Wie schafft man Kindheitserinnerungen?

Als Kind war ich der festen Überzeugung, dass die jungen Jahre meiner Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern schwarz-weiss gewesen sein mussten. Denn meine kindliche Phantasie konnte sich keine bunte, farbige Welt vorstellen- schliesslich sah diese auf den zum Teil verblassten Fotos in unseren Familienalben immer nur grau und, in meinen Kinderaugen, dadurch etwas traurig und betrübt aus. Natürlich bin ich irgendwann dahinter gekommen, dass auch das Leben meiner Vorfahren farbenfroh und lebendig war. Doch aus meiner einmeterhohen Kinderperspektive hatte ich auf die damalige Welt schlichtweg eine andere Sicht…

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann zählen zu meinen ersten bewussten Erinnerungen die Vorschuljahre. Unbeschwertheit, Geborgenheit, Vertrautheit- so würde ich jene Ära beschreiben. Viele kleine Puzzleteile formen ein mir heute so herzerwärmendes Gesamporträt meiner frühen Kindheitstage: Unsere Familienwochenenden im Schrebergarten mit selbstgemachten Erdbeertörtchen, glitzernden Glühwürmchen, meinem Vati, der im nach Holz und rostigen Nägeln duftenden Schuppen werkelt, während meine Mutti emsig Johannisbeeren pflückt und ich von der Schaukel aus meinen grossen Bruder beobachte, der mit seiner selbstgebauten Mäppelkarre die neugierigen Augen der gesamten Gartensparte auf sich zieht. Unsere Wald- und Wanderausflüge zum Pilzesuchen, bei denen ich als Mitbringsel nicht allzu selten einen neuen Beschlag für meinen Wanderstock erhielt. Meine geliebte Kindergärtnerin, unsere sowjetischen Freundeskinder, die hölzernen Laufräder, die wir im Rotationsverfahren zugeteilt bekamen, Vanillesuppe mit Milchbrötchen, der verhasste Mittagsschlaf. Unbeschwerte Nachmittage an der Kloppstange, Klingelputze und winterliches Schlittenfahren inmitten unseres Wohngebietes und ein Nachhausekommen, „sobald die Laternen angehen“. Bruchstückhafte, süsse Momentaufnahmen aus einer anderen, weit entfernt scheinenden Zeit.

Unser vierjähriger Sohn befindet sich nun in dem Alter, aus dem er wohl die ersten fragmentierten Erinnerungsstücke in sein weiteres Leben mitnehmen wird. Ein Alter, in dem er erste Freundschaften schliesst, Interessen in ihm geweckt werden und er einzelne Aspekte des Lebens neugierig hinterfragt. In dem er seine eigene Persönlichkeit entwickelt. Man könnte sagen, er sammelt viele kleine Souvenirs für die Zukunft. So wie ich meine Stockbeschläge von damals: Minuziös zusammengesucht und über die Jahre hinweg sorgfältig aufbewahrt. Die ersten Puzzleteile aus seiner jetzigen Welt, die irgendwann ein Gesamtkunstwerk seines Lebens ergeben werden.

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Altersgetreu sträubt er sich immer gerne davor, sich von uns fotografieren zu lassen. Irgendetwas an diesem „In-Szene-setzen“ beharrt ihm nicht- kann man es ihm verdenken? In seinem zarten Alter versteht er noch nicht, warum wir Eltern sie Kinder gerne mal dazu verdonnern, käsekuchig in die Kamera zu grinsen und sie dabei dazu anhalten, doch bitte die Hände aus dem Mund zu nehmen. Gerade jetzt während der Urlaubszeit, in der wir versuchen, jegliche ausserfamiliären Verpflichtungen auf ein Minimum zu reduzieren und somit die gemeinsame Familienzeit bewusster und intensiver zu erleben, düsen wir nicht allzu selten hinter unseren Sprösslingen her, um sie bei ihren vielseitigen Aktivitäten zu fotografieren: Beim Buddeln am Sandstrand, beim Planschen im Pool, beim Ameisenzählen, beim gemeinsamen Möhrenschnurpsen auf der Couch, beim Spatzenfüttern, beim Eisessen, beim Drachensteigen. Wie oft finden wir uns dabei in den skurrilsten Positionen wider, um eben diesen einen speziellen (oder ganz banalen) Moment in unserer Fotokollektion als bleibende Erinnerung festzuhalten.

