Der Patient ist König…?

Ich bin mir nicht sicher, ob hieraus am Ende ein konstruktiver Artikel entstehen wird, aber muss jetzt mal meinen Dampf ablassen! Ist ja nicht unbedingt so mein Ding, öffentlich auf die Barrikaden zu gehen, es sei denn, es steckt eine Portion Humor dahinter, wie z.B. in einer meiner eher sarkastischen Beiträge über absurde Situationen im italienischen Alltag, die Euch Leser zum Schmunzeln anregen sollen…

Nee, dieses Mal ist mir nicht zum Lachen zumute, und noch beim Schreiben koche ich über vor Wut! Obwohl es gar nicht wirklich Wut ist, die ich empfinde, sondern eher eine Mischung aus zutiefster Verärgerung, Unverständnis, elterlicher Ohnmacht, Ungläubigkeit und dem dringenden Bedürfnis, mein Kind zu beschützen.

Im Bezug auf den letzten Punkt verwundert es jetzt wahrscheinlich, dass ich mit diesem Post abrechne mit einer Institution, die sich Gesundheitswesen nennt, mit dem System Krankenhaus, in dessen Obhut man sich als Patient, Behandlungsbedürftiger oder eben als Begleitperson begibt oder alternativlos begeben muss. Und von dem man einen gewissen Schutz oder zumindest eine würdige Betreuung erwartet, vor allem, wenn es sich bei den Patienten um Kinder handelt…

Wer selbst Kinder hat mag wissen, welch diplomatische Vorgehensweisen manchmal erforderlich sind, um das eigene Kind ohne grosse Widerstandsversuche, ohne Tränen und ohne diese lähmende Angst vor dem unkalkulierbaren Doktor im weissen Kittel zum Arztbesuch zu überreden. Denn wer weiss schon, welche Diagnose er stellen und ob er einem Schmerzen bereiten wird? Selbst meine eigenen blassen Kindheitserinnerungen bringen Ärzte so gut wie immer mit unschönen Episoden und teils traumatischen Erlebnissen in Verbindung. Und genau aus diesem Grund versuche ich als Mutter, anstehenden Arzt- oder Krankenhausbesuchen im Voraus stets so gut wie möglich den negativen Beigeschmack zu nehmen und somit auf ein nicht unbedingt positives, aber zumindest neutrales Erlebnis hinzuarbeiten. Leider hängt dessen Ausgang nicht allein von mir und meinen mütterlichen Diplomatieversuchen ab, sondern von verschiedenen (zumeist menschlichen) Puzzleteilen der Einrichtung, die man als Patient betritt und als ??? verlässt…

Die Lektüre eines zu diesem Thema passenden und lesenswerten Beitrags auf dem Motherbirthblog hat bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht! Die Autorin berichtet darin von einer ganzen Reihe wirklich unfassbarer Vorkommnisse im Krankenhaus nach ihrer Geburt. Lest selbst…denn ich muss jetzt erstmal davon angestachelt zum digitalen Stift greifen und von unserem zigsten Krankenhausaufenthalt neulich mit unserem Allergikerkind berichten:

Wir sind in Hinsicht Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, Kontrolltermine und Allergietests einiges gewöhnt und betreten somit kein Neuland, wenn es periodisch wieder einmal „Day Hospital“ im Kinderkrankenhaus heisst. „Day Hospital“ bedeutet, dass während eines eintägigen KH- Aufenthalts neue Lebensmittel gestestet werden, die für den einzelnen Patienten bis dato Allergene darstellten und somit nicht verabreicht werden durften. Die „Verkostung“ der zu testenden Substanz erfolgt unter ärztlicher Beobachtung, da gerade bei diesen „Provokationstests“, bei denen zirka halbstündlich immer grössere Mengen des „neuen“ Lebensmittels „serviert“ werden, das Risiko einer akuten allergischen Reaktion sehr hoch ist und diese bei Eintreten sofort behandelt und somit gebremst werden soll und muss. Man sollte also alles in allem in „guten Händen“ sein und begegnet letztendlich solchen Terminen wohl oder übel mit einem gewissen Urvertrauen in die Mediziner und deren Kompetenzen.

