Alle Wege führen nach…

…Rom!

So besagt es jedenfalls das Sprichwort. Mein persönlicher Weg Richtung Italien führte mich vor einigen Jahren in den alpennahen, wahrscheinlich weniger spektakulären nördlichen Teil des Stiefels- wer kennt denn schon den Piemont? Mal abgesehen von den legendären, aber hier eher unbekannten, werbungsbeladenen Piemontkirschen („Wo sollen die bitteschön wachsen??!“) wird man mit dieser Gegend wohl erstmal weniger vertraut sein.

„Was um Himmels Willen hat Dich als Deutsche denn hier nach Italien verschlagen? Das muss bestimmt die Liebe gewesen sein!“ So oder in diesem Sinne die Frage von vielen neugierigen Italienern, denen es zum Teil unverständlich ist, wie man das für sie saubere und effiziente Vorzeigedeutschland, in welches viele ihrer Vorfahren in den Nachkriegsjahrzehnten hoffnungsvoll abgewandert sind, gegen das chaotische, von Jahrzehnten der Misswirtschaft und Politikskandale….gezeichnete Italien eintauschen kann. Ein unfairer Deal, finden sie oft.

„Boah, was?! Du wohnst in Italien? Ist ja toll! Immer fiesta und gelassenes Leben!“ So klischeehaft das jetzt klingen mag- diese romantische, skurrile Vorstellung von meiner neuen Heimat kursiert noch immer und erweckt in manch Ortsfremden die Idee eines ausschliesslich pizza-und pastatreuen Landes, in dem man eigentlich die meiste Zeit des Jahres irgendwo am Strand abhängt und bei gemütlichem Nichtstun unter dem Sonnenschirm eine Flasche Rotwein nach der anderen trinkt…Oder jedenfalls irgendwie in diese Richtung.

Wie dem auch sei: Ich jedenfalls bin vor knapp 15 Jahren einzig und allein hier hergekommen, um einen sechsmonatigen Freiwilligendienst zu absolvieren. Ganz banal. Genausogut hätte es mich nach Schweden oder Polen oder sonstwohin verschlagen können. Das Ziel war mir damals schnuppe, ich wollte einfach nur Neuland entdecken. Einen Tappetenwechsel nach dem Abi und eine Verschnaufpause vor einem neuen Lebenskapitel als Studentin. Dachte ich jedenfalls…

Im August 2001 fand ich mich also nach einer nächtlichen Zugfahrt, einem italienischen Wortschatz, der zirka 10 mickrige Worte umfasste und meinem Riesenrucksack in einem kleinen, 1.500 Seelendorf entlang des Po-Flusses, mit herrlichem Blick auf die Alpen und umgeben von ausgedehnten Maisbaufeldern wieder. In dem natürlich hauptsächlich piemontesischer Dialekt gesprochen wurde und man als „Alien“ in Windeseile in aller Munde war. Das nächste halbe Jahr sollte ich also in einem ehemaligen Klostergebäude verbringen, welches seit ein paar Jahren von einer katholischen Familiengemeinschaft verwaltet, renoviert und für soziale Zwecke genutzt wurde.

Neulich, als ich einige meiner noch handgeschriebenen (!) Tagebücher aus jener Zeit bei uns im Keller wiederfand, ging ich beim Stöbern auf eine emotionsgeladene Reise in eine fast schon unwirklich scheinende Vergangenheit, die schon über ein Jahrzehnt zurück liegt. Welten liegen mittlerweile zwischen meinem Leben heute und meinen Neulingsjahren auf italienischem Boden….

Doch was ist in den letzten 15 Jahren alles so passiert? Und warum habe ich am Ende genau hier und nicht woanders in der Welt Wurzeln geschlagen und Familie gegründet? Interessiert Euch das? Na dann lest gerne weiter…

