Mama ist im Himmel

am

Ich habe Dich nicht gekannt. Flüchtige Bekannte waren mit Dir befreundet. Deinen Namen las ich zum ersten Mal auf der Todesanzeige vor der Kirche.

Dein Foto bewegte mich, das tut es noch immer. So fröhlich und unbeschwert siehst Du darauf aus. Man erkennt Dein wunderschönes Hochzeitskleid. Dieser eine, unvergessliche Tag- der Anfang eines neuen Lebensabschnitts. Das ganze Leben vor Euch.

Bis dass der Tod uns scheidet.

Für Euch kam er leider viel zu früh. Der Tod stellt sich nicht hinten an. Er diskutiert nicht.

Du warst in meinem Alter, ich bin noch jung. Die Lokalzeitung schrieb, dass Dir vor einigen Monaten eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde. Krebs nehme ich an.

Du hast ihn nicht besiegen können. Er war schneller als Du und holte Dich ein- mehrmals. Ganz unerwartet und zum Entsetzen Deiner Liebsten bist Du von heute auf morgen von ihnen gegangen. Eine Wahl hattest Du nicht. Die hat wohl niemand.

Draussen ist es dunkel, ich gehe im milden Regen spazieren. Ich wollte etwas durchatmen, daheim gab es Streit. Belanglosigkeiten. Immer wiederkehrende Brennpunkte. Folgen eines langen Tages. Von allem ein bisschen etwas.

Sanfte Regentropfen kullern über meine Jacke, sie beruhigen mein aufgewühltes Gemüt. Meine feuchte Kapuze habe ich mir tief ins Gesicht gezogen und ich denke an das, was Dir widerfahren ist. Ich frage mich, ob Du Zeit hattest, Dein Schicksal zu begreifen, es anzunehmen, es zu akzeptieren.

Es Deinem kleinen Sohn verständlich zu machen.

Wie erklärt man einem Zweijährigen, dass die Mama bald nicht mehr da sein wird?

Während ich durch die dunklen, nassen Strassen laufe, schlafen meine Kinder friedlich daheim. Manchmal schrecken sie mitten in der Nacht auf und suchen unsere vertraute Nähe. Und wir sind da. Immer. Egal was kommt.

Mama ist gleich wieder bei Euch, meine Engel. Der Papa ist ja da, nimmt Euch auf seine starken Arme, summt leise ein Lied. Morgen früh wird Mama die Erste sein, die sich an Eure Bettchen setzen und Euch in den neuen Tag küssen wird.

Ich muss innehalten. Mein Herz sticht: Was tut eine Mama, die weiss, dass die Zeit mit ihren Kindern begrenzt ist?

Kann sie ihnen getrost die Gute-Nacht-Geschichte von Schneewittchen vorlesen?

Mama, gibt es den Ritter auf dem weissen Ross, der Dich dann wachküssen wird? 

Der Streit ist fast vergessen- so unwichtig war er. Atemlosigkeit überkommt mich. Ich bleibe stehen. Zu immens ist der Schmerz, der mich beim Gedanken an dieses erbarmungslose Schicksal überkommt. Kein Happy End. Der barmherzige Gott- nur ein Märchen?

Ist es gerecht, dass ein Kind seine Mama gehen lassen muss- für immer? Nein, ist es nicht. Das darf es nicht sein. Und doch ist es so.

Dein Leben wird weitergehen, Kleiner, Dein Papa wird dafür sorgen, sich liebevoll um Dich kümmern. Sich aufopfern für Dich. Deine Grosseltern, die Tanten, Onkel, Verwandte werden in ihrer Trauer stark sein – Dir zuliebe. Du wirst viele Freunde an Deiner Seite haben, die Dich auffangen, unterstützen, lieben werden. In Erinnerung an Deine Mama.

Man wird Dir erzählen von ihr. Wie wunderschön sie doch war in ihrem Brautkleid! Wahrscheinlich wirst Du Dich später einmal nicht mehr an sie erinnern. Mama ist in den Himmel gegangen, viel zu früh, als Du sie so sehr gebraucht hättest.

Ich bin daheim angekommen, ziehe mir die nasse Regenjacke aus, setze mich und beginne zu schreiben. Über einen Tod, der sich das Wertvollste eines Kindes genommen hat. Ohne zu fragen. Ohne Gnade. Der tiefe Spuren hinterlassen hat. Unbekannterweise. Auch in mir.

Im Nebenzimmer höre ich ein paar kindliche Schluchzer.

Mama ist da.

Meine kleine Tochter sitzt aufgewühlt in ihrem Bettchen, runde Tränchen laufen über ihr zartes Gesicht. Die Regentropfen am Fenster haben ihr den Schlaf geraubt, sie verunsichert. Ich nehme sie in den Arm, tröste sie, beruhige sie, lege sie schützend neben mich. Ganz nah.

Welch ein Wunder der Natur, so klein und zart! So unschuldig, so schutzbedürftig, und dennoch dem Leben ausgeliefert, in guten wie in schlechten Zeiten.

Schlaf gut, kleiner Engel. Deine Mama wird da sein, wenn Du sie brauchst. Bis das Schicksal uns scheidet.

Ich hoffe, es stellt sich ganz weit hinten an.

„Das Leben ist schwächer als der Tod, doch der Tod ist schwächer als die Liebe!‘‘

(Khalil Gibran)

 

 

 

 

 

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sehr bewegender Beitrag zu einem Thema, um das man naturgemäß am liebsten einen weiten Bogen machen würde. Aber es lässt sich nicht ausblenden. Immer mal wieder klopft das Schicksal an die Pforte. Mal weiter weg – und unvermittelt auch unerträglich nah…
    Wir können viel daraus lernen. Die geschenkte Zeit zu nutzen. Einander nicht unnötig das Leben schwer zu machen. Gute Vorsätze sind leicht gefasst. Nur kommt uns leider allzu oft irgend eine kleinliche Alltagskacke (absichtlich lebensecht derb formuliert) in die Quere. Schade. Eigentlich.

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  2. Corinna sagt:

    Mannomann, jetzt muss ich mir erstmal ein Taschentuch holen.

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  3. Mir zieht sich gerade alles zusammen. Seit ich Mama bin, denke ich, dass ich nun nicht nur eine Verantwortung für mich habe, sondern vor allem für mein Kind. Mein Leben ist deshalb so wertvoll, weil mein Kind mich braucht. Ein ganz bewegender Text, wunderschöne Worte und Gedanken, sehr berührend und tieftraurig, wie das Leben manchmal leider auch.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich habe das Geschriebene wirklich selbst an dem besagten Abend so durchlebt und wollte es gerne in Worten festhalten. Eine traurige Seite des Lebens…

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  4. Jorge D.R. sagt:

    Ein Beitrag, der mich sehr berührt hat. Bewegende Dinge, wie sie nur das Leben schreiben kann, sachlich, aber warmherzig beschrieben. Wunderbar!
    Ich „arbeite“ mich hier langsam durch deinen Blog. Lasse mir Zeit, um alles zu „verdauen“.
    Bis zum nächsten Artikel, liebe Mäusemama *schmunzel*

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke Dir! Und weiterhin viel Spass beim Lesen, freue mich! Viele Grüße

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