Ich möchte hier nicht weiter ins Detail unserer Krankenakte gehen, denn über unsere Allergie-Odyssee habe ich schon in anderen speziellen Beiträgen geschrieben. Kurz und knapp: Unser Sohn sollte diesmal Ei in Form eines kleinen glutenfreien Muffintörtchens verabreicht bekommen, welches ich nach ärztlicher Anleitung am Vortag daheim gebacken hatte.

Pünktlich um 8 Uhr mussten wir auf der Matte stehen, und angesichts des einstündigen Anfahrtsweges, einer eher katastrophalen Parkplatzsituation im umliegenden Krankenhausbereich und der Grösse des Gebäudes, in dem man von der Anmeldung in den Kellertiefen und dem Erreichen der Allergiestation im 3. Stock locker auch mal 15 Minuten benötigt, hiess das für uns Abfahrt um 6.15 und demzufolge Wecker um 5.40. An dieser Stelle muss ich postiv vermerken, dass unser Kleiner trotz urigen Zeiten äusserst (ungewöhnlich) kollaborativ und trotz (gewöhnlicher) Übelkeit im Auto (ja, ich musste anhalten und das Gebrochene beseitigen!) erstaunlicherweise munter und scheinbar gelassen war. Das vereinfachte natürlich ein pünktliches Ankommen vor Ort. Doch die gute Laune wurde nach und nach, langsam aber sicher, aus ihren Angeln gehoben, und Schuld daran war nicht zuletzt das Pflegepersonal….

Es geht mir im Übrigen hier keinesfalls darum, die tägliche Arbeit von Krankenschwestern und Ärzten in Frage zu stellen- im Gegenteil: Hut ab vor diesem Job! Doch verlange ich zuviel, wenn ich mir von einer KINDERKrankenschwester ein wenig Empathie, etwas Taktgefühl im Umgang mit Kindern wünsche? Dass ich von einem Spitzenmanager oder einem Taxifahrer oder in einer x-beliebigen anderen Berufsgruppe nicht unbedingt pädagogische Fähigkeiten erwarte, das ist klar. Vermutlich würde ich mich im Fall der Fälle auch gar nicht gross ärgern oder echauffieren über vermeintlich kinderunfreundliches Auftreten. Aber wie weit geht meine Toleranz bei Jemandem, der in einem Beruf arbeitet, welcher schon von der Idee her den täglichen Umgang mit Kindern vorsieht?

Eine der-nennen wir sie-Benimmregeln, die wir unseren Kindern schon von kleinauf beigebracht haben und vor allem ausser Haus „abverlangen“, ist das Grüssen: „Hallo“, „Ciao“, „Tschüss“; für das formellere „Buongiorno“ lassen wir ihnen noch etwas Zeit. Wir finden einfach, dass diese simple, aber dennoch wichtige und richtige Angewohnheit sich einfach gehört, um seinem Umfeld Interesse und Respekt zu signalisieren. Für zwei-drei Begrüssungsworte muss man sich ja auch keinen abbrechen… Dass manche Erwachsene wohl, besonders in den frühen Morgenstunden, anderer Meinung sind, konnten wir sehr bald erfahren:

Anstelle eines (meiner Meinung nach nicht zu viel verlangten) simplen „Guten Morgen“ erwartete uns die Dame am Empfang mit einem bereits sichtlich genervten Blick zum morgendlichen Schichtanfang und der gereizten Anmerkung, dass der Schalter noch geschlossen sei und wir gefälligst im Wartezimmer zu warten hatten. Selbst mein nicht mal vierjähriger Sohn konnte seine Verwunderung über einen derartigen unfreundlichen Ton nicht verbergen und schaute mich etwas verwirrt an. Also setzten auch hier, nach gerade mal knapp zwei Minuten in der Praxis, wieder meine Bemühungen ein, diese unschöne Situation zu entschärfen, die nicht auf meinem Mist gewachsen war. Morgenstund‘ hat Gold im Mund- heisst es doch so schön, oder?

