Scribo ergo sum

image.jpegEigentlich hatte ich ja vor, für diesen Beitrag ganz klassisch und elegant zu Zettel und Stift zu greifen. Einerseits, weil mir mein achso treues Iphone schon seit heute morgen seinen hochmodernen Stinkefinger zeigt und mirnichtsdirnichts zeitweise seine Tastenfunktion auf Streikfunktion stellt- und ohne Buchstaben, liebe Leser, gibt es keinen Blogartikel. Und zweitens, weil ich anlässlich dieser Umstände einfach mal wieder ausprobierern wollte, wie es sich so anfühlt mit Kuli und Papier.

Ich weiss ja nicht, wie es bei Euch in der Hinsicht aussieht, aber hier bei uns wird ausser dem Einkauszettel, einigen flüchtigen Terminen im Kalender und gelegentlich einer (Pflicht)Postkarte aus dem Jahresurlaub kaum noch irgendwas von Hand geschrieben. Geschweige denn Briefe. Selbst Unterschriften sind ja heutzutage digital.
Schon komisch: Ich musste erstmal irgendwo die mit Seltenheitswert belegten Schreibutensilien ausfindig machen und dabei feststellen, dass funktionierende Kugelschreiber sowie A4-Blätter in unserem Haushalt komplette Mangelware sind- mal abgesehen vom hochheiligen Druckerpapier meines Mannes. Im Kinderzimmer, bei den Buntstiften und den Bastelbögen, wurde ich dann doch noch fündig. Also konnte der Test beginnen…
Dessen Fazit sieht ernüchternd aus, denn ich gebe zu: auch ich werde alt. Die Sache mit der Schönschrift wie damals in der Grundschule funktioniert mit meinen mütterlichen Fingern einfach nicht mehr so einwandfrei. Anstatt geschmeidig mit dem Füller über die hauchdünnen Zeilen zu gleiten und harmonisch und mit kindlicher Zufriedenheit bunte Wörter zu kreiren, kratzt nun mein schwarzer Werbegeschenkkuli in abgehackter Rhythmuslosigkeit über das ästhetisch weniger anmutende karierte Blatt. Ich fühle mich wie ein Fahrschüler während der ersten Praxisstunde, der das mit der Gangschaltung, dem Anfahren und dem Einparken noch nicht so auf die Reihe kriegt. Überall ecke ich an. Ich bin eingerostet. Mit Leichtigkeit und Poesie hat das hier gerade nichts zu tun.

Doch warum schreibe ich das?

Weil ich eben eher der Old School-Typ bin. Das heisst, dass mich in den meisten Fällen traditionell angehauchte Vorgehensweisen und Bräuche eher ansprechen als all diese modernen Getüftel und Innovationen. Versteht mich richtig- die neuzeitliche Denkfabrik bringt durchaus tolle, hilfreiche und wirklich nützliche Erfindungen zum Vorschein, von denen auch ich tagtäglich und dankend profitiere (ein Hoch auf den Geschirrspüler!!), aber ich finde auch, dass manche Dinge einfach… so bleiben sollten „wie immer“.
Bücher zum Beispiel. Also die Richtigen mit Staub auf dem Einband und zarten Seiten, für deren Umblättern man sich kurz die Finger anlecken muss, die ein klares Inhaltsverzeichnis haben und die tatsächlich noch einen real existierenden Platz im Wohnzimmerregal einnehmen.
Ich bin jedenfalls noch nie auf die Idee gekommen, meinen Kindern vor dem Gutenacht-Kuss ein E-Book vorzulesen. Ein Buch gehört für mich in die Hände, auf den Schoß, als Begleiter ins Bett, bei gedämpftem Licht, gemeinsam mit der letzten abendlichen Kuscheleinheit, als Betthupferl und Träumeversüsser.

