Wenn ich wöllte, könnte ich..

…viel mehr arbeiten. Mit „arbeiten“ meine ich in diesem Falle ausser Haus. Ist ja nicht so, dass man daheim Däumchen drehen und, wie man so schön zu sagen pflegt, sich auf seinen Lorbeeren ausruhen würde. Ich jedenfalls nicht; ich kann nicht still sitzen.

Doch seien wir mal ehrlich: so als „richtige“ Arbeit sieht unsere Gesellschaft das tagtägliche Schaffen als Mama und vielleicht Hausfrau nicht unbedingt an. Mindestens in einem „Home Office“ muss man heutzutage arbeiten, um wenigstens irgendwie „interessant“ zu sein… Oder nicht?

Aber zurück zum Thema: Nein, nein, hier spreche ich von der Arbeit, für die man entlohnt wird. Für die man am Monatsende auf dem Familienkonto einen leichten Trend nach oben verzeichnen kann. Die auf einem Lebenslauf untergebracht wird. Die man getrost als Antwort auf die Frage „Und was machst Du so?“ geben kann.

Wie schon gesagt, könnte ich theoretisch mehr vergütet arbeiten und dazu beitragen, den familiären Geldbeutel etwas aufzufüllen. Anfragen an meine Person sind da; als unter anderem deutsch sprechende Fremdenführerin mit Verfügbarkeit auch am Wochenende kann man hier quasi als Freelancer auf Vollzeit, zumindest in der touristischen Hochzeit, seine Brötchen verdienen. Nur muss man dazu äusserst flexibel und belastbar sein und oft auch Familienwochenenden gegen volle Arbeitstage eintauschen. Und Zeit haben- zum vorbereiten, zum umherfahren, um Kontakte zu suchen und zu pflegen, modern „PR“ und auch hier „home office“ also.

Ja, die liebe gute Zeit- sie ist es immer, die vorne und hinten fehlt. Das Thema „Vereinbarkeit“ ist in aller Munde, und auch ich bin hier kürzlich zu diesem Thema interviewt worden. Ich weiss nicht, welcher Eindruck beim Lesen entstanden sein mag, aber ich bin keineswegs eine dieser Superwomen, die mirnichtdirnichts tausend Dinge gleichzeitig wuppen, überall präsent sind- auf dem Spieleteppich ihrer Kinder als auch stöckelschuhtragend im Etagenbüro- und nebenbei immer top gestylt und bei allem freudestrahlend sind. Ich? Alles andere als das!

Obwohl meiner Person ein recht effizientes Organisations- und Planungstalent beiwohnt, biege ich mir bei der täglichen Alltagsprogrammierung schon manchmal einen Ast ab. Wer selbst Kinder hat, der kennt das sehr wohl, und immer wieder ziehe ich meinen Hut vor Müttern, zu dessen Alltag eben ein Vollzeitjob, egal ob frei gewählt oder aus finanzieller Notwendigkeit heraus, gehört. Schon in meinem kleinen Rahmen fällt es mir schwer, die Prioritäten „richtig“ zu setzen zwischen Job und Familie. Wobei „richtig“ eher subjektiv ist, denn je nach gewähltem Familienmodell kommt diesem Adjektiv ja eine andere Bedeutung zu…

Wie dem auch sei: Ich bin so eine Art von Mutter, die oft vom schlechten Gewissen geplagt wird. Engel links-Teufel rechts. Auf der einen Seite möchte ich so viel wie möglich Zeit mit meinen Kindern verbringen. Und Zeit heisst für mich dabei „quality time“: Mit ihnen spielen, sie auf den Spielplatz und in die Bibliothek begleiten, sie spielend an der Hausarbeit teilhaben lassen, Spielenachmittage organisieren, zusammengekuschelt Bücher lesen und in diesen Stunden ohne Ablenkungen und ständigem Blick auf die Uhr oder das Smartphone für sie da sein. Dazu gehört für mich als Perfektionistin auch, dass im Haushalt alles erledigt ist, so dass Kinderzeit wirklich Kinderzeit ist.

Auf der anderen Seite hätte ich auch gerne mal wieder mehr freie Spitzen, um tiefer eintauchen zu können in die neue Arbeitsbranche, in der ich zukünftig Fuss fassen möchte. Der erste Schritt dazu wäre also eine quasi uneingeschränkte Verfügbarkeit, allzeit bereit sein und sofort winken, wenn sich eine Anfrage in Sichtweite befindet. Und natürlich selbst eine aktive Rolle einnehmen und sich ranpirschen an potentielle Auftraggeber.

Und genau hier liegt das Dilemma: Irgendwie wöllte ich ja schon, und wenn ich wirklich, wirklich ganz dolle wöllte, dann könnte man das schon irgendwie organisieren… Doch um welchen Preis? Wieviel Zeit möchte ich meiner Familie schenken, und wieviel Zeit meiner Arbeit?

Ich habe mich für eine Familie mit Kindern entschieden, um sie, so gut es möglich und auch sinnvoll ist, auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Für uns Eltern bedeutet diese Wahl auch, dass wir ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Fremd-und Eigenbetreuung (sprich Kitazeit für klein und Arbeitszeit für gross) anstreben und es derzeit auch gut schaffen, dieses umzusetzen. Und es bedeutet auch, dass das Kapitel Arbeit nicht (mehr) unangefochten Platz eins auf unserer Prioritätenliste einnimmt. Nicht, weil wir das nicht nötig hätten, uns zu gut wären dafür oder uns ein paar Groschen mehr in der Tasche nicht nützlich wären- ganz im Gegenteil! Im Gold schwimmen wir schon gar nicht und auch bei uns wachsen die Lire…ähm…Euro nicht auf den Palmen.