Nichtsahnend folgte kurz darauf die zweite unsympathische Begegnung dieser Art: Wenn ich die unfreundliche, grussmüde Bürotante am Empfang, die vielleicht heute morgen einfach mit dem falschen Fuss aus dem Bett gestiegen ist, noch irgendwie entschuldigen konnte, so klappte das mit der nächsten und uns die nächsten Stunden begleitenden Dame gar nicht mehr!

Jetzt mal ehrlich: Was soll ich von einer Krankenschwester (KINDERKRANKENSCHWESTER wohlbemerkt!) halten, die meinen mittlerweile friedlich im Warteraum spielenden Sohn fingerzeigend mit „Und wer ist der da?“ betitelt? Hääääh?? Geht’s noch? Das fängt ja fantastisch an! Ist doch kein Affenkäfig hier! „Der da“ ist mein Sohn und hat einen Namen, nach dem man netterweise fragen könnte. Der ungläubige Blick einer mit mir wartenden Mama bestätigt meinen negativen Eindruck, den ich zu der Zeit noch gekonnt zu überspielen versuchte mit einem gutmütigen, verzeihenden Lächeln.

Doch der richtige Spass begann, als wir, den äusserst groben Beschreibungen der arbeitswütigen Dame folgend, unser Zimmer zugeteilt bekamen und sie dann obgleich nach unserem Testtörtchen fragte. Dieses nahm sie mit und bereitete verschiedene Portionen vor, die im Laufe des Vormittages verabreicht werden sollten. Sie kam also bald mit einem Teller zurück, auf dem der in kleine Teile zerlegte Muffin lag. Mit ihrer ach so liebenswürdigen Art machte sie uns schon von jetzt an warnend verständlich, dass dieser Teller bis Mittag alle werden müsse. Bei einem Kind, welches, auch aufgrund der delikaten Allergiesituation, seine Schwierigkeiten mit dem Essen hat und bei Drucksituationen und „du-musst-jetzt-aber-und-zwar-sofort“-Aufforderung die Notbremse zieht und gar den Rückwartsgang einlegt, ist solch eine Äusserung, wenn auch wahr, absolut kontraproduktiv und für ein positives Resultat womöglich schädlich. Ich wiederhole an dieser Stelle, dass wir uns in einem Kinderkrankenhaus befanden, in einer Station, die auf Allergien bei Kindern spezialisiert ist und sich allgemein einem guten Ruf rühmen kann. Vielleicht hat die besagte Schwester einfach keine Kinder, schon gar keine allergischen, oder sie erinnert sich nicht mehr daran, wie es war, als ihre Kinder klein waren. Oder hatte eine schlechte Nachtruhe. Oder-was ich noch viel verwerflicher finde- sie geht ihrem Job nicht mit Herz und Seele nach. Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass die sensiblen Antennchen meines Sohnes den empathielosen, gefühlskalten Umgang mit ihm und den anderen kleinen Pazienten durchaus witterte und er bereits beim Annähern dieser Schwester unverzüglich meine Nähe suchte und eine angespannte, klammernde Haltung einnahm. Verständnisvoll und mit ihm leidend nahm ich ihn tröstend in die Arme, während ich (und mit mir die anderen begleitenden Mütter) insgeheim den Kopf schüttelte über diesen Drachen. (Entschuldigt an dieser Stelle meine (ab)wertende Haltung dem medizinischen Personal gegenüber, aber mein Empfinden war einfach in dem Moment so-wenn nicht noch schlimmer.)

Es kam wie es kommen musste: Trotz meiner besänftigtenden Worte, mit denen ich versuchte, meinem Kleinen Mut zuzusprechen, überkam ihm bei der dritten Testprobe, in Beisein unserer netten Schwester, die Übelkeit, so dass er die soeben eingenommene Portion sowie die vorigen wieder erbrach.