Oder das: Mein Mann fährt ja total auf diese immer näher kommende, für mich dennoch futuristische Idee des mann-
oder fraulosen Autos sprich auf diese selbstfahrenden Roboterautos ab. Aus purer Interesselosigkeit habe ich mich noch nie tiefgründiger über diese neuartigen Fortbewegungsmittel informiert, aber das Hören-Sagen hat mich darüber aufgeklärt, dass ein Vorteil dieser Dinger vor allem die Sicherheit ist. Weniger Unfallgefahr, weniger Verkehrsopfer. Okay, dieses Argument könnte mich durchaus von deren fortschrittlicher Nützlichkeit überzeugen, doch aus irgendeinem Grund tut es das nicht. Ebenso wenig wie es Online-Banken, Sojaburger (an dieser Stelle nichts gegen Veganer/Vegetarier!) und alleskönnende Küchengeräte schaffen. Irgendwo habe ich da wohl einen Klemmer. Irgendwann sind wohl da bei mir die Uhren stehen geblieben.
Wie eben auch beim Thema Handschrift. Ich selbst habe als Kind schon immer gerne geschrieben und gekritzelt. Ich mochte einfach den Akt an sich, mit ein paar Stiften und etwas Papier von hier auf jetzt etwas zu kreieren, kreativ zu sein, meinen Gedanken eine Form zu geben. Irgend etwas Bleibendes zu schaffen.

Damals schrieb ich Tagebuch, heute blogge ich.

Ja damals, jedenfalls während MEINER ranzenpflichtigen Grundschulzeit Anfang der 90er, kursierten unter uns Minimenschleins noch diese in Stoff gebundenen Poesiealben aus dem „kapitalistischen Ausland“, bei dessen Erinnerungseintrag es nicht nur auf das Was, sondern auch auf das Wie ankam. Nicht selten versteckten sich zwischen den mädchenhaft besonders schön geschriebenen Zeilen heimliche Liebesbotschaften!

Damals erledigten wir Hortkinder die Hsusaufgaben unter Aufsicht erst mit dem Bleistift, um dann nach der Korrektur durch die Lehrerin zur definitiven Schönschrift überzugehen. Diese Methode galt der Fehlersuche und nicht zuletzt der Ästhetik.

Damals wurden auch Einladungen zu Kindergeburtstagen, Tischkärtchen und überhaupt Glückwunschzeilen noch in liebevoller Kleinstarbeit selbst hergestellt, wieder verworfen, neu kreirt, solange, bis man mit dem Ergebnis zufrieden war. Heute erhält man Einladungen über die Whatsapp-Gruppe der Kita-Mamas. Platzkarten entfallen oft ganz, da dem einst so heiss ersehnten Moment des gemeinsamen Kinderkaffeetrinkens mit Schokokuchenessen heutzutage durch übertriebene Buffets und überlaute musikalische und clownische Begleiterscheinungen die Magie entnommen wird. Und klassische Glückwunschkarten- schreibt die noch Jemand?

Ich möchte natürlich mit diesen Worten nicht komplett die „Neuzeit“ durch den Kakao ziehen, und bewusst habe ich verschiedene Aspekte unseres modernen Alltags in einen Topf geworfen. Doch wenn ich nun themenbezogen lese, dass in Nordeuropa (und wohl nicht nur da) die Kursivschrift abgeschafft oder lediglich als „optional“ weitergeführt werden soll (oder dies mittlerweile geschehen ist?), stimmt mich das als gelegentliche Traditionsverfechterin ehrlich gesagt schon etwas nachdenklich. Auch wenn ich die diesbezügliche Debatte gar nicht verfolgt habe, kann ich mir die Pro- und vor allem Contra-Argumente lebhaftig vorstellen. Allen voran wahrscheinlich die Aussage, dass dieser Entschluss ein weiteres Indiz für die schrittweise Verarmung der Menschheit darstellt. Verarmung im Sinne vom Verlust von etwas Wertvollen, von einer geschichtsreichen Tradition. Der Verlust von unseren Wurzeln und unserer Identität.