Angefangen hat also alles mit einer geplanten halbjährigen „sozialen Auszeit“ in einem Ex-Kloster. Klingt spannend, war es auch-anfangs. Ich war unglaublich fasziniert von diesem neuartigen Leben, welches sich mir hier bot! Schon alleine die Tatsache, in einem alten Kapuzinerkloster mit seiner mystischen Atmosphäre zu leben und zu arbeiten, war für mich Atheistin und Stadtkind schlicht atemberaubend und mit so viel Neugier verbunden! Daneben musste ich in relativ kurzer Zeit meine Italienischkenntnisse vertiefen und liebte bald diese für mich melodische, emotionale und einfach wunderbare Sprache! Dazu kam das Alltagsleben in einer Gemeinschaft, welches einer der Gründe war, warum ich sofort begeistert war von der Zuteilung dieses Projektes. Ich, die gerne mal ihr Ding macht und die es nicht mag (oder mit fast 20 nicht mochte), nach Vorschriften und Regeln zu leben, nahm diese Möglichkeit eines „alternativen“ Umgangs mit der täglichen Zeit“ im Sinne der Gemeinschaft“ dankbar an. In den kleinsten, alltäglichen Dingen begann ich tatsächlich, etwas Wunderbares, etwas Grosses, etwas Heilendes zu sehen. Wovon ich Heilung brauchte, das weiss ich auch heute noch nicht so genau. Damals war dieses naturnahe, eher zurückgezogene Leben, dieser Alltag, welcher klösterlich (und katholisch) strukturiert war und sich an das Mönchsprinzip der „ora et labora“ anlehnte, genau das, was ich brauchte. Warum auch immer. Ich war glücklich.

Ein zeitlich geregelter Arbeitstag und vielfältige Tätigkeiten waren die Basis des Lebens in der Gemeinschaft. Neben der Renovierung des alten und zum Teil baufälligen Gebäudes, der Restaurierung von hundertjährigen Möbeln und der Versorgung der vielen Hoftiere kümmerten wir uns unter anderem um den grossen Obst-und Gemüsegarten, um die tägliche Hausarbeit und um das Bewirten von, je nach Zeitpunk, 10-30 Bewohnern- oder auch gleich mal 100 Leuten, wenn Gästegruppen an den Wochenenden unsere grossen Räumlichkeiten nutzten. Hauptanliegen der Gemeinschaft, die damals aus zwei Familien, ein paar Freiwilligen sowie engagierten Freunden der Gemeinschaft bestand, war jedoch die Aufnahme und die Rundum-Betreuung von Pflegekindern, die aus „Problemfamilien“ kamen und für kürzere oder längere Zeit bei uns wohnten. Somit waren wir neben Köchen, Gärtnern, Restauratoren und Tierpflegern etc. auch laienhafte Pädagogen. Die langen Abende bei der Hausaufgabenbetreuung „meines“ vorpubertären und lernfaulen Schützlings, die industrielle Mengen an Bügelwäsche und die kurzen Nächte, wenn die Kiddies krank waren, kommen mir heute noch oft in den Sinn. Wie eigentlich viele Momente dieser ersten, erlebnisreichen Zeit…

Und ja, liebe Leser…für die Romantischen unter Euch gibt es auch eine lovestory, die natürlich meinen Aufenthalt und meine Gefühlswelt nicht unwesentlich beeinflusst haben und die dazu beigetragen hat, dass ich in jener Zeit, die so vollgeladen war mit Neuigkeiten, Herausforderungen, Entdeckungen und Emotionen wirklich auf einer Wolke schwebte. Mein Freund? Ein sich damals auf der Suche befindender, dänischer Theologiestudent, der ebenfalls gekommen und geblieben war an diesem Ort. Wahrscheinlich befanden wir uns Beide zu jener in einer Phase der Selbstfindung, in der wir die Nähe des anderen als komplementär und bereichernd empfanden…

Ich befand mich also in einer seifenblasenartigen Parallelwelt, die mir vollkommen ausreichte. Trotz wenig Freizeit, vollgepackten 24/7-Arbeitstagen und den vielfältigsten Aufgaben verspürte ich nie wirklich das Bedürfnis, diese verlassen zu müssen für eine Auszeit, einen Feierabend oder ein freies Wochenende zum backpacking in Italien- was ich ursprünglich vorhatte für meine arbeitsfreien Tage. Das, was das Alltagsleben im „Kloster“ hergab, war okay und genügte mir völlig. Was wollte ich mehr, als Zeit mit meinem Freund bei der gemeinsamen Arbeit zu verbringen, während wir unsere Energien für einen guten Zweck einsetzten?

Die geplanten sechs Monate vergingen wie im Flug, es wurde Januar und eigentlich Zeit für mich, an eine Rückkehr nach Deutschland zu denken und die Zeit bis zum Studienanfang im Herbst mit etwas Sinnvollem zu überbrücken. Doch was war jetzt sinnvoll?