Ein würgendes, weinerliches Kind in den Armen haltend unternahm ich alles Mögliche, um ihn zu beruhigen und die Schwere des Brechausmasses in Grenzen zu halten. Und auch in dieser Situation stellte sich das Einfühlungsvermögen der Schwester als unangefochten heraus. Unangefochten, weil gleich null. Es ist ja nicht so, dass ich ausgerechnet von IHR Hilfe erwartet hätte, doch da wir uns nun mal ihrer Anwesenheit erfreuen durften, wäre es nicht schlecht gewesen, wenn sie mir wenigstens ein Stück Papier gereicht hätte. Nur so zur Unterstützung meine ich.   Von Frau zu Frau. Mit brechendem Kind.

Stattdessen war sie ungleich schnell wieder verschwunden, wie sie auch gekommen war-wenigstens zur Erleichterung meines Sohnes. Ihn konnte ich gerade noch rechtzeitig von seinem schmutzigen Hosen befreien, als der Drachen im weissen Kittel schon wieder im Türbogen stand und uns -meinem Sohn in Unterhosen und mir mit vollgebrochenen Händen- Folgendes offenbarte:

„Die Ärztin ist der Ansicht, dass Ihr Sohn soeben eine allergische Reaktion gezeigt hat. Deswegen müssen wir ihm umgehend die Medikamente verabreichen.“

Halt! Stopp! Einen Gang zurück bitte! Nochmal von vorne!

Die Anzeichen, die auf eine allergische Reaktion hindeuten, können verschiedene Gestalten annehmen: Anschwellen der Lippen und des Mundbereiches, Erbrechen, Atemnot, Veränderungen der Haut, Juckreiz, „Aufdunsen“, Bauchweh, Durchfall. Im schlimmsten Fall droht bei einer starken Reaktion des Körpers ein anaphylaktischer Schock. Soviel wusste ich mittlerweise als Mama eines vielfach allergischen Kindes. Nur so nebenbei.

Mein Sohn hat sich erbrochen. Wie auch schon heute morgen im Auto. Wie auch vor ein paar Tagen, als ihn der hartnäckige Husten zum Spucken gebracht hat. Und wie es eben auch manchmal geschieht und besonders in der Vergangenheit vorgekommen ist, wenn der kleine Mann auf sturr stellt und eben das Geforderte partout nicht essen mochte. Erklärend muss ich auch erwähnen, dass dieses von mir nach ärztlichem „Rezept“ gebackene Törtchen alles andere als appettitlich schmeckte und es mich sowieso schon in Verwunderung brachte, wie mein Sohn die ersten beiden Proben überstehen konnte…

Eines war mir als Mutter, die meinen Sohn am Besten kennt, auf jeden Fall klar: Bei dem Vorfall handelte es sich keineswegs um eine allergische Reaktion! Zum einen, weil dafür einfach weitere (wohlbemerkt: für ihn typische (!)) Anzeichen fehlten und es ihm nach dem „Ausspucken“ gut ging- körperlich jedenfalls. Und genau diese mütterliche Beobachtung und schlussfolgernde Feststellung, von der ich noch immer felsenfest überzeugt bin, beteuerte ich vehement den Schwestern gegenüber. Ohne Gehör. Nur stummes Belächeln. (‚Die dumme Mutter, die! Die Fachleuteb sind ja wohl noch immer wir.‘ Bestimmt gedacht haben sie das, aber mir gegenüber nicht ausgesprochen.)

Zum anderen fand ich es unangemessen, unverständlich, dreist und einfach nur falsch, dass unsere (wenn auch sehr beschäftigte) Ärztin vom Nebenzimmer aus, mirnichtdirnichts und innerhalb dem Bruchteil einer Minute eine unanfechtbare Diagnose stellte, ohne meinen Sohn weder vor noch nach der Brechepisode überhaupt gesehen zu haben! Und die wir dazu noch von unserer taktvollen Schwester übermittelt bekamen! Zeitlich hatte ich  gar nicht die Möglichkeit, eventuellen elterlichen Widerspruch einzulegen oder tiefgründigere Fragen zu stellen: Denn ich hatte gerade noch Zeit, in Vorausahnung dessen, was ihn gleich erwartete, meinem Sohn seinen Plüschteddy unter den Arm zu klemmen- da wurden wir auch schon ins Nebenzimmer zitiert. Wäre an dem Tag nur alles so schnell vonstatten gegangen…

