Big Brother, little sister: Mein Bruder und ich- zwei Einzelkinder

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Zio! Zioo!! ZIOOO!!!

Über diesen freudigen (und zugleich fordernden😉) Ausruf unseres grossen topolino durften wir uns in den letzten Tagen sehr oft freuen, und er galt natürlich meinem Bruder, dem zio! Der zio hat uns nämlich einen relativ spontanen Kurzbesuch abgestattet, da er beruflich in Italien unterwegs war und seine freien Tage genutzt hat, um seinen kleinen Neffen, seine noch kleinere Nichte und natürlich seine kleine Schwester, also mich, zu besuchen.

Ja ja, der grosse, legendäre zio! Obwohl wir natürlich nur sehr selten die Ehre haben, ihn hier bei uns zu haben oder unsere Familien überhaupt irgendwie zueinander zu bekommen, geniesst der deutsche Onkel hier einen hohen Beliebtheitsgrad- weniger bei seiner ihm gegenüber noch etwas ängstlichen Nichte, aber dafür umso mehr bei seinem kleinen Neffen! Dieser hat seinen zio in seinem kurzen Leben wohl erst einige Male für ein paar flüchtige Tage gesehen, doch diese Begegnungen sind ihm stets deutlich und äusserst positiv in Erinnerung geblieben.

Ausserdem haben wir meinen Bruder, wenn auch etwas ungewollt, mit einer verantwortungslastigen, pädagogisch wertvollen (oder auch nicht?) Beispielfunktion versehen: Er ist nämlich fast stolze 2 Meter gross, trägt locker Schuhgrösse 46 und gilt somit vor allem hier in südlichen Gefilden als exotisches und unter Kindern wohl respektwürdiges Exemplar. Ganz nach dem Motto:

„WENN DU SO GROSS UND STARK WERDEN WILLST WIE DER ZIO, DANN MUSST DU ORDENTLICH ESSEN!“

Ähnliche, wenn auch in jenen Fällen nicht als „Druckmittel“ verwendete Unterhaltungen existieren im Hinblick auf Zeichen- und Ausmalaktionen (denn mein Bruder ist ein äusserst kreativer Künstler und Bastler und bestreitet auch in diesem Bereich seinen Lebensunterhalt) sowie Autos (seit ich denken kann, hat er einen Faible für fahrbare Untersätze jeglicher Art).

Doch ich gebe an dieser Stelle zu: Mein Bruder und ich- wir kennen uns kaum. Selbst für mich hat mein einziges „Geschwisterkind“ etwas Legendäres, fast schon etwas Mythisches an sich. Jemand, den ich mit einigen präzisen, wenn auch mittlerweile etwas verblassten Kindheitserinnerungen verbinde und dessen Lebenslauf als Volljähriger ich später dann zumeist durch’s „Hören-Sagen“ irgendwie nebenbei aus der Ferne mitbekommen habe.

Mein Bruder und ich sind zwei Einzelkinder. Also nicht wirklich natürlich, aber rückblickend auf unsere kurzen gemeinsamen Kinder-und Jugendjahre unter dem elterlichen Dach kommt es mir gefühlt schon so vor, als hätten wir damals in weit auseinanderliegenden Welten gelebt:

Unsere Geburtsjahre liegen in zwei verschiedenen Jahrzehnten, und man benötigt fast zwei volle Hände, um unseren Altersunterschied abzuzählen. Im Jahr vor dem Mauerfall bekam ich meine erste Zuckertüte, während mein Bruder schon fast den Motorradführerschein in der Tasche hatte. Während unseres einzigen gemeinsamen Schuljahres in der Oberschule schielte ich auf dem Pausenhof schüchtern und fast ehrfürchtig zu meinem grossen Bruder, der mich im Kreise seiner Kumpels komplett ignorierte. So richtig etwas anzufangen wusste er nämlich nicht mit seiner nervigen, kleinen Schwester. Als gelegentlicher Babysitter flösste er mir eher Furcht als Vertrauenswürdigkeit ein; gleichzeitig jedoch hatte ich stets Respekt und kindliche Hochachtung vor dem, was er so gut konnte: zeichnen, basteln, schrauben, tüfteln.