Ich widmete mich Dingen, die mich ausfüllten. Ich wurde gebraucht, fühlte mich (heraus)gefordert und ausgeglichen in meinen Tätigkeiten. Ich hatte die einzigartige Möglichkeit, komplett neue Sachen zu erlernen, die ich wohl nie im Leben woanders gelernt oder Zeit dafür gehabt hätte. Ich lernte tagtäglich neue Menschen mit den verschiedensten kulturellen und sozialen Hintergründen kennen, durfte mich und meine Fähigkeiten auf vielfältige Weise austesten…und war verliebt. Ich hielt einen Schatz in meinen Händen. Wollte ich das jetzt alles von heute auf morgen abbrechen und hinter mir lassen?

Ich war verwirrt und hin- und hergerissen. Meine Gefühle und ebenfalls mein Verstand fuhren Achterbahn. Ich schob meine Entscheidungsfindung auf die lange Bank, vertröste meine Eltern, die sich langsam um meine Zukunft sorgten und versuchte, Zeit zu gewinnen. Was wollte ich anfangen mit mir und meinem angefangenen Leben in Autonomie?

Es kam, wie es kommen sollte: Die Entscheidung fiel und…ich blieb. Noch 6 Monate, noch ein Jahr, noch zwei Jahre, noch länger. Mit kleinen Jobs ausserhalb des Klosters besserte ich meinen Geldbeutel (und die finanziellen Ausgaben der Klostergemeinschaft!) etwas auf und lernte meine nahe Umgebung nun auch beim Kellnern, Putzen und Kuchenverpacken und irgendwann durch eine halbtägige Festanstellung kennen und verstehen. Denn hatte ich schon erwähnt, dass man in der ländlichen Gegend des Piemont fast ausschliesslich den lokalen Dialekt zur Verständigung nutzt? Mein Aufenthalt blieb also interessant, spannend und wurde nie langweilig. Immer mehr war ich eingebunden in meinen Alltag zwischen Kloster und der Arbeit, und immer weniger konnte ich mir eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen. Und dennoch: Mein geplantes, immer wieder verschobenes Studium und meine berufliche Zukunft wollte (und durfte!) ich mit Anfang zwanzig, den goldenen Jahren, nicht einfach so vergessen. Blauäugigkeit war und ist keine meiner Eigenschaften, und ich spürte, dass es an der Zeit war, Nägel mit Köpfen zu machen und nicht nur an das „Wohl der Gemeinschaft“, sondern an mein weiteres Leben zu denken…berechtigterweise, wie ich fand.

Doch alles wurde kompliziert. Viel könnte ich erzählen aus jener Zeit, doch zusammenfassend fällt mir, im Nachhinein und mit Abstand betrachtet, folgender Begriff ein:

Schuldgefühle.

Das war wohl DAS Gefühl, welches mich zu der Zeit wie ein Schatten begleitete und meinen damaligen Zustand am besten beschreibt:

Schuldgefühle, weil ich es nach einigen Jahren, in denen ich mich von Kopf bis Fuss hauptsächlich der Gemeinschaft und deren Zweck hingab, in Erwägung zog, meinem Leben eine Wendung und vor allem an meine Zukunft zu denken. Wollte ich denn ein Leben lang eine Freiwillige sein, die nebenbei jobt?

Schuldgefühle, weil ich meinen Freund nicht zu hundert Prozent in seinem Vorhaben unterstützen konnte und wollte, sich weiterhin und auf unbestimmte Zeit der Gemeinschaft zu widmen anstatt (erstmal) zu zweit die Grundlagen für ein gemeinsames Leben, gerne auch woanders, zu schaffen.

Schuldgefühle, weil ich nicht auf mein Herz und meinen Verstand hörte, sondern mich von allen Seiten beeinflussen liess.

Schuldgefühle, weil ich mich dabei ertappte, wie ich meine besorgte Eltern am Telefon abwimmelte, um mich nicht zum x-ten Mal mit der Frage: „Na was hast Du denn jetzt vor? Du kannst doch nicht ewig da bleiben! Denk doch mal an Dich und Deine Zukunft!“ auseinandersetzen zu müssen.