Vielleicht etwas überspitzt, vielleicht wahr- die Auswertung überlasse ich gerne Anthropologen, Soziologen, Linguisten. Apropos: Beim Stöbern im Netz (nein, in keinem Sachbuch!) habe ich zum Thema passend einen interessanten, lesenswerten, vielleicht etwas polemischen, aber durchaus vertretbaren, weil gut begründeten Artikel  des deutschen Lehrerverbandes gefunden, den ich Euch bei Interesse gerne weiterempfehle. Fakt ist aber sicherlich, dass ebenso wie Dialekte und ganze Sprachen komplett in Vergessenheit geraten sind, weil man irgendwann an deren Nutzen gezweifelt und deren Weitergabe und Vermittlung an die folgenden Generationen als nicht mehr notwendig angesehen hat, auch die sogenannte Schönschrift Gefahr läuft, der Druckschrift bald ins Messer zu laufen. „Feinmotorische Verarmung“ heisst es dazu im genannten Artikel. Und leider eben nicht nur die.

„Das Kritzeln, das Malen, das Kneten, Gesellschaftsspiele, die Zeichensprache, Papier- Schneide- und Faltarbeiten – all dies ist aus der Mode gekommen, dabei wären gerade solche Spielereien die klugen Mütter und Tanten einer filigranen Handmotorik und damit des späteren Schreibens.“ So drückt es der Lehrerverband aus.

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Wie schade also diese Wandlung! Fand ich doch diese zum Teil unleserlichen Unterschriften meiner Oma in unseren Familienfotoalben immer so spannend. (Fotoalben inklusive Fotoecken und knisterndem Trennpapier sind ja mittlerweile auch so eine Sache mit historischem Mehrwert!). Ebenso wie handgeschriebene ärztliche Bescheinungen, deren Gekritzel man sonstwie frei interpretieren konnte- oftmals zum eigenen Vorteil. Und noch heute freue ich mich wie ein Honigkuchenpferd, wenn doch statt einer e-mail tatsächlich ein echter, nicht-amtlicher Brief ins Haus flattert! (Ja okay, die Sache mit der Brieftaube wäre wohl an dieser Stelle etwas zu weit hergeholt…)

Ausdrucksmittel, Gedankenordner, Konzentrationshilfe, Kreativitätsstütze, Persönlichkeitsspiegel, Feinmotorikübung: all das hängt für mich mit dem Schreiben zusammen. Aus diesem Grund möchte ich meinen Kindern dieses simple, aber doch so nützliche Geschenk der Natur nicht vorenthalten. Sie können dann später selbst entscheiden, in welcher Form sie diese anwenden möchten…

„Es ist bedauerlich, dass man den Kindern heute alles erleichtern will …. Die ganze Pädagogik kennt jetzt nur noch die Sorge um die Erleichterung. Erleichterung ist aber keineswegs eine Förderung der Entwicklung, sondern im Gegenteil ein Verleiten zu Oberflächlichkeit.“ (aus dem zitierten Artikel)

In diesem Sinne werde ich mich jetzt erstmal in die Küche schmeissen und etwas Buchstabensuppe für heute Abend vorbereiten. Und dazu vielleicht etwas Russisch Brot. Man kann ja nie früh genug damit anfangen, die eigenen Sprösslinge an den Wortschatz heranzuführen- nicht umsonst impliziert dieser wunderbare Begriff ja sehr anschaulich, dass Wörter Schätze sind, welche einem zur Erschaffung von etwas Wertvollem, etwas Kostbarem zur Verfügung stehen.

