Zeitreise gen Süden

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🎼“Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt…“ 🎼

Warme Würstchen! Warme Würstchen!“  Noch immer erinnere ich mich mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen an diesen werbeträchtigen Gourmetausruf, der mir als angehender Teenager eine ewig lange und doch so aufregende, spannende 36-stündige Busfahrt gen Süditalien versüsste.

Wir sind Anfang der 90er. Es war Mai und ich besuchte die 4. Klasse. Im nächsten Jahr sollte einer der ersten wichtigen Einschnitte in meinem jungen Leben stattfinden- ich kam auf’s Gymnasium. Eine Abschlussfahrt zum Schuljahresende stand an, doch- ich konnte nicht mit!

Denn: Meine Eltern und ich fuhren zum ersten Mal für eine Woche ins Ausland!! Also ins „richtige“ Ausland, wenn man mal von meinen zwei Ferienlageraufenthalten in der Tschechei nach der Wende, zu denen ich im zarten Alter unfreiwillig verdonnert worden war, absieht.

Unsere Destination: Das historische Urlaubsziel „unserer“ Kanzlerin: Ischia- eine wunderschöne Insel im Golf von Neapel. Eine organisierte Reise im Doppeldeckerbus und Halbpension im Sternehotel. Für uns ein lang ersehnter Ausflug in eine andere, exotische Welt, von der wir als DDRler bis dato nur wage Vorstellungen hatten. Hawaiipizza, Spaghettieis, Eros Ramazzotti und die italienische Mafia- das waren so gut wie die einzigen wenigen Dinge, die wir mit „Bella Italia“ verbanden.

Nie hätte ich mir damals erträumen lassen, dass ich heute, mehr als 20 Jahre später, Italien als meine zweite Heimat bezeichnen würde- und das sogar sehr gerne! Und während ich viele alltägliche Gepflogenheiten, traditionelle Bräuche, typische Verhaltensweisen und allgemein die italienische Mentalität mittlerweile als „normal“ empfinde und mich als festen Teil dieses Landes fühle, denke ich doch ab und an gerne – und leicht schmunzelnd- an meine ersten Eindrücke von „damals“ zurück, als wir uns zum ersten Mal ins südländische Neuland wagten. Meine Erinnerungen an mein erstes „Blind Date“ mit Italien möchte ich der Julia vom lesenswerten (und übrigens zweisprachigem!) Blog  Italien und ich zur Verfügung stellen, die nach kulturellen Unterschieden bei Begegnungen zwischen zwei Welten fragte. Culture Clash heisst das Ganze. Hier kommen also meine Eindrücke vom ersten Kennenlernen mit Italien-  aus der Sicht von damals und mit Kommentaren von heute😉:

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Eleganz ist alles

Irgendwie komme ich mir gerade so lächerlich vor: Wir stehen hier an irgendeinem Grenzpunkt, wahrscheinlich zwischen Österreich und Italien, ein Fototermin für einen Familienschnappschuss steht auf dem Programm. Ich habe diese schreckliche buntgestreifte Baumwollhose im Karotenschnitt an. Dazu -wohl oder übel passend- ein viel zu grosses, buntes Nikki mit Blumenaufdruck (so als toller Gegensatz zur Streifenhose!), welches man mir aus „Ordentlichkeitsgründen“ in die Hose gesteckt hatte. Und zu allem Überfluss trage ich auch noch dieses grässliche, farbenfrohe Käppi. Neben mir steht meine Mutti mit einer ähnlich skurrilen Spätachtzigerfrisur sowie einer- für die eher hohen Aussentemperaturen und unserer noch bevorstehenden Weiterfahrt im Bus- viel zu unbequemen und steifen Anziehtracht.

(Glücklicherweise erinnere ich mich nicht mehr an die Kleidung meines Vaters, der gerade den Fotoapparat mit einem extra 36er -Farbfilm startklar machte. Ist vielleicht nach dieser Präambel auch besser soJedenfalls glaube ich, dass meine Eltern mit unserem erinnerungsträchtigen Family Outfit irgendwie modern und der Zeit angemessen aussehen wollten- immerhin war das damals unsere erste wirkliche Urlaubsfahrt ins „kapitalistische Ausland“! Und für diesen historisch wertvollen Anlass wollte man nun mal gekonnt lässig wirken und als Ossi eine anständige Figur machen. Ich nehme an, genau das Gegenteil ist eingetroffen; wir sahen wohl eher aus wie die Kopie einer dieser Sitcom-Fernsehfamilien der 90er, mit einfallsreichen Frisuren und Möchte-Gern-Bekleidung! Ob wir damit an die „Coolheit“ und Eleganz der ItalienerInnen rangekommen sind? Wohl eher nicht! Aber egal: Das Horror-Erinnerungsfoto der Reise für’s Urlaubsalbum verfolgt mich noch heute in meinen Erinnerungen…)

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Go Trabi go!