Und so kommt es manchmal vor, dass ich unsere Kinder in Stille und mit insgeheimer Bewunderung betrachte und mich an all den klitzekleinen Dingen erfreue, die ihre kunterbunte Kinderwelt ausmachen, und dann so liebend gerne für einige Momente die Zeit anhalten würde. Die Stopp-Taste drücken, um den einen oder anderen magischen Augenblick, mit der sie unser Elternsein auf ganz spezielle Weise bereichern, einzufrieren. Für immer.

Denn: Ich möchte Erinnerungen schaffen. Für uns, für unsere Kinder. Ja, für sie. Erinnerungen für später mal an das, was wir heute gemeinsam mit ihnen erleben dürfen. Wie wir die frühen Jahre unserer Kinder empfunden, eingeatmet, gelebt haben und wie wir diese für immer im Gedächtnis behalten wollten. Ich möchte ihnen später einmal zeigen können, wie bunt und farbenfroh unsere Welt durch sie geworden ist.

Denn während wir als Eltern uns daran erfreuen, wie unsere Kinder Tag für Tag aufs Neue die Welt entdecken und in uns immer wieder ein neues, oftmals ungekanntes Gefühl der Liebe wecken, komme ich nicht von dieser einen Frage los:

Woran werden sie sich -meine Kinder- in zehn, zwanzig, dreissig Jahren noch erinnern?  Welche Puzzleteile werden sie aus dieser Welt in ihre Zukunft mitnehmen? 

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Werden sie sich daran erinnern, wie sie unbedingt händchenhaltend in die Welt der Träume begleitet werden wollten? Und das jahrelang?

Wie ein gelungener Abschied immer mit zwei Wangenküsschen besiegelt werden musste, denn sonst war Jemand eingeschnappt?

Ob sie wohl wissen werden, wie putzig wir sie doch fanden, wenn sie Hand in Hand durch den Supermarkt liefen und sich im Doppelpack weigerten, ihre Fahrradhelme abzunehmen?

Wie sie uns manchmal in den Wahnsinn getrieben haben mit ihrem Unfug, und wie wir doch insgeheim über ihre beider Lausbubenart schmunzeln mussten?

Wie sie von überall her Komplimente bekamen für ihre wunderschönen himmelblauen Augen und ihre engelhaften Löckchen?

Werden sie sich an unsere Reise ans Meer erinnern, vor der sie so aufgeregt waren? An ihren ersten Museumsbesuch? An ihre erste Radtour ohne Stützräder?

An all die kleinen, für uns Eltern so wundersame, immer wieder einzigartigen Schritte hin zu wachsender Autonomie?

Werden sie wissen, wie viele Sorgen wir manchmal um sie hatten, wieviele schlaflose Nächte wir neben ihnen verbracht, wie sehr sie unsere elterlichen Gesprächsthemen verändert haben?

Werden sie sich an die Momente erinnern, in denen wir sie unfair behandelt haben, laut geworden sind und uns der Geduldsfaden gerissen ist?

Werden sie sich später mal, wenn sie selbst erwachsen und vielleicht sogar Eltern sind, an dieselben wundervollen, speziellen, einzigartigen oder auch ganz alltäglichen Momente erinnern wie auch wir?