Ach ja: Die Schreibschrift gibt’s dann morgen früh als Brotaufstrich😉:

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P.S.:An dieser Stelle dürft Ihr Euch jetzt gerne meine digitale Unterschrift vorstellen…😉

 

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Corinna sagt:

    Ich bin dann wohl auch zu sehr alte Schule. Ich schreibe noch handschriftlich Tagebuch, an mehrere, in die Jahre gekommene Personen nur Briefe und habe auch gerade erst die lateinische Ausgangsschrift (wieder)gelernt, um sie an deutsche Zweitklässler in Italien weiterzugeben (Puh!). Aber gebloggt wird trotzdem. 🙂

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ich gebe ja zu, dass ich mich trotz meinem Hang zu Traditionen schwer damit tue, zu Stift und Papier zu greifen. Da steht bei mir das Geschichtsbewusstsein der digitalen, reizenden Neuzeit gegenüber, und Beides fasziniert mich irgendwie. Im Endeffekt gibt es doch überall Bereicherungen, wenn man die nur sehen will, oder? Toll, dass Du den Kids was „Klassisches“ wiederbeibringen möchtest! Viele Grüsse! Claudia

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      1. Corinna sagt:

        Diese Schrift wird zumindest aktuell noch in deutschen Schulen gelehrt. Ich mache das mit Kindern, deren Eltern nur für ein Projekt in Italien sind und die demnächst wieder nach Deutschland zurückgehen. Privat ist mir das zu viel Geschnörkel. 😉

        Wenn es schnell gehen muss, dann tippe ich auch lieber.

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  2. Die Geschichte hat freilich viele Facetten – und ich habe auch durchaus nichts dagegen, wenn zwischendurch alte Zöpfe abgeschnitten werden (so lange es nicht ausgerechnet die von Pippi sind). Aber dennoch muss man vorsichtig sein, nicht das Kind mit dem Bad auszuschütten. Was mich für die Handschrift einnimmt, ist, dass es eine Art Körpersprache ist. Der Wortlaut wird durch das Schriftbild ergänzt. Und nach meiner Erfahrung hilft von Hand schreiben auch, wenn man beispielsweise einen Songtext lernen will. Dass man ihn besser in Erinnerung behält, ist eine Sache – aber man erhält auch einen lebendigeren Zugang zum Text, indem man ihn sich beim Abschreiben körperlich erarbeitet.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Interessanter Aspekt! Persönlich finde ich ja, dass man sich beim Handschreiben stärker konzentriert, sich Dinge besser einprägen kann und man flexibler in der optischen Gestaltung von Notizen sein kann. Eben je nachdem, wie man es braucht. Und klar möchte ich mit meinen Zeilen nicht alles „Alte“ über einen Kamm ziehen- einige Angewohnheiten, Dinge, Bräuche etc. gehören auch geändert. Man muss nur genau abwägen, welche Veränderungen wirklich sinnvoll sind und etwas Positives und Innovatives mit sich bringen- die Abschaffung der Schreibschrift gehört für mich nicht dazu. Viele liebe Grüsse und danke für den Kommentar!! Claudia

      Gefällt 2 Personen

  3. Deine Handschrift ist doch sehr manierlich. 🙂 Ich mache inzwischen tatsächlich jedem Arzt Konkurrenz mit meiner Sauklaue, deren Werke ich meist nicht einmal selbst lesen kann. Gekritzelt und geschnipselt wird hier dafür nahezu täglich. Es gibt also noch Hoffnung, dass meine Töchter dereinst schöner werden schreiben können als ich. Was Random Randomsen über die Handschrift als Körpersprache schreibt, empfinde ich ähnlich. Herzliche Grüße 🙂

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    1. Mäusemamma sagt:

      Liebe Federfarbenfee, danke für’s Lesen und den Kommentar! Ja, glücklicherweise habe ich schon immer eine recht harmonische Handschrift gehabt und bin auch dankbar dafür. Nur leider kommt diese eben nur noch selten zum Zug. Denn so’n Einkaufszettel am Kühlschrank ist ja wohl nicht der Gipfel der Schreibästhetik! Übrigens habe ich heute Deinen Artikel gelesen und wollte Dir dazu schreiben- schau msl nach! Viele Grüsse! Claudia

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