Charakterlich sind wir stets verschieden gewesen. Der ruhige, aber hinter dem Rücken freche grosse Bruder und die kleine Streberschwester, der man partout nichts vormachen konnte und die die versteckten Listigkeiten ihres Bruders gerne auch mal „verpetzt“ hätte. Aufgrund unserer unterschiedliche Wesenszüge genossen wir vor allem bei unseren (einzigen) Grosseltern mütterlicherseits unterschiedliche Beliebtheitsgrade; ich befand mich bis ins Erwachsenenalter hinein unangefochten auf Platz zwei.

Als mein Bruder ausbildungsbedingt nach der Wende „in den Westen“ umzog und dann für immer dort blieb, war ich gerade 8. Mein Bruder lebte von nun an hunderte Kilometer weit weg, hatte eine Lehrstelle auf dem Bau und kam meine Eltern und mich ein paar Mal im Monat zuerst mit dem Zug, dann mit einem seiner Autos und ab und an neuen Freunden und Freundinnen besuchen. Schule, Sommerferien, die Wochenenden in unserem Schrebergarten, Urlaube – das alles fand nun ohne ihn statt. Vom fernen Alltagsleben meines Bruders hatte ich nur eine recht vage Vorstellung und vernahm vereinzelte Neuigkeiten lediglich durch die Berichte meiner Eltern.

So begann meine Zeit als Einzelkind.

Etliche Jahre später, als ich so alt war wie mein Bruder damals, als er sich die Grundsteine legte für eine Zukunft auf der Westseite des vereinten Deutschlands, begann auch für mich die Abnabelungsphase von daheim. Im Vergleich zu ihm zog es mich erst in die USA (ich glaube sogar zum Unwissen meines Bruders) und einige Jahre später nach Italien, meiner zweiten Heimat. Spätestens seitdem ich hier meine Wurzeln geschlagen habe, in die Arbeitswelt eingestiegen und stolze Mama von zwei bambini geworden bin, verlaufen unsere Wege nicht nur parallel, sondern-so behaupte ich- gar strahlenförmig.

Mein Bruder ist seit Ewigkeiten verheiratet und seine beiden Jungs stehen schon fest im Teeniealter. Er bastelt leidenschaftlich gerne an seinem alten Fachwerkhäuschen in einem kleinen Dorf herum und ist auch beruflich sein eigener Chef und kreativer, chaotischer Kopf, der auch gerne mal in der Weltgeschichte unterwegs ist.

Mittlerweile sehen wir uns so um die ein Mal im Jahr, je nachdem, wie es passt. Es liegen auch Zeiten hinter uns, in denen wir gar keinen oder nur minimalen Kontakt hatten und lediglich durch den Filter unserer Eltern voneinander erfuhren. Habt ihr was von zio gehört? Wie geht’s ihm? Was machen die Kinder? Das ist nicht nur dem geschuldet, dass mein Bruder selbst nicht unbedingt ein PR-Fanatiker ist und auch gerne mal monatelang untertaucht und auch ich besonders während meinen ersten Jahren hier in bella Italia generell ziemlich isoliert lebte, sondern es liegt auch daran, dass wir eben auch jetzt als Erwachsene in unterschiedlichen Welten leben, deren Schnittpunkte minimal sind.

Wir wissen wenig voneinander.

In meinem Bekanntenkreis gibt es viele Beispiele von Geschwistern, die ein wirklich inniges, fast schon seelenverwandtes Verhältnis zueinander haben. Zugegebenermassen ertappe ich mich schon ab und an dabei, wie ich etwas neidisch zu ihnen hinüberschlunze und mir irgendwie auch so eine komplizenhafte, vertraute Beziehung zu meinem Bruder wünsche. Doch mir ist natürlich klar, dass dies eine Utopie ist. Uns fehlt einfach der gemeinsame Weg, den andere Geschwister von kleinauf miteinander gegangen sind.

Nun war er also ein paar Tage bei uns, mein grosser Bruder, der zio. Zugegebenerweise fühlte es sich schon etwas eigenartig an, dass sich unsere Welten für kurze Zeit kreuzten. Ich glaube, auch für meinen Bruder war die Zeit bei uns wie eine kleine Reise auf den Mars, die er aber sehr gekonnt meisterte:

Er, der es gewohnt ist, prall gefüllte Tage auf männerlastigen Baustellen zu verbringen, durfte nun Kinderwagen schieben, Versteck spielen und puzzlen. Daheim hatte er gerade noch Sorgen um das Abitur seines Grossen- hier ging es um Themen wie Windeln wechseln, Mittagsschlaf machen und Kita-Zeiten einhalten. Anstatt auf seinem Hof an echten Autos rumzuschrauben, konnte/durfte/musste er hier stundenlang auf dem Boden liegen und Matchbox-Parken und Autorennen spielen. Er erzählte mir von seinem derzeitigen Job beim Messebau, ich ihm von meinem als Fremdenführerin.

