Vergeben oder ein Wunsch für meine Kinder

Damals, im Kindergarten, war ich zum ersten Mal verliebt. Das heißt natürlich auf die Art, auf die man als Vierjährige das Verliebtsein empfinden kann- bedingungslos, rein, scheinbar endlos, mit Haferflockenresten in den Kussmündchen (Schokolade hatten wir damals nicht) und verlegen buntstiftverschmierte Händchen haltend.

Mein kleiner Angebeteter hatte einen ungewöhnlichen, aber für mich echt toll klingenden, kurzen Vornamen und einen wirklich lustigen Nachnamen, an den sich sogar noch meine Eltern (und mein Bruder!), sprich die vermeintliche Schwiegerfamilie, gerne und vor allem schmunzelnd erinnert. Ja, wir wollten heiraten. Irgendwann mal. Lange Zeit blieb ich überzeugt von unserem zukünftigen Schicksal. Als Zeichen unserer Schmetterlingsliebe tauschten wir uns recht regelmäßig, im Flur des Kindergartens, zwischen schlammigen Regenstiefeln und kunterbunten Kinderjacken, symbolische Geschenke aus. Das heißt: Eigentlich war er der Romantiker von uns Beiden, der mich, den blonden Lockenkopf, mit vielen kleinen Aufmerksamkeiten in seinen Bann zog. Dazu diese wunderbaren, kugelrunden braunen Augen und ein werbetaugliches Strahlemannlächeln- und das, obwohl der Junge meiner Träume eigentlich ein ganz Schüchterner war.

Das absolute Highlight unserer gemeinsamen Kitazeit war ein lang erprobtes Theaterstück zum Kindergartenabschluss, vorgetragen in einem nahen Pflegeheim: In „Die Vogelhochzeit“ durften ausgerechnet wir Beide die Hauptpersonen, pardon die Hauptvögel spielen. Die Turteltäubchen sozusagen. Ein Wink mit dem Zaunspfahl des Schicksals? Was zitterten mir die Knie, als ich, die Amsel, ihm, der Drossel, vor den Augen eines neugierigen Publikums für immer ewige Liebe schwor!

Jetzt, dreißig Jahre später, ist unser vierjähriger Sohn der Heißbegehrte unter den Kitakindern: Er- mit den flauschigen Locken, dem schmeichelnden Blick und dem tollen Vornamen. Und ja, auch er will heiraten. Er ist vergeben. Also fast. Naja gut, vielleicht, mal sehen. Oder sagen wir’s besser so: WIR hätten uns unser vermeintliches und ganz bezauberndes Schwiegertöchterchen dann schon mal vorausschauend ausgesucht. Man weiß ja nie.

Seine (unsere) Lieblingsfreundin ist eine wahre Kraft der Natur. Stupsnasig und blauäugig sprudelt sie förmlich vor kindlicher Lebensfreude. Erzählen kann sie wie ein Wasserfall und Bäume ausreißen mit ihrer unermüdlichen Energie. Sie weiß alles, sie mag alles und alle mögen sie. Und vor allem: Sie hat Persönlichkeit, die sogar unseren kleinen Skeptiker überzeugt und ihn manchmal regelrecht zur Vernunft bringen lässt. Praktisch für uns. Die Lilli (nennen wir sie mal so), die regelt das.

Während des weihnachtlichen Krippenspiels im Kindergarten durfte die hübsche Lilli letztes Jahr die Jungfrau Maria sein. Der lang gefürchteten Aufführung gingen tränenreiche Tage voraus: Denn um nur ein Haar hatte unser Kleiner den Platz an der Seite seiner Auserwählten verpasst und musste sich nun mit der Rolle als Einer der Heiligen Drei Könige begnügen. Sein bester Freund hingegen durfte Joseph sein und ist seitdem nicht mehr der beste Freund.

Aber wie dem auch sei: Sicherlich wird die süße Lilli irgendwann nicht mehr den Lebensmittelpunkt unseres Kleinen einnehmen. Genauso wie damals, als beim Eintritt in die Grundschule meine einstige Kindergartenliebe mit dem tollen Vornamen in die Parallelklasse kam und somit unser theatralischer Schwur der ewigen Liebe etwas in Vergessenheit geriet. Wie heißt es so schön: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn auch nicht ganz.