Zwei weitere Schwestern, zum Glück etwas vertrauenswürdiger, standen auf uns wartend um die Liege herum und hatten bereits zwei Spritzen vorbereitet. Gerne hätte ich gewusst, was drin war in den Dingern, doch das wurde mir vorenthalten, und das nahm mir so jede Gelegenheit, Einspruch zu erheben und meinem Sohn diese, für mich absolut unnützen „Sticheleien“ ersparen zu können. Und da ich dermassen damit beschäftigt war, meinem verängstigten, mittlerweile heftig schluchzenden und ebenso enttäuschten (denn hatte ich ihm nicht versprochen, dass ihm diesmal niemand weh tun wird?) Kleinen zu beruhigen, blieb mir nichts anderes übrig, als den befehlsartigen Aufforderungen der drei Damen zu folgen: Hosen runter, mit dem Bauch auf die Liege, Pops nach oben. Revue passiert kommt mir diese Szene wie in einem Schlachthof vor, in dem einem entmündigten, zu Widerstand unfähigem Tier herzlos und kaltblütig das Fleisch zerlegt wird. Etwas überspitzt vielleicht, aber in Anbetracht der Tatsache, dass wir uns hier nicht beim Fleischer, sondern auf einer Kinderstation befanden, fand ich dieses ganze Vorgehen einfach nur widerlich!

Als die Damen ihre Arbeit erledigt hatten und sich ihre blauen Handschuhe auszogen, durfte ich meinem Sohn erst einmal etwas Ruhe gönnen. Nachdem ich ihm fest versicherte hatte, dass er nichts mehr von diesem ekeligen Törtchen essen musste und sich Mama darum kümmerte, dass heute niemand mehr Hand an ihn legt, entkrampfte sein kleiner Körper langsam. Ich gewährte ihm ein paar Folgen der „Sendung mit der Maus“, deren  sympathisches Trio den Kleinen wieder auf andere Gedanken brachten.

An dieser Stelle möchte ich einwerfen, dass ich mich nicht als eine überbeschützende Mutter ansehe, dessen Kind in einer unantastbaren Seifenblase aufwächst. Meinem Kind dürft ihr gerne auf dem Spielplatz den Bagger wegnehmen, ohne das seine Mama da sofort eingreift. Im Kindergarten muss er sich alleine den alltäglichen Schwierigkeiten stellen. Er weiss sehr wohl: Unangemessenes Verhalten seinerseits endet mit Konseguenzen, nicht jeder Wunsch wird erfüllt und durch die Überwindung von kleinen Hindernissen kommt man auch ans Ziel.

Was möchte ich damit sagen?: Mein Kind soll selbstbewusst in diese Welt hineinwachsen und Schritt für Schritt lernen, auch mit schwierigen Situationen umzugehen. Doch wenn es sich um Vorkommnisse handelt, die vom Prinzip her einfach falsch, unangebracht und schlichtweg entwürdigend sind, dann sehe ich als Mutter schwarz und werfe meinen beschützenden Mantel über mein Kind! So wie auch heute!

Nach dem Schreckensmonent verbrachten wir den Rest des noch langen Vormittags, wie auch die anderen tapferen kleinen Leidensgenossen, wartend. Wartend, dass wir uns bei der Ärztin vorstellen durften, sie das Protokoll ausfüllte und wir irgendwann wieder aus diesem „Ort des Schreckens“ (so mein Kind) entlassen wurden. Immerhin, das war das Positive an der ganzen Sache, liess man uns in Ruhe, so dass vor allem mein Sohn langsam wieder durchatmete und sich entspannte. Die Stunden vergingen, und gefühlt wurden sie immer länger. Anfangs konnten wir uns die Zeit noch mit den wohlwissend mitgebrachten Gesellschaftsspielen, Buntstiften und Spielzeugautos vertreiben, und der gleichaltrige Junge und dessen Mutter im Nachbarzimmer durften sich unserer Gesellschaft erfreuen. Doch irgendwann stellte sich Müdigkeit, Langeweile und Hunger ein.

