Folgen einer Autotour

Mein Tacho zeigte auf 110. Nicht unbedingt vorteilhaft auf einer Blitzerstrecke mit einem Tempolimit von 70 km/h. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass ich zwei „hochgefährliche“ Mini-Beifahrer neben mir und auf der Rückbank sitzen hatte, war in jenem Moment mein einziger klarer Gedanke, so schnell wie möglich und ohne ungemütliche Zwischenfälle am Ziel anzukommen…

Nicht, dass wir eine Fernreise vor uns hatten- ganz im Gegenteil: Wir wollten an jenem Feiertagsmorgen lediglich dem Opa im Nachbarort einen flüchtigen Besuch abstatten, der uns zum Kirschenpflücken eingeladen hatte. Was sind schon 12 km?

An die kinderlosen Leser unter Euch: Ein Dutzend Kilometer, verbracht in der Enge eines Fünftürers bei sommerlichen Aussentemperaturen, mit zwei kleinen Kreaturen im Schlepptau, ja die können richtig schön laaaang und schweisstreibend werden!

An diesem schwülen Morgen hatte ich also die undankbare Aufgabe, meine beiden Schlümpfe heil bis an die fast schon greifbare Ziellinie zu bringen. Noch 6 km. Weiterhin bei 110. Mit einem Blick schlunzte ich im gefühlten Sekundentakt auf den Beifahrersitz, um sicher zu gehen, dass sich unsere kleine Schlumpfine bloss nicht vom gleichmässigen Schaukeln des Autos in den Schlaf wiegen lässt- darum hatte mein Mann vor unserer Anfahr ausdrücklich gebeten. Andernfalls wäre der Nachmittagsschlaf, für den er heute beauftragt war, zu einem kompletten Desaster geworden.

Mithilfe des Rückspiegels hingegen überwachte ich leicht nervös unseren grossen Schlumpf in der zweiten Reihe- denn die Erfahrung der letzten Autofahrten hat mich gelehrt, dass ich das Level seines Unwohlseins neben seiner immer blasser werdenden Hautfarbe auch an seinem abnehmenden Wortschatz erkennen konnte. Ausserdem wusste ich, dass sein geständiges Bekenntnis dazu, dass ihm übel sei, der -im wahrsten Sinne des Wortes- ein-brechenden Katastrophe nur um den Bruchteil einer Sekunde vorausging.

Aus diesen verständlichen Gründen zählen Ausflüge- auch Kurzstrecken-mit dem Auto nicht unbedingt zu unseren Lieblingsbeschäftigungen. Denn ein Familiensonntag, der bereits mit einem kreidebleichen bis grünlichen Kleinkind, einer deswegen nervösen und zugleich besorgten Mama, einer ihren Schlafrhythmus zerstörenden Kleinen und einem obendrauf gestressten und verschwitzen Papa beginnt, hat nicht unbedingt die besten Karten, um zu einem erinnerungsreichen Tag zu werden…

Und dennoch kann ich meine Kinder gut nachvollziehen- ich mochte Autofahren im Kindesalter auch nie so richtig. Oder besser: Ich entgegnete diesem wohl oder übel unvermeintlichen Mittel der Fortbewegung mit gemischten Gefühlen: Entweder sträubte sich auch mein Magen den hoppelnden und schaukelnden Bewegungen, denen ich auf der Rückbank ausgesetzt war, oder bestenfalls entschloss mich eben dazu, die Langeweile naschend oder eben dösend zu überbrücken.

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Als ich dann kurz vor der Wende aus dem Gröbsten heraus war, beginnen meine Erinnerungen eher positiver und alles in allem heiterer zu werden:

Mit einem aus heutiger Sicht lachenden Auge denke ich an unsere raren Urlaubsreisen in der damaligen Noch-DDR zurück: Zu viert gequetscht in unseren Trabi. Ziel Ostsee. 8 Stunden pures Vergnügen- vor allem für meine Eltern, die zu obbligatorischem Nummernschildraten und stündlichen Pinkelpausen angehalten wurden.

Oder ein kollektiver Betriebsausflug in ein FDGB- Ferienheim in Trabant- und Wartburg- Kolonne, mit dem ich seit jener Zeit die „Folgen einer Autotour“ verbinde: Meine Eltern können noch heute so herrlich ausgelassen über diesen Sketch lachen, den sie wohl selbst unter Kollegen mehrfach inszeniert haben- so lautet jedenfalls die mündliche Überlieferung.

Oder dann später, bereits mit D-Mark in der Tasche, eine unserer ersten Grenzüberquerungen, während derer mein damals jugendlicher Bruder unbedingt am Bananenstand in irgendeinem „Westort“ anhalten wollte, denn am Folgetag wären sie vielleicht alle gewesen…

Als ich dann einige Jahre später selbst im Teeniealter war, verdonnerte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn einmal meinen Vati dazu, eine fast 500 Kilometer-Strecke in knapp drei Stunden zurückzulegen, damit ich ja (und wehe nicht!!) pünktlich zu meinem Discoabend mit Freunden zurück daheim ankomme. Für diese psychologische Terrorfahrt schäme ich mich insgeheim noch heute.

Während meines USA-Aufenthaltes hingegen faszinierten mich jedes Mal diese grossräumigen, komfortablen, mit Klimaanlage, Automatik und Speed Control ausgestatteten Wagen. Von wegen Trabi oder Moskwitsch. Sowieso hatte Knight Rider bei mir Spuren hinterlassen. Autofahrten empfand ich da zum ersten Mal als extrem (ent)spannend! Während unser wochenendlichen family road trips durfte ich immer lenken, während meine Gastmutter die Beine übers Steuer legte und ein Buch las. Wirklich wahr! In der texanischen Wüste ging es ja hauptsächlich geradeaus, der Verkehrsfluss war gleich null und die automatische Geschwindigkeitseinstellung verhalf somit dem Fahrer zu erheblichem Komfort- und mir zu unglaublicher Spannung.