Schuldgefühle, weil ich meinte, den anderen mit meiner Unentschlossenheit und meiner wachsenden Unzufriedenheit zur Last zu fallen.

Schuldgefühle, weil man mir diese einredete. Weil ich nützlich geworden war. So war es. Es ging irgendwann nicht mehr um mich und meine Person -wie es immer hiess als Wesenszug der Gemeinschaft- sondern um das, was ich leistete. Ich stellte den Gemeinschaftsgeist immer mehr in Frage: Ist das alles gut so? Soll das so sein? Wer nützt hier wem?

Doch ich machte weiter. Verantwortungsbewusst wie zuvor, doch irgendwann leidenschaftslos. Denn ich wollte das, was ich seit Jahren hier tat, weiterhin gut tun, fühlte mich jedoch ausgenutzt. Nächstenliebe und soziales, christliches Engagement wurden gepredigt, aber nicht immer gelebt. Präsent sollte man sein- doch oft nur als Lückenfüller. Die macht das schon. Die Dinge, die ich lange als spannende, lehrreiche Herausforderung sah, füllten mich nun mit Skepsis: Wird das jetzt wieder aus Bequemlichkeit auf mich abgewälzt?

Ich unterdrückte das wachsende Bedürfnis in mir, auch mal wieder etwas anders zu machen, zu sehen, zu erleben. Mal auszugehen, ohne sich an feste Zeiten halten zu müssen. Nicht nur des Jobs wegen das Kloster zu verlassen. Mal kein Wochenende den Kindern beim Fussballspielen zuzusehen, sondern selbst mal spontan einen Ausflug zu planen, ohne den Wochen vorher absprechen zu müssen. Freunde einzuladen- unmöglich. Das musste erst von oberster Stelle genehmigt werden. Mit meinen Kollegen eine Pizza essen zu gehen, ohne rund um die Uhr abrufbereit zu sein. Nicht aus der einzigen Urlaubswoche im Jahr zurückgerufen werden wegen einer achsowichtigen Dringlichkeit. Leben zu können wie junge Leute in meinem Alter!

Ich hatte immer mehr das Gefühl, funktionieren zu müssen. Und das tat ich. Und ich wurde dabei unzufrieden, müde, bitter. Dabei wollte ich doch nur ein wenig Platz für mich. Eine legitime Zukunftsaussicht. Nichts mehr. War das zuviel verlangt? Musste ich mich deswegen schlecht und mittlerweile kraftlos fühlen?

So schwärmerisch ich von den ersten Monaten, ja dem ersten Jahr berichtete, so schwer würde ich also später enttäuscht werden. Anstatt Unterstützung oder zumindest Verständnis für meine (legittimen) Zukunftspläne erlebte ich Gleichgültigkeit. Immer mehr Verantwortung, immer mehr Arbeit, immer weniger Blick für das „Warum“ des Ganzen. Um die Mühle weiter drehen zu lassen, wurden wir gebraucht. Und ich hatte lange Zeit nicht den Mut, dem entgegenzusteuern…Nach aussen hin verteidigte ich weiterhin diese Leben, sonst wäre alles wahrscheinlich eher kollabiert. Meine rebellische Seite in mir jedoch wühlte sich ab und an nach aussen und schrie lautlos: Hej, ich bin Mitte zwanzig und habe doch hier keinen Eid für’s Leben abgelegt: Darf ich denn keine Träume mehr haben? Selbst, als mein damaliger Freund und ich nach drei Jahren unsere Beziehung auflösten und die darauffolgende Zeit alles andere als einfach war, wurde mit dem Kopf geschüttelt und mir meine „Verantwortungslosigkeit“, sollte ich denn weggehen, vor allem der mir anvertrauten Kinder gegenüber, unter die Nase gerieben. Schon wieder diese Schuldgefühle…

Doch wie es im Leben so läuft- irgendwann kommt der point of no return, der Punkt, an dem man es einfach nicht mehr aushält. An dem man solch eine Energie und Entschlossenheit entwickelt, die man vorher nicht kannte und die nun geballt im Sinne der Selbsterhaltung alles in und um einen einvernimmt. Die Luft war einfach raus und das Fass am überlaufen…

Einige für mich sehr unschöne und äusserst verletztende Begebenheiten setzten der ganzen Situation die Krone auf. Meine Entscheidung war gefällt. Nach langer Zeit. 5 Jahre. Ich musste weg. Raus hier. Es gab keinen Weg zurück. Ich bereitete meinen Auszug vor. Schluss. Aus. Vorbei.

