„Sau-ber“ kommt von „Sau“ oder Warum ich mich langsam mit Matschpfützen, Regenwürmern und Nutellabroten anfreunden sollte

Wer meinen Blog etwas verfolgt wird gemerkt haben, dass ich gerne mal in Erinnerungen schwelge. Und wie es mit Erinnerungen so ist, kehren einige -z.T. ziemlich nebensächlich erscheinende- Momentaufnahmen von vergangenen Erlebnissen erst dann wieder ins Gedächtnis zurück, wenn sie einen irgendwie logischen und greifbaren Bezug zum Hier und Jetzt haben.

Vor ein paar Tagen erinnerte ich mich an einen Sommerurlaub, den ich vor einigen (vielen!) Jahren allein in Norwegen verbrachte. Ganz klassisch mit Rucksack und abgezähltem Bargeld in der Tasche, welches für zwei Wochen reichen musste. Hach ja, eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte.
Vor allem an die atemberaubende norwegische Landschaft, die kurzen, hellen Sommernächte und die skandinavische Lebensqualität erinnere ich mich noch heute sehr gerne und mit einem aufgehenden Herzen.

In den letzten Tagen ist mir aber eine kurze Begebenheit wieder in den Sinn gekommen, welche an und für sich nichts Besonderes, geschweige denn irgendetwas Relevantes für jene Reise darstellte. Nein, es handelte sich lediglich um einen Augenblick, den mein Gedächtnis aus irgendeinem Grund gespeichert und jetzt für die Mutter in mir wieder ausgegraben hat:

Ich war in Bergen und unternahm einen morgendlichen Spaziergang auf eine Anhöhe. Es war ein eher grauer, trüber und kühler Morgen nach einer verregneten Nacht. In einem waldähnlichen Parkgebiet kam ich an einem kleinen Kindergarten vorbei. Er lag idyllisch im Frühnebel; ein kleines Gebäude mit Spitzdach, umgeben von einem großzügigen Aussenbereich. Die Blätter der vielen Bäume sowie die schon in Herbstfarben getauchte Wiese im Spielhof waren noch ganz feucht von der Nacht. Ein ungemütlicher, nasskalter Morgen also.
Und dennoch belebte eine gut gelaunte Schar Kinder den Hof! Ich weiss noch heute, wie ich lächelnd und staunend eine ganze Weile am Zaun stehen blieb, um mich an diesem wunderbaren, unbefangenen Spektakel zu erfreuen! Dieses idyllische Szenarium inmitten der rauen Natur hätte als perfekter Aufmacher für die Spätsommer- Modekollektion eines x-beliebigen Versandhauses durchgehen können: Da spielten ein Dutzend weissblonde Kinderköpfe in bunten Regenstiefeln und viel zu großen Schlechtwetterhosen inmitten von Pfützen, Matsch und glitschigen Blättern und hatten endlos Vergnügen daran, sich so richtig-auf gut deutsch gesagt- einzusauen! Herrlich! Am liebsten hätte ich mich zu ihnen gesellt und mich mit den Wonneproppen im Schlamm gewälzt!

Selbst wenn ich damals noch weit entfernt von der Idee war, in der nahen Zukunft eine Familie zu gründen, stellte ich mir in jenem kurzen Moment meine eigenen Kinder vor (sollte ich sie denn jemals haben): Genau wie diese wunderhübschen, unbeschwerten und dem Wetter trotzenden Kinder hier sollten sie naturverbunden und gesund aufwachsen, immer an der frischen Luft, gerne mal dreckig von Kopf bis Fuß, bei Wind und Wetter aktiv. So eine Mischung aus Peppa Pig, die liebend gerne in Pfützen rumspringt und Leo Lausemaus, der munter und aufgeweckt durchs Leben marschiert und hier und da nützliche Lektionen fürs Leben aufschnappt…

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So! Nun aber die grosse Frage: Warum schreibe ich das hier gerade auf? Warum habe ich mich gerade jetzt an diese nebensächliche schnelllebige Begegnung erinnert, die über 10 Jahre zurückliegt? Tja, einfach weil ich heute, als Mutter von zwei Kindern, meilenweit entfernt von meinen damaligen Vorstellungen bezüglich des ideellen Aufwachsens meiner Kinder bin. Denn ja, ich gebe es zu: Ich bin eine pingelige Mutter, und könnte ich mich selbst von außen sehen- ich würde wohl ungläubig den Kopf schütteln.