Country road take me home to the place I belong…

Zu einer meiner aufregendsten Autoreisen zählt wohl die illegale Grenzüberschreitung nach Russland mit meiner weissrussischen Freundin, deren Bruder und seiner Frau. Sie fühlten sich wohl dermassen von unserem Besuch geehrt, dass sie uns mal kurz über’s Wochenende ins über 1000 Kilometer entfernte Sankt Petersburg chauffieren wollten. Ein alter, aus der BRD ersteigerter Mercedes, der schon den einen oder anderen Defekt aufwies (und damit meine ich nicht in erster Linie die Ästhetik), diente uns Fünfen als Limousine während unserer nächtlichen Fahrten. 2000 Kilometer in 48 Stunden. Kalashnikov- Grenzkontrollen mitten in der Nacht, damit wir Visumslose uns schlafend stellen konnten. Wie krümmten wir uns vor Lachen auf der Rückbank, als sich jedes Mal die eher gewichtige Schwägerin meiner Freundin aus dem Auto hieven musste, um ihrem proportionell schmächtigen Mann am Steuer von aussen die Tür aufzumachen- wie gesagt, unser Modell war an einigen Stellen defekt. Der verlorene Ausweis mitten in der verregneten Taiga oder eben diesem ewigen Niemandsland, welches wir während unserer Rückreise durchquerten. Und ich, die sich waghalsig und todesmutig ans Steuer gewagt hatte, um den völlig übermüdeten Fahrer während der letzten Kilometer gen home eine Verschnaufpause zu gewähren- und dabei selbst vor Erschöpfung die bremsmüde Karre fast in den Graben fuhr! Die russischen Schimpfwörter von der Rückbank kommend wurden mir bis heute nicht eindeutig übersetzt…

Und nicht zuletzt meine Henkersfahrt nach Italien, während der ich mit meinem getreuen vollbepackten Fiat 600 die Alpen überquerte und somit symbolisch meiner deutschen Heimat für immer den Rücken zukehrte…

So viel gäbe es zu erzählen! Von wegen: Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde! Wenn meine Kinder wüssten, wieviele spannende Geschichten an den Steuern und Rücksitzen unserer fahrbaren Untersätze geschrieben werden!

Doch für den Moment liegt es mir vor allem am Herzen, unsere gemeinsamen Ausflüge an Bord unseres mehr oder weniger bequemen fahrbaren Familienuntersatzes für meine Kinder so unbeschwert wie möglich zu gestalten. In der Hoffnung, dass auch sie im Laufe der Jahre die lustigen, skurrilen und spannenden Seiten des Autofahrens kennenlernen werden. Nicht unbedingt in meinem Beisein, versteht sich.

Das Fazit unserer Kirschpflückausfahrt im netten Dreierpack stellte sich im Übrigen- in Anbetracht so manch anderer, eher qualvoller vergangener Ausflüge- als positiv und komplikationsfrei heraus: Meine kleine Beifahrerin hielt sich bei mittlestarker Radiomusik kontinuierlich wach, und ich musste keinen Notfalleimer zum Mini-Mitfahrer auf der Rückbank reichen; auch er hat sich wacker geschlagen!

Trotzdem bin ich froh, in unserem normalen Alltag auf das Auto so gut wie verzichten zu können. Es lebe das Fahrrad!🚲🚲🚲

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Möglicherweise haben sich unsere Wege sogar mal gekreuzt. Tatsächlich bin ich – als es die DDR noch gab, aber die Grenzen geöffnet wurden – extra da hoch gefahren, um mich zu überzeugen, dass dem tatsächlich so sei. Und es war wahr. Der Grenzübergang war zwar noch bemannt, aber offen und frei passierbar. In beide Richtungen. Das fand ich sensationell. Und auch witzig. Mir kamen massenhaft Trabis entgegen. Die Menschen fuhren von Norden nach Süden – und dabei gleichzeitig vom Osten in den Westen.
    Als Kindheitserinnerung ist Autofahren für mich aber – zum Glück – so gut wie gar nicht präsent. Da gehören Bahnen und alle Arten von Bergbahnen/Skiliften dazu. Die sehr seltenen Autofahrten habe ich in schlechter (und unappetitlicher) Erinnerung. Ich kann also sehr gut nachempfinden, wie es dem „grünen Männchen“ auf dem Rücksitz ergehen muss.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Schon irgendwie andere Zeiten, oder? Manchmal erscheint mir die DDR-Zeit so unrealistisch. Komisch zu wissen, dass man in einem Land aufgewachsen ist, das es nicht mehr gibt. Selbst mein damaliges Wohnviertel hat sich komplett verändert und fühlt sich nicht mehr an wie Heimat. Und Trabis sind wohl auch im Osten mittlerweile Sammlerstücke geworden. Was die damaligen Fortbewegungsmittel angeht, so erinnere ich mich tatsächlich nur an unseren Trabi, Ikarusbusse und die Strassenbahn in der Stadt- alles andere war mir fremd. Viele Grüsse und danke für den Kommentar!!!

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      1. Natürlich gibt es überall Veränderungen. Und mehr als zweieinhalb Jahrzehnte sind ja auch kein Klacks. Dennoch stelle ich mir das schon speziell vor, wenn jemand in einem Land aufgewachsen gibt, das es schlichtweg nicht mehr gibt. Das hat durchaus etwas Unwirkliches. Man kennt das zwar aus Geschichtsbüchern – aber wenn es ‚live’ geschieht… Vor allem hätte man sich das auch wenige Jahre zuvor nicht träumen lassen.

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