Parallel dazu reichte ich mit einer mehrmonatigen Vorankündigung und zum Entsetzen meiner verständnisvollen damaligen Chefin die Kündigung ein und bewarb mich für einen Studiengang an der Uni in meiner Heimatstadt. Dies schien mir erst einmal die sinnvollste Lösung. Ich bestellte meine Eltern für einen Tag Mitte September, um mich nach über 5 Jahren in einer quasi Nacht- und Nebelaktion abzuholen. Zurückblickend kann ich sagen: Noch heute bin ich zum Teil wütend, zum Teil enttäuscht, zum Teil entsetzt, wie verständnislos und gefühlskalt damals mit meiner Entscheidung und abschliessend mit meiner Abreise umgegangen wurde… Für mich stand aber nun klitzeklar fest: Ich wollte und musste diese Seite umblättern, ein Kapitel abhaken, nach vorne schauen.

Wenn man von einer idealisierten Traumwelt in eine Sackgasse der Enttäuschung stürzt, kann man emotional durchaus sehr mitgenommen sein. Zumindest war ich das. Ich war geknickt. Erschwerend dazu empfand ich meine Rückkehr in die „Zivilisation“ nach vielen Jahren des Lebens in einer sich oft selbst abkapselnden Parallelwelt als schockierend und anstrengend: Da sass ich nun nach über 5 Jahren wieder am elterlichen Tisch, durfte endlich Studentin sein und mit meinen Plänen dort anknüpfen, wo ich Jahre zuvor aufgehört hatte. So, wie ich es eigentlich wollte.

Doch das passte alles nicht mehr; entweder ich passte nicht mehr zu dieser Welt oder diese Welt nicht mehr zu mir! Monatelang kam ich mir vor wie ein Statist im falschen Film und hatte ständig das Gefühl, hier nicht mehr hinzugehören. Das Studium war, trotz Interesse und gutem Gelingen, ein Biegen und Brechen, der Alltag mit meinen Eltern eine gefühlte Zeitreise zurück in meine Teenagetage, und verzweifelt suchte ich nach Möglichkeiten, meinen Platz und meinen Weg zu finden. Ich merkte, wie mich das langjährige “ Klosterleben“ noch nicht freigegeben hatte und es mir extrem schwer fiel, mich loszureissen von dieser Vergangenheit, mit der ich so viele  Erfahrungen und starke Emotionen verband.

Doch das Schicksal meine es gut mit mir. In jener Zeit der Zerrissenheit zwischen Vergangenheit und Zukunft nahm alles eine unerwartete Wendung, welche mich letztendlich wieder zurück nach Italien führte und den ersten Schritt für meinen zweiten Neuanfang darstellte:

Meine ehemalige Chefin, die meine verzwickte Situation aus der Ferne erkannte, bot mir eine Ganztagsstelle mit einem neuen Aufgabengebiet an. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich zu und liess das angefangene Studium nach einem Semester sausen. Ich kaufte einen kleinen Fiat 600, den ich mit den mir wichtigsten Habseligkeiten vollpackte und die Alpen gen Süden überquerte. Ich kam zunächst bei Freunden unter, bezog recht bald eine schöne Einzimmerwohnung mit Bergblick in der nächstgrösseren Stadt und begann nun endlich MEIN Leben! Nach der Arbeit gestaltete ich meine Freizeit nach meinen Interessen und genoss gerne allein meine Stunden. Ein kompletter Gegensatz zu meinem Leben zuvor. Nicht immer war diese Zeit einfach. Oft empfand ich mich als egoistisch, da ich es nicht mehr gewohnt war, nur an mich und meine Bedürfnisse denken zu müssen. Ich suchte mir Tätigkeiten als Freiwillige, um mich nützlich zu machen und sozial eingebunden zu sein. Ich kaufte ein Abo für die Schwimmhalle, liess mein Fahrrad kommen und fand …einen Weg zurück in mein Leben. Wertvoll war diese Zeit für mich. Und ich brauchte sie. Um zu mir zurückzufinden, um langsam aber sicher Frieden zu schliessen mit den vielen Schuldgefühlen, die über die Jahre hinweg in mir gewachsen waren. Um nach vorne zu blicken….