Unsere Alltagssprache ist italienisch, seine deutsch.

Ich würde lügen, wenn ich verneinen würde, dass es zwischen uns ab und an den einen oder anderen Moment der (beklemmenden??) Stille gab. Nach einigen Tagen der gemeinsamen Zeit ging uns einfach der Gesprächsstoff aus bzw. ertappten wir uns dabei, wie dieser immer wieder an denselben Themen hängenblieb. Erinnerungen an die wenigen gemeinsamen, bewusst erlebten Kindheitsjahre und gemeinsame Bekannte wurden zu bequemen, (aber trotzdem nicht unbedingt langweiligen) Lückenfüllern mit zeitweiligem würzigen Gossipcharakter. Denn was soll man sonst sagen zu anderen, alltagsbezogen Themen, die einem vielleicht schlicht fremd sind und so gar nicht in die eigene Welt bzw. die des anderen passen wollen?

Am Abend vor seiner Abreise lümmelten wir also, als die Kinder bereits schliefen, mit einem Bier (also mein Bruder) und ein paar Gummibärchen (also ich) gemütlich auf der Couch und quatschten über dies und jenes aus vergangenen Zeiten. Ich hatte meinem Bruder während der „Einschlafbegleitung“ unserer Kinder die Fernbedienung in die Hand gedrückt, damit er die Wartezeit in wachem Zustand überbrücken konnte. Somit lief nun nebenher ein für mich komplett neues Programm auf einem komplett neuen Kanal, einer Art „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene:

Zunächst ging es darum, wie Bilderrahmen hergestellt wurden, dann bauten zwei Freaks von null an einen kompletten Geländewagen zusammen. Der dritte „Ausflug“ führte in eine Fleischfabrik, welche tiefgekühlte Hackfleischburger produzierte (und ehrlich gesagt fanden wir das Beide recht unappettitlich); zum Abschluss erfuhr der Zuschauer, aus welchen winzigen Wunderteilchen Armbanduhren bestanden.

Warum ich das schreibe? Weil ich diesen abendlichen Fernsehbericht, der von Grund auf komplett verschiedene Themen auf interessante Weise miteinander zu vereinen wusste, seltsamerweise symbolisch für unsere Situation verstand und er für mich eine Art Metapher für unsere verschiedenen Welten darstellte. Hackfleischbällchen steht zu Autofreaks wie ich zu meinem Bruder. So oder so ähnlich könnte die Gleichung aussehen.

Es stimmt, zwischen uns gibt es kaum Gemeinsamkeiten; zu verschieden waren und sind unsere Lebenswege und Erfahrungen. Zu anders sind unsere Mentalitäten, Ansichten und Überzeugungen. Und dennoch verbindet uns ein dünnes, goldenes Geschwister- Bändchen. Klar, den Umständen entsprechend ist es hauchfein und könnte ohne Weiteres zerreissen. Aber: Es ist aus gold und demnach sehr wertvoll. Und irgendwie auch einzigartig.

Trotz einer gewissen Distanz habe ich die Tage mit meinem Bruder genossen. Den Kindern tat es gut, in ihrem und unseren Alltag auf eine andere Bezugsperson zu treffen, auch wenn diese wohl nie wirklich Teil ihres Alltags sein wird. Wir vermissen ihn nicht so, wie man heissgeliebte Vertrauenspersonen vermissen kann, aber es war schön, dass er da war und sich auf unsere kleine Welt eingelassen hat.

Vielleicht habe ich es auch meinem kleinen, hingebungsvollen und mit Enthusiasmus geladenenen Sohn zu verdanken, dass es nach vielen dürren Jahren wieder eine Verbindungsbrücke zu meinem Bruder gibt. Wenn ich sehe, wie er vor Freude auf ein Wiedersehen mit seinem zio strahlt, dann überkommt mich doch ein wärmendes Gefühl des Stolzes. Dann bin ich wie damals als kleines Schwesterchen stolz auf ihn, meinen grossen Bruder, der sein Leben auf seine Weise, wenn auch ganz anders als ich, meistert und es dabei schafft, meinen kleinen Grossen lediglich durch sein „Da-Sein“ zu begeistern. Ist das nicht Gold wert?