30 lange Stunden Busfahrt liegen mittlerweile hinter uns. Ebenso viele aufgewärmte Wiener Würstchen-Paare, die ich in den vergangenen Stunden an unsere Urlaubsgesellen verteilt habe. Unser Inselziel ist greifbar nahe. Doch oh Schreck, wenn das hier immer und überall so zugehen sollte wie auf den Strassen von Napoli, dann werde ich wohl nie im Leben den Führerschein machen. Niemals! Mit einem unglaublichen Lebenselixir zu ach so früher Stunde hupen und drängeln sich die kleinen verbeulten Autos trickfilmartig aneinander vorbei, voneinander weg oder anscheinend aufeinander zu! Ganz nach dem Motto: Augen zu und durch! Ist ja nur Blech! Nach meiner ersten schlaflosen Nacht in einem Fernreisebus hatte ich mir unsere morgendliche Ankunft in Neapel ehrlich gesagt etwas weniger dramatisch vorgestellt! Zum Glück trennt mich die Glasscheibe im Obergeschoss unseres Luxusbusses von der harten Blechwirklichkeit da unter mir. Der arme Busfahrer!! Zum Glück müssen wir hier nicht anhalten, denn Schnitten, Kaffee und nasse Waschlappen zur morgendlichen Katzenwäsche im Bordklo haben wir ja alle vorrätig und vorbildlich dabei! Für alle Fälle…

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(Klar fühlte ich mich vom legendären „Go Trabi go“ -DEM Film schlechthin des Vorjahres, den wir selbst an einem Sonntag Nachmittag im Kino gesehen hatten- auf das, was uns hier in „Näobl“ erwarten möge, theoretisch vorbereitet. Doch bei unserer italienischen Reisetaufe prallten wir ungebremst und hammerhart auf diese ungewohnte süditalienische Verkehrsrealität. Wir, die kollektiv jeden Samstag unsere Trabis im Neubaugebiet blitzeblank putzten und die Entwicklung eines jeden Kratzers millimetergenau verfolgten- immerhin hatte man jahrelang auf einen fahrbaren Untersatz warten müssen- beäugten dieses Schauspiel äußerst ungläubig und aus sicherer Distanz.Was uns bei Schorsch und Co. noch zum Lachen brachte, besorgte uns nun schlotterige Beine und ein ungutes Gefühl für das, was wohl sonst noch vor uns liegen möge während dieser Auszeit im Süden…

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🎼“Oh bella ciao, o bella ciao…“🎼 

Huch! Welch entzückender Anblick! Diese paradiesische Hotelanlage hält wirklich ihr Versprechen aus dem Reisekatalog, den ich mir aus Neugier vor ein paar Tagen noch mal durchgeblättert hatte. Ich glaube, hier könnte ich es aushalten: Himmelblauer Pool, eine einladende Bar, netter Blick auf die grüne Umgebung, das Meer nur unweit entfernt. Dieser ganz in weiss gehaltene, mehrstöckige Hotelbau erinnert mich irgendwie an einer dieser Geschichten aus dem Orient-gibt es hier auch einen Aladin, oder müssen wir uns mit den gutaussehenden, jungen Angestellten-Herren begnügen?

(Meine vorpubertäre Vorstellungskraft hatte sich natürlich schon im Voraus ein imaginäres Bild von der italienischen Männerwelt gemacht, doch diese gut gebauten, sonnengebräunten, dunkelhaarigen Jünglinge, zum Grossteil nur einige Jahre älter als ich, liessen mich schüchternes Fräulein regelrecht versteinern.)

Zuvorkommend, angenehm erfrischend und heiter sind sie ja schon, diese südländischen Servicekräfte. Sie sind sehr auf unser leibliches Wohl bedacht- vor allem auf das der touristischen Damenwelt! Oder vielleicht etwas zu sehr? Romantische Schmeicheleien, mysteriöse Einladungen in die Privatzimmer, zwiespältige Andeutungen, einen gratis Cocktail an der Bar- und all das bei Tageslicht und ohne Scheu? Hä? Aber jetzt mal halblang: Was wollen die von uns? 

