„Damals, als WIR Kinder waren…“

„…ja damals, da war sowieso alles anders!“

Kennt Ihr diesen Satz? Ich wette, dass ihn Jeder von uns seinen Sprösslingen gegenüber schon das eine oder andere Mal ausgesprochen hat. Vor allem in Situationen, in denen es unsere frechen Halbwüchsigen doch mal wieder geschafft haben, uns mit ihrem trotzigen, herausfordernden Verhalten auf die Palme zu bringen und damit unser -an sich eh schon fragiles und unter Schweißperlen konstruktiertes-Nervenkostüm der Geduld zum Einstürzen gebracht haben.

Und dann gibt es diese Situationen, in denen einem im Schachzug der verbalen Gefechte den Zwergen gegenüber plötzlich (und blöderweise) die Argumente ausgehen. Oder man einfach keine Muse oder Laune hat, die Wonneproppen auf Knien zu beschwören, doch mal bitte und liebenswürdigerweise und wenn möglich sofort einen Gang runterzuschalten.

Aber: Wir haben da jetzt eine Strategie, wie wir unserem Zwergenduo in solchen verzwickten Situationen gekonnt die Stirn bieten können. Ob diese pädagogisch wertvoll ist? Keine Ahnung! Aber dennoch clever, denn wir zücken da sozusagen unsere Ass-Karte, mit der wir die kleinen Nachwüchsler Schachmatt kriegen- wenn auch nur für kurze Zeit: Wir nehmen unsere bockigen Kinder dann mit auf eine Reise in die Zeit, in der „wir so alt waren wie ihr.“ Und ich finde es jedes Mal wieder faszinierend, wie sie bei den staubigen Anekdoten von anno dazumal immer ganz verdutzt aus der Wäsche gucken und ihnen buchstäblich die Spucke wegbleibt, wenn wir ihnen von der Kindheit ihrer und unserer Vorfahren erzählen.

Gerade in letzter Zeit lassen zum Beispiel die bisher fast makellosen Tischmanieren unserer halben Portionen sehr zu wünschen übrig. Meine Oma würde sich wohl die Haare raufen, wenn sie sehen würde, wie Essensreste auf dem Boden landen, Bestecke durch die Luft fliegen und die Teller nicht leer gegessen werden. „Damals, ja damals“, so würde sie sagen, „nach dem Krieg, da wäre das undenkbar gewesen.“ Unsere durchgängig plappernden Nachwüchsler werden augenblicklich mucksmäuschenstill, wenn wir ihnen offenbaren, dass bei Tisch nicht geschwatzt, geschweige denn elterliche Gespäche unterbrochen oder gar mit Essen um sich geschmissen wurde (an dieser Stelle kommen nicht selten auch die armen Kinder in Afrika ins Spiel). Und überhaupt- nach der gemeinsamen Mahlzeit wurden kollektiv im Familienpack die Teller abgewaschen. Und auf Sätze wie „Nein, eine Geschirrspülmaschine gab es damals nicht!“ folgt stets ein allgemeines und ungläubiges Staunen. Und danach? Ja dann ging es ruckizucki auf dem direkten Weg in die Kiste. Schluss. Aus.

Die Auflistung weiterer facettenreicher Situationen aus unserem Familienalltag, in denen unser trouble double nach einer gedenkvollen Lektion verlangt, ist lang. Wer hätte gedacht, dass es bei Mama damals nur zwei TV- Kanäle gab, bei denen irgendwann einfach Sendeschluss war? Zappenduster. Nur noch bunte Streifen. Nix mit Nonstop- Zeichentrickserien, die rund um die Uhr auf Abruf bereit stehen. „Damals, als die Mama klein war…“, ja da war es schon ein Highlight, wenn man das Glück hatte, bis zum Sandmann auf bleiben zu dürfen.

Und überhaupt: Während der Hauptteil meines damaligen Spielzeuginventars in den Innenraum einer rosa Holzkiste Marke Eigenbau passte, werden heutzutage nicht nur das Kinderzimmer (und all seine sich in ihm befindlichen Behälter) mit voluminösem buntem, z.T. sogar penetrant dudelndem Plastegedöns gefüllt, sondern auch sonst passierbare Zonen auf den verbleibenden Quadratmetern Wohnfläche zugestellt mit allen möglichen Gerätschaften. „Wie lang hat Euer Onkel damals von einem Matchbox-Auto geträumt!“ heißt es dann ach so oft aus meinem Mund bei dem Anblick eines komplett überfüllten Behälters, der sich wichtigerweise Spielzeugautogarage nennt.

Die wahren Klassiker unter den Geschichten aus unserer Geschichte sind allerdings all die hochgefährlichen Szenarien, an denen mein Mann als halbwüchsiger Rabauke wohl beteiligt gewesen sein muss. Ein Wunder, dass er seine Kindheit überlebt hat. All die gebrochenen Arme und Beine und die abenteuerlichen Lausbubentaten hätten Schlimmeres bewirken können. Doch praktischerweise stellen sie sich nun als didaktisch wertvoll heraus: „Erinnerst Du Dich, was dem Papa damals passiert ist?“ Wenn das mal nicht als Abschreckung wirkt vor riskanten Taten oder auch nur waghalsigen Ideen! Ja ja, so gibt man Wissen von Generation zu Generation weiter.