Oft haben wir als Eltern den Anspruch, unseren Kindern etwas bieten zu müssen. Ihnen tolle, besondere Erlebnisse ermöglichen zu müssen und in ihrem jungen Leben keine Langeweile aufkommen lassen zu dürfen. Immer Action, nichts verpassen, am Ball bleiben. Mithalten mit dem, was die Anderen machen. Wir glauben sogar, unsere Kinder würden das von uns erwarten. Wir haben Angst davor, ihnen nicht die Sterne vom Hinmel schenken zu können. Ihnen nicht die Kindheitserinnerungen zu schaffen, die wir uns für sie wünschen.

Doch wollen unsere Kinder das überhaupt?

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Ich behaupte: Nein, das wollen sie nicht. Nein, sie verlangen von uns keine exklusiven, abenteurlichen Erlebnisse am laufenden Band. Ebenso werden sie uns nach anfänglicher kindlicher Verärgerung verzeihen, dass wir Eltern keine Zauberwesen sind, die ihnen alle möglichen Wünsche von den Lippen ablesen. Denn es sind nicht diese unerfüllten Erwartungen oder die vermissten Actionausflüge oder das ungeschenkte Geschenk, die über die Jahre hinweg Erinnerungen hinterlassen.

Nicht das, was wir schaffen, füllt den Himmel unserer Kinder aus, sondern das, was wir sind.

Genauso wie ich unsere trägen, zum Teil langweiligen und unspektakulären Sonntage in unserer Kleingartenanlage geradezu als paradiesisch empfand und sich diese Erinnerung tatsächlich als wichtiges Puzzleteil in meinem Gedächtnis eingebrannt hat, so behaupte ich wird es auch meinen Kindern gehen. Während wir Eltern eine vollgepackte, kindgerechte Reise mit allem Drum und Dran planen in der Hoffnung, damit etwas Bleibendes für unsere Kleinen zu kreiren, werden sie sich später einmal vielleicht „nur“ an unser gemeinsames Fussballspielen am Strand erinnern, oder an das leckere Schokoeis um die Ecke. So wie ich damals lieber meiner Mutti beim Beerenpflücken zusah als rastlos unterwegs zu sein auf der Suche nach etwas Spannung.

Wahrscheinlich werden sie sich nicht mehr an Ihre händchenhaltenden Einschlafzerimonien erinnern, ebensowenig an ihre erste Bootsfahrt; daran, wie süss sie aussahen mit ihren blauen Latzhosen und den goldenen Locken und wie gerne wir ihre nach Milch und Keksen duftenden Plausebäckchen abschmatzten.

Und wie sollen sie wissen, dass es für uns Eltern nicht immer leicht war und dass wir trotz allem immer auf ihr Bestes bedacht waren?

Sie werden sich vermutlich an die Dinge erinnern, bei denen sie sich wohlgefühlt haben. Bei denen sie gespürt haben, dass sie Kinder sein durften. Bei denen wir als Eltern da waren. Sie unterstützt, getragen, angespornt, verstanden haben. Ihnen das Gefühl vermittelt haben, geliebt zu sein.

Es geht also nicht darum, im Namen der Kinder etwas Außergewöhnliches schaffen zu wollen, sondern in unserem alltäglichen Dingen außergewöhnlich zu sein und für sie da zu sein. Denn das wird ihnen in Erinnerung bleiben.

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13 Kommentare Gib deinen ab

  1. Corinna sagt:

    Ein wunderbarer Text. Ich finde meine eigenen Gedanken wieder und kann Dir nur zustimmen: Ich habe auch Kindheitserinnerungen an viele kleine, fast unbedeutende Momente, in denen ich jedoch besonders glücklich gewesen sein muss. Ich denke, wichtig ist, das man Zeit miteinander verbringt, in der man ganz für die Kleinen da ist.