(Ich weiss noch, wie meine Mutter regelrecht entsetzt war über diese forschen Annäherungsversuche im Beisein meines Vaters, und dass dies bei mir ebenfalls Skepsis geweckt hat. Im Nachhinein lachen wir alle darüber, denn der italienische Humor prallte in jenen ambiguen Situationen gerne mal auf die deutsche Kühnheit und-aus italienischer Sicht- auf unsere typische (?) Humorlosigkeit. Kleine small talks, ein paar nicht allzu ernst gemeinte, witzelnde Bemerkungen zum Thema Mann und Frau sowie der für die Italiener recht problemlose Körperkontakt waren wohl Dinge, die wir (*Achtung: Klischee!*) prüden, seriösen, geradlinig denkenden Ossis erstmal verdauen mussten. Ich denke, mittlerweile haben wir das hinbekommen…Aber eine Frage bleibt offen: Sind die Italiener denn wirklich die besseren Liebhaber😉?)

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Spaghetti & Tiramisu

Nach der erfolglosen Suche nach einem belegten Brötchen heute morgen zum Frühstück (es scheint so, als hätten die Italiener einen Faible für süsse Sachen) sehen wir unserem ersten italienischen Abendessen etwas optimistischer entgegen. Ein flotter Kellner-auch hier wieder in der Form eines attraktiven Jünglings mit Hundeblick- bedient uns gerade freundlich und muss wohl erkannt haben, dass wir hier bei Tisch nur Bahnhof verstehen. Aufgrund fehlender Speisekarten übermittelt man uns das Menü wörtlich- schade nur, dass sich unsere Italienischkenntnisse auf lediglich eine Handvoll Vokabeln beschränken und diese keineswegs kulinarische Lokalgerichte miteinschließen. Aber egal, Pasta geht immer! Gerne auch mit Nachschlag, vielen Dank, denn von einer Portion wird ja keiner satt. Wie jetzt, ein zweiter Gang? Ich bin schon raddeldaddelvoll, was wollen die uns denn jetzt noch bringen? Ob wir Nachtisch wollen? Ähm: Hätten sie auch was, was wir kennen? Ein Tirami-was bitte?

(Uns waren wohl damals die Ausmaße der italienischen Küche und der dazugehörigen Esskultur nicht bewusst. Naiv wollten wir uns mit einer doppelten Nudelportion begnügen und hatten am Morgen wohl die vielerlei leckeren Croissants übersehen. Essen ist in italienischen Kreisen eine Leidenschaft, ein Ritual; eine Gelegenheit, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Essen geht über die einfache Nahrungsaufnahme hinaus, Essen wird zelebriert, und das gerne in mehstündigen Fressgelagen. Doch das mussten wir erst noch lernen. Aber für die Chronik muss ich gestehen: Die weltallerleckersten Spaghetti Bolognese haben meine Mutti und ich jedenfalls damals, natürlich als einzige Gäste zu einer für die Süditaliener unmenschlichen Mittagesszeit um kurz vor 12, im Hinterhof eines kleinen Lokals gegessen…Ein unvergessliches Gourmeterlebnis auf einfachste Art- DAS ist mein Italien!)

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Presto! Presto! 

Na ob das eine gute Idee war, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln HIER einen Tagesausflug zu planen?? Gerade kommen mir da die angsteinflössenden Szenen im napolitanischen Verkehrstumult in den Sinn! Ich glaube, meine Eltern werden langsam warm mit diesen kuriosen Italienern, wenn sie sich sogar trauen, das Inselhinterland auf eigene Faust zu erkunden. Aber bitte- auf geht’s! Ich weiss nicht, ob unsere Uhren anders ticken, aber laut Fahrplan sollte der Bus schon vor rund 10 Minuten hier vorbeigekommen sein. Stehen wir auch an der richtigen Stelle? Uns kommen die ersten Zweifel: Vielleicht haben wir die Zeiten falsch gelesen. Welcher Wochentag ist heute? Was bedeuten diese Zeichen hier? Ach ne, Moment, da kommt gerade einer angefahren…“Presto, presto!“ ruft uns der grimmige Busfahrer entgegen- er muss wohl die verlorene Zeit wieder aufholen?!