In Sachen Sauberkeit und Ordnung zum Beispiel bin ich eine ziemliche Fanatikerin, der schon die Haare zu Berge stehen, wenn die Kinder beim Betreten der Wohnung nicht augenblicklich ihre „schmutzigen“ Straßenschuhe ausziehen- von matschigen Schlammstiefeln ganz zu schweigen! Um Himmels Willen! Parallel dazu verlange ich von meinen Kids „ordentliches“ Händwaschen sowie „anständiges“ Benehmen bei Tisch. Andauernd wische ich an meinen Kindern herum und ihnen hinterher. Hach, was bin ich für eine anstrengende Mutter!

Auf dem Spielplatz geht es mir nicht anders: Wären da nicht immer unzählige Mütter und ebensoviele Kinder zeitgleich mit uns da, würde ich meine Kinder am liebsten durchgängig und lautstark dazu auffordern, bloß nichts anzufassen (wie unpassend auf einem Spielplatz, oder?): Irgendwo kleben sicherlich uralte Brötchenreste am Klettergerüst; wer weiß, wer hier schon alles mit bakterienüberladenen Händen auf der Schaukel saß; dort im hohen Gras haben bestimmt schon unzählige Halbwüchsige Notfallpipi gemacht- wenn nicht noch viiiiel Schlimmeres! Herrjemine, was bin ich denn penibel?!

Ebenso aufgewühlte Gedanken überkommen mich im Wartezimmer der Kinderarztpraxis (Horror!!), in dem ich praktisch die Viren um uns herumfliegen sehe, auf Kindergeburtstagen (Oh Gott, die vielen Krümel und Essensreste überall!) und überhaupt an allen Orten, an denen sich mehr als 2 Kinder parallel zueinander aufhalten. Gott sei Dank ist es mir nicht erlaubt, in der Kita heimlich Mäuschen zu spielen, denn ehrlich gesagt lebe ich in der Unwissenheit darüber, was meine Kinder dort alles anstellen, anfassen, anlecken und an Krankheitserregern anschleppen, einfach irgendwie ruhiger. Auch wenn der äußerliche Schein natürlich trügt…

Und wenn ich mir dazu noch phantasievoll einen nasskalten Regentag vorstelle, an dem die Nachwüchsler mit Gummistiefeln, Regencape und Schirm bewaffnet das Haus verlassen, um es dann (wohlbemerkt nach der keimverseuchten Kita!) im eingematschten Zustand wieder zu betreten, rückt meine damalige Schnapsidee mit dem Schlammbad nun wirklich in unendliche Ferne. Dass ich nicht über mich selbst lache!

Laut meines ignoranten Single-Ichs von vor zehn Jahren müsste ich ja theoretisch Freudensprünge machen bei der Vorstellung daran, wie meine aufgeweckten Kinder in ihren Halbschuhen freudig im Peppa-Style durch alle möglichen Pfützen hüpfen und sich dabei so richtig einsauen. Oh ja, wie romantisch der Gedanke daran, wie sie mit ihren weißen Schals immer wieder in Bauchlage die nasse Parkbank lang rutschen, um dann eifrig im matschigen Sand nach Regenwürmern zu graben. Oder gar nach Nacktschnecken!!! Um Himmels Willen! So habe ich mir das mit dem „naturverbunden“ und „bei Wind und Wetter aktiv“ nicht unbedingt vorgestellt!

Aber nun wirklich: Was für eine Mutter bin ICH denn?? Boah! Woran liegt es, dass ich in bestimmten Situationen so pedant, penibel und kleinbürgerlich bin?

In erster Linie liegt es wahrscheinlich an meinem ordnungsliebenden Charakter; ich mag es, wenn Dinge ihren festen Platz haben und der Alltag, vor allem der mit Kindern, Strukturen und eben auch Regeln besitzt. Sauberkeit ist für mich auch ein Zeichen dafür, dass einem etwas an seiner Umgebung liegt, Kinder mit eingeschlossen. Für meinen Geschmack sind klebrige Fußböden, in Matsch getauchte Winterjacken und tropfende Rotznasen nun mal nichts wirklich Idyllisches. Mal ehrlich: Gibt es Mütter da draußen, die das erstrebenswert und toll finden?

Okay, ich gebe zu: Etwas habe ich natürlich übertrieben mit meinen obigen Schilderungen- ganz so penibel bin ich nun auch wieder nicht. Ja okay, vielleicht bin ich aber trotzdem hier und da etwas neurotisch veranlagt und habe einfach nicht die Fähigkeit anderer Mütter, über gewisse Dinge hinwegzusehen und einfach mal ein Auge zuzudrücken bei den vermeintlich romantischen Schlechtwetteraktionen meiner Halbwüchsigen und deren sauberkeitstechnischen Konsequenzen. Kann ich nicht. Ist halt so. Man nenne mich „Die mit dem zwanghaften Putzfimmel“.

Aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir Erwachsene – ich verallgemeinere mich jetzt mal- im Laufe unseres „Reifungsprozesses“ die für Kinder so typische Unbeschwertheit etwas auf’s Abstellgleis befördert haben. Wir haben genaue Vorstellung von dem, was man tun darf und dem, was „sich nicht gehört“. Natürlich besteht ein Unterschied zwischen Dingen, die zu einer förderlichen Erziehung dazugehören („Wenn die Nase läuft dann putze sie.“) und elterlicher Pingeligkeit (wie das wohl zum Großteil meiner obigen Schilderungen der Fall sein wird…). Aber dennoch: Das unbefangene, spontane Spielen und Schaffen unserer Kinder mit und in dem, was ihr Umfeld bietet, wird nicht selten unmittelbar relativiert durch die Ernsthaftigkeit, ja vielleicht sogar das Schamgefühl und die vielen energieraubenden Gedankengänge, die uns Eltern so eigen sind. Oder was meint Ihr? Kennt Ihr solche Sätze?:

„Mit diesen zersausten Klamotten können wir doch nirgends mehr hin!“
„Menno, ich habe doch eben die Wohnung geputzt, da rennt ihr sie schon wieder ein mit euren triefend nassen Klamotten!“
„Um Himmels Willen, warum kleben dort Spaghetti an den Fensterscheiben?“

Was ich damit sagen möchte: Wenn uns diese beengenden Gedanken überkommen, dann sind WIR, die vermeintlich „reifen“ Erwachsenen, doch das eigentliche Problem! Wir, die es verlernt haben, im Hier und Jetzt zu leben und diese, wenn auch matschigen, klebrigen, zersausten und verkrümelten Augenblicke mit unseren
Kleinsten zu genießen und zu schätzen. Hej, es gibt Waschmaschinen, Badewannen und Putzmittel, die in Windeseile wieder Ordnung ins Chaos bringen. Und hej, wenn die Kinder dann irgendwann flügge werden und wir vermutlich den Zeiten nachtrauern, in denen eine Pfütze und ein Nutellabrot die Highlights des Tages darstellen konnten, dann können wir wieder gesittet und „wie es sich gehört“ unseren „erwachsenen“, zivilisierten Konversationen bei Tisch nachgehen und uns an den Regentropfen erfreuen, die leise und melodisch ans Fenster klopfen- während draußen unsere Enkel „in bunten Regenstiefeln und viel zu großen Schlechtwetterhosen inmitten von Pfützen, Matsch und glitschigen Blättern“ spielen.

So! Das nenne ich mal eine persönliche Lektion für heute! Ich werde mir auf jeden Fall diesen Blogartikel noch ein paar Mal durchlesen, bevor der nächste Regen fällt und wir die Gummistiefel rausholen müssen. Nur zur Erinnerung, damit ich weiß, was zu tun ist. Als Einstimmung darauf hatten wir gestern Nachmittag hohen Besuch von zwei vierjährigen Kita-Freundinnen unseres Sohnes. Wisst Ihr, wie es sich anfühlt mit 4 aufgeregten, hungrigen Kindern unter 5 allein auf 60 Quadratmetern??!! Zum Glück hatte ich im
Vorfeld schon diese Zeilen verfasst und mich somit psychisch und moralisch auf diese intensiven Stunden der Überwindung von so mancher Schmerzensgrenze vorbereiten können. Ansonsten wäre die mit Nutellaabdrücken verzierte weiße Ledercouch, der Pipi-Notfall, der es leider nicht bis zum WC geschafft hat sowie die unaufhörlich tropfenden Kindernasen nicht ganz spurlos an mir vorbeigegangen.

Der nächste Spielenachmittag ist für 2025 vorgesehen. Solange es nicht regnet.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Corinna sagt:

    Meiner besseren Hälfte geht es wie Dir. Ich dachte, das läge daran, dass er in der Stadt aufgewachsen ist. Meine Toleranz bei Modder und Dreck am Kind liegt deutlich höher. Wenn es allerdings in die Wohnung will, dann muss es erst entkeimt werden. 😉

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ich bin auch ein Stadtkind, habe es aber geliebt, im Garten rumzumatschen und eben auch mal richtig schön schmutzig zu sein. Ich vin wohl erst im Erwachsenaltet so „anständig“ geworden…Blöd, oder😂?

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      1. Corinna sagt:

        *ggg* Ich glaube, dass hängt damit zusammen, dass man sich irgendwann die Dinge erhalten will, die man besitzt (z.B. den Bodenbelag oder die niedliche Jacke vom Steppke). 😉

        Wichtig ist doch nur, ein wenig Verständnis für die aufzubringen, die noch nicht so weit sind.

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