„Mama, können wir nach Hause fahren?“- „Nein, Maus, wir müssen erst noch zur Ärztin.“ – „Aber wann ruft sie uns denn?“ – „Wenn ich das wüsste…“

Wir waren also, gemeinsam mit den anderen Patientenkindern, stundenlang uns selbst überlassen und wussten weder, ob wir ihnen, die den ganzen Tag noch nichts gegessen hatten, etwas zum Mittag geben durften, noch wann der heiss ersehnte Arztbesuch bevorstand. Die hungrigen und übermüdeten Kleinen sassen auf heisse Kohlen, und wir Eltern konnten ihnen dies nicht verdenken- uns ging es ja ebenso.

Jedenfalls knurrten unsere Mägen irgendwann nicht mehr, denn pünktlich zur Stationspause wurde auch für uns das Essensveto aufgehoben- ich unterstelle an dieser Stelle mal, dass sich somit auch die Schwestern eine anfragen-und beschwerdefreie Mittagspause sichern wollten.

Fakt ist, dass sich um die Mittagszeit herum eine Unmenge an Krankenschwestern zur Pause in der Personalküche verbarrikadierten, während wir weiterhin unwissend, aber immerhin gesättigt, in unseren Zimmern auf Erleuchtung und Befreiung warteten. Fakt ist auch, dass sich unsere Drachenschwester in den ganzen Stunden nicht noch einmal bei uns blicken liess, was mich, von der Sympathiepunktseite her auch nicht grossartig störte-im Gegenteil, aber dennoch verwunderte: Denn wenn mein Sohn wirklich eine ernstzunehmende allergische Reaktion hatte, welche die sofortige Einflössung von (bis dato nicht bekannt gegebenen) Substanzen in den Popo dringend notwendig machte- ja wenn das wirklich der Fall war, hätte da nicht jemand ab und an nach ihm schauen sollen?

Als die Uhr mittlerweile auf Nachmittag ungeschaltet hatte, kam für uns endlich die herbeigesehnte Erlösung, nach acht langen Stunden auf der Station: sieben waren seit der Brechepisode vergangen. Die Ärztin empfing uns rasch und wir genossen knappe 10 Minuten ihrer Aufmerksamkeit, in Beisamkeit einer für den Anlass höflich gewordenen Drachenschwester, welcher mein Sohn todesmutig giftige Blicke zuwarf. Ich muss gestehen: In diesem Moment war ich richtig stolz auf mein kleines munteres Kerlchen, der sich trotz allem nicht einfach so über den Tisch ziehen liess und der Dame unmissverständlich zu verstehen gab, dass sie es bei ihm versch…en hatte.

Ich hätte etliche, für uns wichtige Fragen hinsichtlich der Allergien, der Diät etc. unseres Sohnes parat gehabt, die ich schon daheim mit meinem Mann besprochen hatte. Schliesslich musste man die Gunst der Stunde nutzen, denn wer weiss, in wieviel Monaten wieder ein Termin frei werden würde? Doch in dem Moment kreiste nur eine Frage in meinem Kopf herum: Musste das heute alles sein?

War es notwendig, meinem Sohn allergiehemmende Medikamente zu verabreichen, obwohl ich (besserwisserige Mutter) mehrfach betonte, dass meiner Ansicht nach keine allergische Reaktion stattgefunden hatte?

Warum wurde mir nicht gesagt, was ihm da in den Hintern gerammt wurde?

Warum die langen Wartezeiten und Stunden ohne Antworten auf banale Fragen wie: „Darf mein Kind etwas essen?“?

Und nicht zuletzt: Warum dieses zum Teil empathielose, (kinder)unfreundliche Personal, welches uns über den gesamten Tag wie ein dunkler Schatten begleitete?