    … ach, und Fotos machen wir eigentlich viel zu viele. 🙂

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ja, der Meinung bin ich auch! Die kleinen, alltäglichen Dinge sind die, die wir mitnehmen in unsere Zukunft, und so auch unsere Kinder! Aber ich z.B. mag es wirklich, eine Unmenge an Fotos zu schiessen, um eben diese vielleicht sogar ganz banalen alltäglichen Momente festzuhalten. Gerade heute erst habe ich meine Kleine beim Puddingessen fotografiert und meinen Grossen auf dem Rad. Weil ich mich auch später noch an diese klitzekleinen Augenblicke erinnern möchte. Und Bilder helfen ja dabei so gut…😉🙋

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      1. Corinna sagt:

        Das kann ich gut verstehen.

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  2. Das ist ganz fein beschrieben. Und mir ergeht es ähnlich. Viele lebendige Erinnerungen haben mit ganz alltäglichen Dingen zu tun. Nicht unbedingt primär mit dem, was man als Highlights bezeichnet hätte. Einiges an Erinnerungen lässt sich zusätzlich mit ein wenig Anstrengung an die Oberfläche bringen. Natürlich gehören spezielle Momente dazu – Reisen, Ausflüge… Dennoch. Lebendig sind vor allem viele alltägliche Dinge. Und ich denke, die wertvollen Kindheitserinnerungen entstehen genau dadurch, dass man einfach das Leben lebt. Dass man Alltägliches miteinander tut. Und auf der anderen Seite, dass Kinder auch Freiräume haben. Dass Kinder einfach mal in Ruhe und Frieden ‚nichts Besonderes’ tun dürfen und ohne einen Masterplan im Hintergrund einfach Kind sein dürfen.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Das ist genau meine Ansicht. Irgendwie neigt man ja doch leicht dazu, selbst den Kindesalltag vollpacken zu müssen mit allen möglichen Aktivitäten anstatt sie selbst mal wuseln zu lassen. Denn Langeweile macht ja bekanntlich kreativ- so sehe ich das jedenfalls! Inm Vergleich zu heute hatten wir damals viel weniger Inputs, geschweige denn gab es bei uns abenteuerliche Unternehmungen oder gar exklusive Urlaubsreisen. Irgendwie lebten wir den Alltag intensiver- oder zumindest kommt mir das so vor. Anspruchsloser, unbeschwerter. Oder es liegt einfach am Erwachsenwerden und der hektischen Zeit. Es wäre schön, wenn der Begriff „Entschleunigung“ wieder in unseren Alltag einziehen würde…

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      1. Es ist ja auch schwierig. Als Erwachsene wissen wir, wie wertvoll diese Kindertage sind. Und wie bald sie für immer vorüber sind. Und da ist es nur natürlich, dass man möglichst viel daraus „machen“ möchte. Da übersieht man, vom allerbesten Willen beflügelt, leicht mal, dass man manchmal das Beste daraus macht, wenn man die Kleinen einfach machen lässt (und dabei relativ früh manchmal feststellen kann, wie groß sie eigentlich schon sind). Auch ich habe die Kindertage als relativ unaufgeregte Zeit mit wenig von außen herbeigeführter Action in Erinnerung – und doch waren die Tage reich an Erlebnissen. Man kann das nicht zurückholen – höchstens innerfamiliäre entschleunigte Oasen schaffen.

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  3. Mäusemamma sagt:

    Kennst Du den Spruch: „Ich will doch nur Dein Bestes!“ und dir darauf etwas ironische Antwort: „Du hast wohl selbst nicht genug davon?“? Manchmal geht es mir so mit meinen Kindern, so als wöllte ich ihnen manchmal quasi etwas“aufzwingen“ mit dem Anspruch, ihnen damit etwas Gutes zu tun. Dabei ist „Nichtstun“ manchmal wohl besser…

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  4. mamasdaily sagt:

    Schön geschrieben 😊

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke!! Freut mich, wenn gerne gelesen wird! 🌺

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  5. Alexandra sagt:

    Sehr sehr schön geschrieben, kann ich nur zustimmen

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