Nein, es geht darum, eine sinnvolle Balance zu finden, von der wir alle etwas haben- meine Kinder, unsere Familie als Gesamtes, ich. Denn was nützt es meinen Kindern, wenn sie ihre Mama stets hektisch von einem Job zum nächsten hasten sehen und dafür auch mal ein geplanter sonntäglicher Familienausflug abgeblasen werden muss? Wenn ich, anstatt geistig 100% bei der Arbeit zu sein, ständig gedanklich abschweife und hoffe, dass mein Mann als Babysitter nervlich bis abends durchhält? Um dann morgen zum Wochenanfang wieder fit zu sein…

Wahrscheinlich ernte ich gerade ein paar schiefe Blicke von den auf Vollzeit Berufstätigen unter Euch oder auch von den Arbeitssuchenden oder Alleinerziehenden, die vielleicht gar keine Alternative haben und ohne mit der Wimper zu zucken Arbeit und Familie arrangieren müssen. Ihr werdet mir jetzt vermutlich vor Augen halten, dass alle Familien das irgendwie schaukeln. Ist halt heutzutage so, dass man 80 Sachen gleichzeitig machen, von früh bis nachts minutengenau durchorganisiert sein und im 5.Gang durch den Alltag, die Kinder inklusive, hasten muss. Und dazu noch von Glück reden kann, wenn man überhaupt (irgend)eine Arbeit hat…

Ja, ich sehe auch, dass das so ist. Erschreckend.

Je mehr ich mich mit dem Thema „Vereinbarkeit“ beschäftige, desto mehr empfinde ich diese tägliche Hetzerei, der auch wir trotzalledem nicht spurlos entkommen, als sinnlos, erdrückend und kräfteraubend. Wer hatte denn bitteschön diese blendende Idee, dass man heutzutage (in „modernen“ Zeiten) alles im Schnelldurchlauf erledigen und erleben muss?

Kennt Ihr die klassische Szene an der Supermarktkasse, an der man ungeduldig mit seinem Körbchen voll Krams in der Schlange steht und man irgendwann, wenn es zu lange dauert, anfängt, schnaufend und murmelnd in alle Richtungen zu blicken, um seinen Unmut bekannt zu geben? Sind denn 5 Minuten Warteschleife zuviel des Guten?

Eine Metapher für viele Lebensbereiche. Alles muss zack zack, rucki zucki gehen, ein Fliessbandleben nach Uhr.

Ich erwische mich nicht selten dabei, wie ich selbst Opfer und zugleich Täter dieser modernen Zeitauffassung bin: Arbeitstechnisch möchte ich am Ball bleiben, das Beste geben und mir durch zu viele Absagen nicht meine berufliche Zukunft verbauen. Die Meinung der anderen zählt sehr wohl für mich und insgeheim mag ich es, vor Arbeitgebern gut dazustehen.

Gleichzeitig hat dies zur Folge, dass ich meine Art, den Alltag mit all seinen Anforderungen, Stresssituationen, Terminen, Überraschungen und Herausforderungen anzugehen, indirekt auf meine Familie übertrage. Wie pflegte eine ehemalige Gymnasiallehrerin so schön zu sagen: „Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es auch zurück.“ Sehr treffend. Bin ich gestresst oder nervös, dann sind meine Kinder die Ersten, die mich das durch ihren Gemütszustand spüren lassen. Werde ich hektisch wegen irgendeiner dringenden Angelegenheit, die unbedingt noch heute geklärt werden muss, dann saugen sie Schwämme meine Angespanntheit auf. Dasselbe geschieht aber auch dann, wenn ich ausgeglichen und gelassen bin…

Worauf will ich hinaus? Ja, es stimmt: Wenn man etwas will, kann man das auch irgendwie erreichen, muss aber gleichzeitig bereit sein, mit den Konsequenzen zu leben. Konkret bedeutet das für mich, dass ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, mein Arbeitspensum und meine Verfügbarkeiten proportionell und angemessen zu unserer Familienzeit einzufädeln. Und das heisst eben auch, ab und an interessante Anfragen abzulehnen und den Mut zu haben, „nein“ zu gewissen Aufträgen zu sagen. Grund: Unvereinbarkeit. Weil ich Kinder habe und ich nicht möchte, dass sie zu kurz kommen und wegen ein paar Euro mehr im Monat das ganze Wochenende über ihre Mama nur flüchtig sehen. Weil wir als Familie auch Pläne haben, auch wenn diese mal nur einen Faulenzsonntag vorsehen. Weil ich Prioritäten setzen möchte.

Ich weiss, was ich beruflich kann. Ich weiss auch, dass meine Kinder wachsen und es mir in zwei/drei Jahren wieder möglich sein wird, beruflich aktiver zu sein. Ich möchte optimistisch bleiben und die Hoffnung beibehalten, dass man auch ohne ein Leben unter Strom früher oder später ans Ziel gelangt. Ich kann gut mit Abstrichen leben, solange in meiner Familie ein harmonisches, weitestgehend stressfreies Klima herrscht.

Ob ich es schaffe, konsequent zu bleiben und dem (trotz allem) legitimen Wunsch, auch beruflich Anerkennung zu finden, vorerst den Wind aus den Segeln zu nehmen, das wird sich im Laufe der nächsten Monate zeigen.

Sollte mein Mann zu Jahresende nicht die Scheidung eingereicht haben, dann werden wir das mit der Balance geschafft haben… 😜.

Ich werde Euch auf dem Laufenden halten!

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s