Rhethorische Fragen, deren Beantwortung vielleicht zu viel Blösse gezeigt hätten. Wer weiss. Ich habe sie nie explizit gestellt  und damit vermutlich einen Fehler begangen.

Vielleicht hätte man mir geantwortet, dass mein Mutterinstinkt ja gut und schön wäre, man jedoch die medizinische Sicht auf die Dinge nicht vergessen dürfe. Das Protokoll sehe nun mal vor, dass man auf gewisse Situationen angemessen und „nach Vorschrift“ handeln müsse. Und das sähe eben vor, dass…

Jaaa, dass man meinem Kind irgendetwas verabreichen darf, ohne mir explizit mitzuteilen, um was es sich da handele! Mitspracherecht ade also? Hätte ich mich denn dem entgegensetzen dürfen, oder darf man das hinter den verschlossenen Türen des Krankenhauses nicht? Muss ich denn den Ärzten blind vertrauen und hoffen, dass sie schon das Richtige für mein Kind tun werden? Oder eben doch für’s Protokoll oder die Abrechnungskasse? Immerhin ist auch das  System des KH eins, welches überlebt, solange Pazienten dessen „Dienstleistungen“ in Anspruch nehmen. Fehlen die Kunden, fehlt das Geld. Also lieber mal einen „Fall“ mehr verzeichnen…und damit verrechnen. Oder lehne ich mich mit dieser Behauptung zu sehr aus dem Fenster??

Oder vielleicht bin ich ja mit unserer sympathiegeladenen Drachenschwester doch zu hart ins Gericht gegangen. Ebenso mit den ellenlangen, stummen Wartezeiten und dem Eindruck, keiner wisse so recht, was der andere eigentlich tut. Vielleicht ist ja das Personal selbst Opfer eines Systems, welches dringend überarbeitet und von Grund auf umgedacht werden muss. Oft hört man ja, dass gerade Ärzte im öffentlichen Bereich und Krankenpfleger unter schlechten Bedingungen arbeiten müssen: schlauchender Schichtdienst, zahlenmässig unterbesetzte Schichten bei proportionell zu hoher Pazientenzahl, mässige Entlohnung, übermüdete Ärzte, die viel mehr Pazienten „abfertigen“ müssen, als sie es eigentlich schaffen können, um eine gute Betreuung für alle zu gewährleisten. Quantität statt Qualität. Sollte es mich deshalb wundern, dass unter Berücksichtigung der oben genannten (von mir lediglich als Hypothese aufgestellten Umstände!) manch Arbeitnehmer seinen Beruf nur halbherzig ausübt? Da man nur ein kleines Rädchen in einer riesengrossen Maschine ist, die irgendwie funktionieren muss? Sind diese Umstände ausreichend, um eine Entschuldigung für unprofessionelles Verhalten darzustellen? Oder geht es hier einfach nur um einen „schlechten Tag“?

Wie die Antworten auf diese Fragen nun auch sein mögen: Ich bin trotz aller Versuche, Verständnis zu zeigen- am Ende wir sind alle nur Menschen- und die vermeintlichen Fehler im Gesamtsystem freizulegen, der unanfechtbaren Auffassung, dass man als Patient, der einen zudem noch öffentlichen Dienst in Anspruch nimmt oder nehmen muss, das Recht auf eine würdige und humane Behandlung hat. Und diese beginnt meines Erachtens schon beim Betreten einer Arztpraxis und sollte gerade bei der Behandlung von Kindern an oberster Prioritätenstelle stehen. Ich wünsche mir deshalb für die Zukunft, dass Empathie und Einfühlungsvermögen, eine Einbindung der Eltern in medizinische Notwendigkeiten sowie Kommunikation untereinander zur Klinikrealität werden.  Eine Realität, die sich der Mühen der Eltern bewusst ist, ihren Kindern Arzt- und Krankenhausbesuche bereits im Voraus so positiv wie möglich zu gestalten.

