Verspäteter Abschied

24. November

Heute auf den Tag genau wäre meine Oma 88 geworden.
„Wäre“, denn meine Oma lebt nicht mehr.

Ich schreibe diesen Artikel nicht mit Traurigkeit, nicht mit Wehmut, vielleicht aber mit dem zarten Versuch einer Versöhnung, eines friedlichen Abschiedes von der Vergangenheit.

Meine Oma ging vor ein paar Jahren in einem Pflegeheim von uns, von dem aus sie weiterhin wie gewohnt auf ihren jahrelang gepflegten Schrebergarten blicken konnte. Vielleicht half ihr das, die immer schlimmer werdenden Phasen der Demenz zu überwinden. Kurz danach verabschiedete sich auch mein Opa von dieser Welt, nur ein paar Zimmer weiter. Sein Rollstuhl blieb noch einige Zeit dort stehen, auch das einzige Foto von seinem neugeborenen Enkel.

Doch eigentlich habe ich nicht sehr viel von den letzten Lebensjahren meiner Großeltern mitbekommen. Mein Alltag spielte sich zu jener Zeit schon seit Jahren in der Ferne ab. Ab und zu erreichten mich flüchtige Updates. Und ehrlich gesagt erinnere ich mich auch nicht an die genauen Todesdaten. Zur Beerdigung war ich nicht anwesend, die lange Reise wollte ich mit einem Säugling nicht auf mich nehmen. Das mag kühl, desinteressiert und unfair klingen. Doch unsere Leben hatten nie eine gemeinsame Schnittmenge; in meinem Alltag waren meine Großeltern nie wirklich präsent:

Jede Familie hat Leichen im Keller- so auch die Unsrige: Viele kleine und größere Missverständnisse, simple Meinungsverschiedenheiten und vor allem auch charakterliche Ungleichheiten ließen den Abgrund zwischen einzelnen Familienfraktionen immer größer werden und lösten irgendwann, nach jahrelangem Tauziehen, ein verheerendes Erdbeben aus.

Dann war jahrelang Funkstille.

Als Kind verstand ich diese kühle Distanz, die manchmal zynischen Worte und dann wieder diese oft unerträgliche Stille nicht.
„Großeltern? Ne, habe ich keine.“ Andere Figuren ersetzten sie. Auf diese Weise akzeptierte ich auf kindliche Art etwas, was mir unbewusst fehlte. Dessen ich mir jetzt, als Mutter, bewusst werde.

Heute, mit dem Blick einer Erwachsenen auf die vergangenen Jahrzehnte klären sich so manche Fragen, andere werden wohl immer unbeantwortet bleiben und langsam verblassen.

So wie auch die Grabstelle, die irgendwo auf einem Parkfriedhof den Jahreszeiten trotzt. Es gibt kaum Verwandte mehr in der Nähe. Von meinen Eltern weiß ich, dass meine Großeltern keinen Aufwand wollten für ihr Grab. Ein Stück Wiese. Inmitten von anderen Verstorbenen. Ein simpler Grabstein für Beide gemeinsam.

Wollten sie etwa nicht, dass man sich an sie erinnert? Wie haben sie all die Jahre der familiären Eiszeit erlebt? Sind sie friedlich von dieser Welt gegangen?

Ich weiß nicht, wie meine Großeltern all die kontaktarmen Jahre erlebt haben, welche Bilanz sie an ihrem Lebensende gezogen haben. Aber ich glaube, sie waren einsam. Insgeheim verbittert darüber, dass ihr Kind ihnen den Rücken zugewendet hat. Oder war es anders herum? Dass sie, vielleicht aus Stolz, vielleicht aus Furcht, nie den Kontakt zu ihrer Enkelin gesucht haben. Das für mich Schlimme daran ist, dass diese Situation wahrscheinlich normal für sie geworden war. Sie hatten sich ans Alleinsein gewöhnt. Graue Traurigkeit.
Erst die „schlechten Zeiten“ gaben wieder Grund dafür, ein wenig Frieden zu schließen mit dem eigenen Fleisch und Blut. Aber nicht um zu vergessen.

„Im Kreise der Liebsten…“ Ja, auf diese Weise möchte wohl Jeder irgendwann das Hier und Jetzt verlassen mit der Gewissheit, im Leben das Beste gegeben zu haben. Für sich. Für seine Kinder. Für die Herzensmenschen. Man möchte in Frieden mit sich selbst auf ein Leben zurückblicken, welches in dem Moment in eine neue, unbekannte Runde geht. Konnten das meine Großeltern?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Doch heute möchte ich eine Lücke schließen, ein Puzzleteil einfügen in meine persönliche Geschichte, die nie wirklich komplett war und dies wahrscheinlich nie sein wird. Mit diesen Zeilen:

Liebe Oma,
würdest Du noch unter uns weilen, dann hätte ich Dich vielleicht heute angerufen und Dir zum Geburtstag gratuliert. Womöglich hättest Du mich und meine Stimme nicht erkannt, und ich hätte aus Verlegenheit nicht die passenden Worte gefunden. Aber sicherlich hättest Du Dich über ein paar Bilder von Deinen kleinen Enkeln gefreut. Sie jedenfalls haben schon mehrmals nach ihrer Uroma gefragt. Wollen Bilder sehen und so viel wissen. 

Ich erzähle ihnen dann kleine Erinnerungsstücke von damals, als der Haussegen noch nicht schief hing. Wie Du uns Kindern oft Wiener Würstchen über die Fleischertheke reichtest, hinter der Du gearbeitet hast. Dass Erdbeertörtchen Deine Spezialität waren. Und wie Du beim Paschspielen im Garten immer geschummelt hast und keinerlei Einwände geduldet hast. Ja, so warst Du, entschlossen, rechthaberisch, manchmal draufgängerisch, aber auch humorvoll und spontan.

Weisst Du Oma, wir hatten nicht viele Gemeinsamkeiten. Ich gebe zu: Ich habe mich bei Dir nicht immer wohlgefühlt. Du warst keine Oma, bei der man verwöhnt wurde. Nein, Deine Gunst musste man sich verdienen. Und das war extrem schwer und manchmal zermürbend für ein Kind.
Vieles aus meinem jungen Leben, was nach dem „Beben“ folgte, wusstest Du nicht. Du hast mich nie gefragt, ob mir Deine Nudelsuppe schmeckte. Und ich? Habe ich Dir erzählt von meiner Jugendzeit? Dir gesagt, dass ich nie Nudelsuppe mochte? Nein. Ich habe es nie wirklich versucht.

Doch Oma: Du bist nicht vergessen. Trotz allem erinnere ich mich an Dich, an einige lustige Begebenheiten, an Deine Geschichten aus dem Krieg, an die Pitiplatsch-Schallplatte, an so manche Anekdoten, die ich gerne meinen Kindern erzähle.

Ich bin Dir nicht böse für die Vergangenheit, denn oft hat das Kind in mir Dir allein die Schuld gegeben für die Lücken in unserer Familie. Doch heute weiss ich, dass jede Münze  zwei Seiten besitzt, und nicht immer habe ich beide gesehen oder verstanden. Jeder trägt seine persönlichen Kämpfe aus. So auch Du. So auch ich.

Einen kleinen Kampf möchte ich heute beenden und Dir „Tschüss“ sagen. Dir meine Hand reichen und Frieden schließen in der Hoffnung, Dir vielleicht auch eine kleine Last vom Herzen zu nehmen. Denn heute ist Dein Geburtstag und Du hast eine Erinnerung verdient.

In Gedenken, Deine Enkelin

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Corinna sagt:

    Einfach nur schön.

    Gefällt mir

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