(Mal abgesehen davon, dass mich jene kurze Begegnung mit dem Busfahrer, der wohl am Morgen mit dem falschen Fuss aufgestanden war, gelehrt hat, dass diese locker-lässig scheinenden ItalienerInnen doch auch ganz schön temperamentvoll werden können -und das in kürzester Zeit- wurden wir in jener Situation mit den Themen Pünktlichkeit und Präzision konfrontiert: Wohl zwei der wenigen Dinge, die mir noch heute regelmässig die Haare zu Berge stehen lassen- für manche Sachen bin ich eben doch zu „deutsch“, zu ordnungsliebend, zu unspontan, zu spiessig! Da komme ich nicht aus meiner Haut. Und meine Eltern waren zu jener Zeit wenig anders: Skandalös diese Verspätung, wo kommen wir denn da hin, wenn das alle so machen? Unerzogen! Die deutsche Ordnungsliebe vermählt sich eben nicht allzu gerne mit der italienischen Gelassenheit. Obwohl, dieses südländische Leben, das hat doch was! Man muss es nur erst einmal leben…)

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Mein „Bella Italia“! So hat es sich also bei unserem ersten Date präsentiert: unverblümt, offen, spontan, temperamentvoll, reizend. Mein Exkurs in den italienischen Süden könnte an dieser Stelle noch ewig weitergehen, denn lustige Anekdoten verknüpft mit kulturellen Reibungspunkten gäbe es noch allerhand. Dennoch will ich es bei diesem kurzen Rückblick belassen und hoffe, einen kleinen Einblick in meine- damals fremde und heute so liebgewonne- italienische Welt gegeben zu haben.

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Übrigens: Ich liebe mittlerweile die italienische Frühstückskultur-nichts geht über einen Cappuccino mit einem leckeren „brioches“ in der Bar; den Führerschein habe ich trotz unserer schockierenden Neapelerfahrung auch gemacht, ich habe für meine Eltern nach vielen Jahren endlich das Rätsel gelöst, wozu denn dieses „Bidet“ gut sei und- zur Krönung- habe ich einen waschechten Italiener zu ihrem Schwiegersohn gemacht- blond und bläuäugig😉. Und selbst meine Eltern haben ihren Wortschatz erweitert und sich auf so manch andere kuriose Reise innerhalb Italiens gewagt. Wer hätte das gedacht?

 

 

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9 Kommentare Gib deinen ab

  1. La Giù~Lia sagt:

    Oh mein Gott, was für ein gnadenlos toller Beitrag! 😀 Danke dafür! Hab ich sehr sehr gern gelesen! 🙂

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke Dir! Schön, wenn er gefällt!!!😍😉😉☀️

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  2. Elena sagt:

    Danke für diese Zeitreise gen Süden! Hervorragend geschrieben, witzig, ansprechend und Lust drauf machend, SOFORT wieder nach Italien fahren zu wollen…

    Herzliche Grüße
    Elena

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke für Dein Feedback! Ehrlich gesagt hätte ich auch mal wieder Lust, nach Süditaöien aufzubrechen, denn da unten ist das Leben doch noch etwas anders als hier im Norden. Aber die Sommerferien stehen ja an- vielleicht könnt Ihr ja einen Kurztrip grn Süden einplanen? Viele Grüsse und danke für’s Kompliment!! Claudia

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  3. Corinna sagt:

    Wie witzig! Ich kann mir das gut vorstellen, wie es war so kurz nach der Wende. Aber verblüffend doch, wohin einen das Leben so treibt. Da denkt man, es wäre ein kurzer Urlaub… und plötzlich ist man schon Jahre hier. 😉

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  4. Mäusemamma sagt:

    Ja, verrückt, oder? Ich hatte nie im Leben damit gerechnet, mal hier sesshaft zu werden Anfang zwanzig nochmal von Null an eine neue Sprache zu lernen! Aber so ist das Leben halt! Und wenn ich sage, dass ich schon 15 Jahre hier bin, komme ich mir so schrecklich alt vor…😉

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  5. Spannende und mit vielen schönen Details versehene Reiseschilderung. Da kommt Freude auf. Es ist eine Zeitreise – und doch ein Stück weit auch ein Panorama von Zeitlosigkeiten. Interessant ist dabei ja auch, dass man in der Regel sehr vorsichtig sein muss mit dem Ausdruck ‚typisch‘ – und trotzdem treffen zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinander. Die gegensätzliche Aussprache Näobl/Napoli illustriert das sehr schön.

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  6. Mäusemamma sagt:

    Aber wenn wir ehrlich sind, bewahrheiten sich schon in vielen alltäglichen Dingen gewisse Klischees und Vorurteile, die ja eigentlich nur die Andersartigkeit eines anderen Kulturkreises hervorheben. Danke für Dein Feedback; es freut mich, wenn gerne gelesen wird!!! 😉

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