Im Italienischen gibt es ein treffendes Sprichwort: „Il mondo e‘ bello perche‘ e‘ vario.“ Die Welt ist schön, weil sie vielfältig ist. Ich glaube, diese für mich so wahre Aussage muss ich mir öfters zurück ins Gedächntis rufen, um auch diese „besondere“ Beziehung zu meinem grossen Bruder, dem zio meiner Kinder, in ihrer Einzigartigkeit und Imperfektion mehr zu schätzen und zu pflegen.

In diesem Sinne hoffe ich auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.

 

 

 

 

 

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9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nieselpriem sagt:

    Das hast Du wunderbar geschrieben! Ich hoffe, er liest es 😉
    Auch mal schön, die andere Seite zu lesen (spricht die zehn Jahre ältere Schwester von zweien).
    Liebst, Rike ❤

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke!! Aber ich glaube nicht, dass er es liest- wie gesagt zwei verschiedene Welten…Echt, Du hast zwei jüngere Geschwister? Liebe Grüsse nach DD! Claudia

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  2. Das hast du sehr schön geschrieben! Obwohl ihr doch so unterschiedlich seid und eure Welten wenig gemein haben, so habt ihr doch eine ganz wichtige Verbindung. Blut ist dicker als Wasser sagt man doch so, da ist was Wahres dran. Ich selbst habe keine Geschwister aber bei anderen Familienmitgliedern kenne ich ähnliche Gefühle. Und es ist schön, dass es noch Familienbande gibt, weil man etwas teilt, weil man die gleichen Wurzeln hat. Es verbindet doch und schenkt Geborgenheit zu wissen, woher man kommt! Alles Liebe Anna

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke für Deinen Kommentar! Du hast recht- Wurzeln verbinden doch irgendwie und auch nur das Bewusstsein, dass da noch Jemand ist, ist doch schon ein tolles Gefühl. Viele Grüsse! Claudia

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  3. Corinna sagt:

    Was Du beschreibst, erinnert mich sehr an mein eigenes Verhältnis zu meinem drei Jahre jüngeren Bruder. Ich weiß auch nicht, warum unsere Bindung so gering ist. Aber wir sind ebenfalls ziemlich verschieden und leider mag er Kinder nicht so sehr, als das mein Kleiner diese Beziehung wieder auf Trab bringen könnte. Doch wer weiß… vielleicht kommt das, wenn er älter ist. 🙂

    Ich finde es jedenfalls schön, was Du da geschrieben hast. Man merkt, dass Du Deinen Bruder trotz allem lieb hast. Und das ist das Wichtigste.

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  4. Mäusemamma sagt:

    Danke Corinna! Ja, es stimmt, ich habe stets zu meinem Bruder aufgeschaut, konnte aber nie wirklich eine Bindung zu ihm aufbauen. Das wird erst jetzt, seitdem wir beide erwachsen sind und Familie haben. Womöglich wird einem in diesem Lebensabschnitt mit Kindern die Bedeutung der eigenen Familie mehr bewusst. Liebe Grüsse zurück! Claudia

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  5. Kati sagt:

    Sehr schön geschrieben. Du hast genau die richtigen Worte getroffen. Auch ich bin ein Einzelkind, aber eigentlich habe ich 4 (Halb)Geschwister: zwei Brüder sind 12 bzw 13 Jahre älter, ein Bruder ist 10 Jahre jünger und meine Schwester (mit der ich das innigste Verhältnis habe) ist 8 Jahre jünger. In meinem „Alltag“ kommen alle 4 nicht vor, aber trotzdem freue ich mich, wenn ich sie sehe. Das ist immer eine kleine Reise in die Vergangenheit. Meinen Sohn kennt übrigens keiner der vier persönlich. Ich hoffe, das ändert sich dieses Jahr.

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  6. Mäusemamma sagt:

    Wow! 4 Geschwister ‚mit so beachtlichem Altersunterschied!! Auch wenn diese wohl aus verschiedenen Gründen nicht zum persönlichen Alltag dazu gehören, ist gerade diese Verschiedenheit eine Bereicherung. Ich hoffe, dass sie ihren kleinen Neffen bald persönlich kennenlernen!! Viele liebe Grüße an Dich!!! Claudia

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  7. Pingback: MÄUSEMAMMA…

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