist, der mir gnädigerweise und mitfühlend einen Gummibärchennachschub liefert. Für nächstes Wochenende.

Ende.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Corinna sagt:

    Oh, Gott! Wir haben nur einen, aber ich erkenne mich in Vielem doch wider. … Auf das der nächste Sonntag es besser mit Dir meint!

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  2. nullachtfunfzehnleben sagt:

    Einfach herrlich geschrieben

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke Dir!!😘😍

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