Doch mal Hand auf’s Herz: Bei all den kindlichen Liebeleien und Freundschaftsbekundungen und den ersten Schmetterlingen im Bauch zählt doch eins: Dass man schon im zarten Alter die Erfahrung gemacht hat, gemocht worden zu sein. Dass man einen anderen Menschen lieb gewonnen hat und man es sich durchaus vorstellen konnte, mit ihm oder ihr durch dick und dünn zu gehen.

Wenn ich auf meine Kinder- und Jugendjahre zurückschaue, dann sind in meiner Erinnerung vor allem die Menschen hängen geblieben, die mich ein Stückchen auf meinem Weg begleitet haben. Denen ich selbst eine Begleitung sein durfte. Mit denen über die Jahre hinweg Beziehungen entstanden sind, die es würdig waren, Freundschaften genannt zu werden. Und die sich natürlich mit der Zeit verändert, gewandelt, zum Teil auch auseinandergelebt haben. Das ist normal.

Meine Kitaliebe war vielleicht eine von ihnen, auch wenn sie begrifflich noch in ihren Kinderschuhen steckte. Auch Lilli ist wohl sowas wie eine erste echte Freundschaft für meinen Sohn.
Und natürlich habe ich meinen kleinen Ritter nicht geheiratet, geschweige denn wieder gesehen. Ich erlaube mir auch zu behaupten, dass die süße Lilli wohl eines Tages nicht von unserem Schlumpf vor den Altar geführt wird (also höchstwahrscheinlich).

Viele Menschen werden ein-und ausgehen im Leben unserer Kleinsten, die irgendwann nicht mehr klein sein und ihr eigenes Leben leben werden- mit oder ohne Ritter oder einer Lilli.
Umso mehr freue ich mich aber darauf, die wahren Freunde, die den Lebensweg unserer Kinder begleiten und hoffentlich bereichern werden, kennenzulernen und sie ein Stückchen an unserem Leben teilhaben zu lassen.

Denn ich wünsche meinen Kindern vor allem eins: Dass sie sich stets geliebt fühlen.

Menschen zu finden, die mit uns fühlen und empfinden, ist wohl das schönste Glück auf Erden.“

~Carl Spitteler

P.S. Übrigens habe ich beim Stöbern im Netz einen sehr ausführlichen, lesenswerten Bericht zum Thema „Warum brauchen Kinder Freundschaften“ gefunden.

 

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ach, ja. An die allererste „ewige“ Liebe kann ich mich auch erinnern. Vage. Denn es war eine strohfeurige Angelegenheit. 😉 Etliche Freundschaften in Kindergarten und Schule haben wesentlich länger gehalten. Dennoch: Ewige Liebe ist schon etwas Schönes – auch wenn man früher oder später die Erfahrung machen muss, dass diese „Ewigkeit“ eine temporäre Angelegenheit ist. 🙂

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ist doch faszinierend, wie unbefangen und blauäugig (im positiven Sinne) Kinder an Freundschaften herangehen, oder? Das ein Grossteil der Bekanntschaften und Beziehungen nicht für die Ewigkeit gemacht sind, das lernt man erst später. Zum Glück.

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      1. Manche Verbindungen halten ja auch länger als man sich je hätte träumen lassen. Und wenn es Zeit wird, getrennte Wege zu gehen, merkt man das wahrlich noch früh genug.

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  2. Corinna sagt:

    Zwei wunderschönen Geschichten. So eine Kindergartenliebe ist ganz bezaubernd.

    Meine ist mir hingegen aus heutiger Sicht eher peinlich. Manchmal ist es besser, die Wege trennen sich wirklich komplett und man weiß nicht, was aus dem Anderen geworden ist. 😉

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  3. Vera sagt:

    Oh wunderschön geschrieben. Da geht mir das Herz auf und man wird wirklich zurückversetzt zur Kindergartenliebelei. Manchmal würde ich schon gerne wissen was aus dem Kindergartenfreund geworden ist, den man dann ja doch nicht geheiratet hat 😉

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ja ne…wäre mal interessant zu wissen. Oder vielleicht will man es dann doch nicht…😍

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