Aber mal ehrlich: Ich schmunzle beim Schreiben selbst gerade ein bisschen über das, was wir da unseren Kindern fast täglich als antike Weisheiten aufzutischen versuchen. Auch wenn es so rüberkommen mag: Es geht uns dabei keinesfalls in erster Linie darum zu vermitteln, dass früher im Familienalltag alles reibungsloser, unkomplizierter und besser- weil eben strenger und strukturierter- war; und auch nicht darum, unseren Sprösslinge eine Art Schuld daran zu geben, dass sie in dieser Epoche, die eben nun mal anders ist als die vor 20, 30, 50 Jahren, aufwachsen. Es geht nicht um die Strenge von damals und die selbstbestimmte Unerzogenheit von heute. Auch nicht darum, das Jetzt zu verteufeln und die vermeintlich guten, alten Zeiten (insofern sie das wirklich waren) wieder heraufzubeschwören. Zeiten ändern sich. Hätte es damals Winnie the Pooh im Fernsehen gegeben, so hätten wir vielleicht auch öfters auf’s Sofa vor die Flimmerkiste gedurft. Damals hätte sicherlich auch Keiner „Nein“ zu einem schnurlosen Telefon gesagt. Und wäre die Oma nicht so streng gewesen- wer weiß, was dann aus uns geworden wäre?

Und es geht auch nicht darum, eventuelle negative Kindheitserinnerungen (siehe: die gebrochenen Arme und Beine) als reines Mittel zur Abschreckung zu nutzen und damit jeder Initiative zum Sammeln eigener (manchmal eben auch schmerzlicher) Erfahrungen schon im Voraus den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Nein, vielmehr geht es darum, ihnen zu vermitteln, dass nicht alles, was ihre Kindheit ausmacht, selbstverständlich und allgemeingültig ist. Dass die Welt, die sie durch den Alltag mit uns, durch ihr soziales und kulturelles Umfeld kennen, nicht die Einzige ist und dass zu jeder Realität eine lange Geschichte gehört, die aus vielen bunten Bausteinen besteht und die unser Hier und Heute mit einem roten Faden verbindet.
Es geht natürlich darum, ihnen zu zeigen, dass Weniger manchmal mehr ist und dass es auch mal „ohne“ geht. Aber auch darum, ihnen zu vermitteln, dass früher- trotz zahlreicher nachträglicher Schönmalerei- nicht alles Zuckerschlecken und Friede, Freude, Eierkuchen war. Und, um es simpel auszudrücken, dass „es nicht alle Kinder so gut haben wie ihr.“

Ich denke, dass vor allem das der Grundgedanke ist, der die Basis bildet für unser Spiel mit diesen vielseitigen historischen Anekdoten mit mehr oder weniger offensichtlichem moralischem Anspruch. Denn im Endeffekt sind vor allem WIR dankbar für das, was wir haben, und möchten dies auch unseren Kindern auf irgendeine Weise übermitteln- gerade dann, wenn sie für all das Schöne in ihrer ach so bunten Welt vor lauter Trotz und Dickköpfigkeit keinen Blick haben.

In diesem Sinne werde ich jetzt erst einmal die Kinder ins Bett bringen und mich heute ausnahmsweise mal darum bemühen, mir meinen Kommentar zu „früher“ zu verkneifen. Denn damals lagen wir schon lange in den Federn…😉

 

 

 

 

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ein toller Beitrag, mich hast Du auch in Deinen Bann gezogen, da sich Deine und Meine Kindheit auch schon unterscheiden. Aber auch wir sagen besonders unserer Großen in letzter Zeit sehr oft wie es bei uns früher war, früher klingt komisch, ist es für mich so als wäre es gestern gewesen. Ich finde es aber wichtig solche Vergleiche zu ziehen, damit die Kids merken, dass es auch mal andere Zeiten gab und sie ihre Kindheit wertschätzen.
    Lieben Gruß

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ja, wenn wir von früher sprechen, dann kommt man sich immer gleich so alt vor, nicht wahr? Ich finde solche Vergleiche auch nicht verkehrt, auch wenn der erste Teil des Beitrags das Ganze etwas auf die Schippe zunehmen scheint. Die Zeiten waren nun mal anders und es ist gut, das den Kinder nahe zu bringen. Viele Grüsse! Claudia

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  2. Corinna sagt:

    Wann musstet ihr den damals aufstehen? Darauf kommt es bei der Zubettgehzeit doch auch ein bisschen an. Unser Kleiner geht für italienische Verhältnisse ja noch fast am Nachmittag ins Bett (um 20 Uhr). 😉

    Abgesehen davon finde ich es schön, dass ihr euren Kindern viel aus der Vergangenheit erzählt. Ich weiß von der Kinderzeit meiner Eltern fast nichts.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Eben! Wir wurden damals vor 6 aus den Federn geschmissen- Vergleiche kann man eben nicht immer ohne nähere Erläuterungen ziehen. Aber ich finde es schon wichtig, den Kindern zu erläutern, dass die Welt, die sie kennen, nicht die Einzige ist. Viele Grüße! Claudia

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      1. Corinna sagt:

        Da hast Du völlig recht. 🙂

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