Mit Dir im Nebel

Ich könnte ewig so weiterlaufen. Fast allein im dichten Nebel. Es scheint, als wäre die Welt im nasskalten Grau stehen geblieben an diesem Morgen. Ich mag das.

Auch mein Selbstvertrauen mag das. Es liebt förmlich diese tristen Nebelschwaden, um mir immer wieder davonzulaufen und sich feixend hinter ihnen zu verstecken.

Warum entkommst Du mir nur so rasch? Warum bleibst Du nicht an meiner Seite?

Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich mit Dir noch nie so richtig warm geworden. Unsere Beziehung war schon immer sehr formal. Unsere Idylle trügt. Ich besaß Dich eigentlich nie, immer wurdest Du mir von außen vorgestellt. Du warst wohl beeindruckt von all meinen Leistungen, von meinem rastlosten Tun:

„Schau mal, Selbstvertrauen, wie gut sie das gemacht hat!“
„Lobenswert, was sie heute wieder alles geschafft hat!“
„Was sie alles kann! Findest Du nicht auch, Selbstvertrauen?“

Ja, wahrscheinlich fandest Du das und findest es auch heute noch ganz gut, wenn ich bei allem versuche, Vollgas zu geben. Es allen recht zu machen. Auf allen Ebenen präsent zu sein und hundert Prozent zu geben- oder gar mehr. Es scheint, als ernährest Du Dich von meiner Rastlosigkeit. Warum brauchst Du das nur?

 

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Doch dann, wenn wir dann alleine sind, so wie jetzt bei unserem Spaziergang im Herbstnebel, dann sind wir Beide nur noch vage Schatten unserer Selbst: Wenn ich mir Zeit nehme zum durchatmen, mal die Leinen locker lasse, beginnst Du mit mir zu spielen, mich zu hänseln. All Deine ungeliebten Spielkameraden lädst Du dazu ein. Du findest sichtlich Gefallen daran, Deinen Lieblingsfreund, das schlechte Gewissen, anzustacheln. „Schau mal, die tut grad gar nix. Die hat wohl zu viel Zeit, um diese hier zu vertrödeln?“ höre ich dann schelmisch hinter mir flüstern. Ich mag dieses Spiel nicht.

Seit ich denken kann, hadere ich mit diesem ungeliebten Spiel. Immer wurde ich von allen Seiten gelobt- für all die Dinge, die ich tat. Die ich vorbildlich ausführte, fehlerfrei bewältigte, wie damals in der Schule. Für meine völlige Hingabe im Job, meine Bereitschaft, mich überall voll und ganz hineinzuknien. Engagement war das Ehrenwort. Um ein Bienchen zu bekommen. Um Anerkennung zu erhalten. Denn das gefiel dem Selbstvertrauen, das eigentlich meins sein sollte. Und es doch nicht wirklich war.

 

 

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Im dichten Nebel vor mir ist es mir heute wieder mal abhanden gekommen. Vor allem der Mutter in mir, die gefühlt nie Bienchen erhält für das, was sie tut. Wahrscheinlich lacht es mich gerade von irgendwoher aus, weil ich nicht stark genug war, um es aufzuhalten. Weil ich mich habe unterkriegen lassen. „Hahaha!“ schallt es in meinen Ohren. Der Nebel lag wieder mal auf Deiner Seite. Du hast mal wieder das Spiel gewonnen.

Aber nicht für immer!

Denn irgendwann, vielleicht morgen, vielleicht übermorgen, wird die Sonne wieder zum Vorschein kommen. Im hellen Sonnenlicht werde ich Dich einfangen, Du wirst mir nicht wieder so leicht entgleiten. Wir Beide werden uns dann von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, und ich werde Klartext mit Dir reden. Denn ich habe keine Lust auf dieses ewige Versteckspiel.

„Hey! Hör mir mal gut zu! Hör auf damit, nur das zu sehen, was ich tue. Hinter all meinen Taten gibt es noch MICH. Erinnerst Du Dich, Selbstvertrauen, wie schön es doch sein kann, wenn wir Beide Hand in Hand spazieren gehen, bei Sonnenschein und auch im grauen Nebel?“

Ja, ich möchte wieder von einem Selbstvertrauen begleitet werden, dem ich selbst vertrauen kann. Das bei mir bleibt, auch wenn ich mal nichtstuend im Herbstnebel spazieren gehe. Denn dann könnte ich wirklich ewig und im Reinen mit mir selbst weiterlaufen.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Corinna sagt:

    So für einen Tag geht das und ist auch mal ganz schön. Aber länger schlägt mir Nebel aufs Gemüt.

    Gefällt 1 Person

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