Sooo, liebe geduldige Leser, den Dampf habe ich jetzt erstmal abgelassen und werde sicherlich beim nächsten Kontrolltermin in ein paar Monaten mehr elterliches Rückgrat zeigen-zum Wohle meines Kindes. Und sollten wir Glück haben, hat die besagte Drachenschwester dann vielleicht Urlaub oder Spätschicht…

Nachtrag:

P.S.1: Während des Entlassungsgespräches mit der behandelnden Ärztin, in dem ich weiterhin auf meiner These beharrte, hat sie uns trotz Vermerk einer „allergischen Reaktion mit Brechreiz“ gestattet, nun schrittweise daheim den „Eitest“ weiterzuführen. Yeap!!! Wenigstens etwas Positives für uns. Meine Schlussfolgerung daraus: Kann also so schlimm nicht gewesen sein diese allergische Reaktion…Oder sehe ich das jetzt falsch?

P.S.2: Übrigens hat sich unsere nette Schwester am Tagesende ganz höflich von uns verabschiedet -wahrscheinlich war sie froh, dass sie uns los war und nun endlich ihren Feierabend beginnen konnte.

P.S.3: Nach Anweisung habe ich unserem Sohn heute abend zum ersten Mal ein Ofenhackfleisch-Gemüsebällchen mit einer winzigen ml-Menge an Ei zubereitet und siehe da: Es geht ihm prächtig!

 

Danke für’s Lesen und Hut ab, wenn ihr trotz der Läääänge des Beitrages bis hierher durchgehalten habt!

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Claudia, Dein Bericht hat mich ein wenig schockiert, ehrlich gesagt. Wie das Personal mit Dir und vor allem auch mit Deinem Sohn umgegangen ist, finde ich unmöglich. Und sie hätten Dir auf jeden Fall sagen müssen, welche Medikamente sich in den Spritzen befinden. Hier ist es auch so, dass wir teils ganze Tage in den Wartebereichen der Krankenhäuser verbracht haben und die eigentliche Untersuchung und das Arztgespräch schneller vorbei waren, als wir gucken konnten. Aber zumindest war die Aufklärung bisher immer in Ordnung und meine Kinder wurden stets freundlich behandelt. Ich nicht unbedingt (ich bin schon etwas lästig mit meiner Fragerei), aber das ist auch zweitrangig. Gerade Kinder könne solche Situationen, wie Du sie beschrieben hast, in der Tat als sehr übergriffig empfinden. In meiner Kindheit gab es auch ein paar solcher Schlüsselerlebnisse. Es freut mich aber sehr, dass Dein Sohn das Hackfleisch-Gemüsebällchen mit ein klein wenig Ei dabei gut vertragen hat! Weiter so! Herzliche Grüße, Marianne

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    1. Mäusemamma sagt:

      Liebe Marianne! Ja, leider haben wir auch schon in der Vergangenheit einige negative Erfahrungen im KH gemacht-wenn auch nicht nur, das muss auch gesagt werden. Aber meine Toleranz ist nicht besonders gross, wenn es um unfreundliche und unangemessene Behandlung geht. Ich bin dann direkt in der Situation nicht so der Fragenquäler wie Du (und das machst Du vollkomnen richtig!!), in mir bohrt es dann im Nachhinein. Danke für’s Lesen und viele Grüsse! Claudia

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  2. Wo bitte bleibt der respektvolle Umgang miteinander? Ein Mindestmaß an emphatischem Verhalten sollte in solchen Berufsgruppen verpflichtend sein :/
    Ich freue mich übrigens, dass ich dich durch meinen Text inspirieren konnte, deinen zu schreiben.

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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    1. Mäusemamma sagt:

      Die Idee zum Schreiben war bereits da, doch nachdem ich Deine Berichte gelesen hatte, musste ich wirklich Dampf ablassen! Und gerade Kindern gegenüber wünscht man sich ja taktvolles Verhalten! Danke für’s Lesen!! Viele Grüsse! Claudia

      Gefällt 1 Person

  3. Corinna sagt:

    Oh, Mann! Das ist ja schrecklich! Ich hoffe, so etwas müsst ihr nicht noch einmal erleben.

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