Liebe Leser- solltet ihr tatsächlich beim Lesen hier an dieser Stelle angelangt sein, dann danke ich Euch für Eure Geduld! Ich hatte nicht vor, einen Roman zu verfassen, doch kürzer ging es nicht. Sonst hätte etwas gefehlt und wäre nicht das gewesen, was ich erlebt und empfunden habe. Wie es danach weiterging, folgt aber nun sogleich im Schnelldurchlauf:

Einige Zeit später lernte ich meinen heutigen Mann kennen und für mich öffnete sich ein komplett neues Kapitel in meinem Leben. Vor fast 5 Jahren traten wir vor den Altar und haben mittlerweile zwei fabelhafte Kinder. Beruflich bin ich dabei, mich zu verändern, und nach all dem Jahren kann ich sagen, dass Italien wirklich meine zweite Heimat geworden ist. Ohne wenn und aber.

Und auch wenn heute ich mit gemischten Gefühlen auf meine ersten Jahre hier zurückblicke und meine Wunden noch nicht vollständig geheilt sind, habe ich diese Erfahrung als Teil meines Weges akzeptiert. Würde ich aus heutiger Sicht anders handeln? Gewiss. Hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer und sieht manche Dinge in einem völlig anderen Licht. Doch rückblickend kann ich sagen, dass mir Vieles aus jener Zeit heute, auf die eine oder andere Weise, zugute kommt und ich mir der Wichtigkeit dieser Erfahrung „der anderen Art“ für mein Leben bewusst bin. Ganz nach dem Motto:

image

In diesem Sinne danke ich Euch für’s Lesen und für Euer Durchhaltevermögen😉. Ich hoffe, Euch die Frage, was mich nach Italien verschlagen und was mich so lange hier gehalten hat, beantwortet zu haben. Ein holpriger, aber MEIN Weg…

P.S. Die Familiengemeinschaft hat sich inzwischen aufgelöst, nachdem auch andere nach mir das „Kloster“ verlassen und neue Lebenswege gefunden haben. Und mein damaliger Freund ist seit fast einem Jahr glücklicher Priester ganz in unserer Nähe!

 

 

 

 

 

 

 

 

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anna sagt:

    Liebe Claudia, ich habe deinen Artikel sehr gerne gelesen, der sich (für mich) spannend wie ein Roman anfühlt. Die Zeit der Selbstfindung ist nie einfach, nicht als junger und auch nicht als älterer Mensch, aber alle Erfahrungen sind doch wohl für etwas gut, sie sind Lektionen des Lebens, die uns prägen und formen. Das hast du hier ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht! Wie schön, dass du dein persönliches Happy End gefunden hast ! 🙂 . Einfach ein schöner und tiefsinniger Text! Alles Liebe, Anna

    PS: Von den Piemontkirschen hatte ich übrigens vor der klischeehaften Werbekampagne auch noch nix gehört (kann aber auch an meinem Unwissen liegen ;-).

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  2. Mäusemamma sagt:

    Liebe Anna!! Danke für Deinen lieben Kommentar! Ja, ich habe mir wirklich lang überlegt, wie ich all das Erlebte am Besten in Worte fassen kann und bin jetzt froh, dass mal niedergeschrieben zu haben. Soll ja manchmal helfen zum Verarbeiten😉. Ich freue mich, dass Du ab und an bei mir reinschaust👍😘!! Ganz liebe Grüsse und einen schönen Tag!!! Claudia

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  3. Wow, sehr spannend, ich liebe es ja, über verschlungene Lebenswege zu lesen! Und schön, wie Du durch das Zurückgehen gemerkt hast, wohin Du gehörst, manchmal braucht man so einen „Rückschritt“ erst, um klarer zu werden. Lustig, dass der damalige Freund jetzt Priester in der Nähe ist. Es passt irgendwie alles!
    Liebe Grüße!

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  4. Mäusemamma sagt:

    Liebe Frühlingskindermama! Ja, ich habe irgendwie doch den „richtigen“ Weg für mich gefunden, auch wenn es immer mal wieder Zweifel gab. Das Schicksal hält doch irgendwie immer offene Türen bereit…Viele Grüsse zurück! Claudia

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