Absurditäten alla italiana 3.Teil

Vorab erst noch ein kurzer Nachtrag zu meinen letzten Beitrag zu einem anderen Thema, nämlich dem des Älter werdens, den ihr hier noch einmal lesen könnt. Wie ihr auf den folgenden Bildern sehen könnt, werden nämlich in Italien nicht nur Sterbefälle gut sichtbar für die Öffentlichkeit bekannt gemacht, sondern glücklicherweise auch dann, wenn der Storch kleine neue Erdenbürger gebracht hat😉🍼. Diese sehen dann z.B. so aus:

Wie wird die Bekanntmachung von Neugeborenen denn in Deutschland (oder da, wo ihr lieben Leser lebt?) gehandhabt?

Doch nun zum Thema dieses Beitrages (ACHTUNG: IRONIE ENTHALTEN!):

Den größten Teil meines letzten Artikels zum Thema „Absurditäten“ in meinem italienischen Alltag, den ihr gerne unter diesem Link nachlesen könnt, habe ich in der Warteschleife auf dem Amt verfasst- ihr könnt euch also ungefähr vorstellen, wie lange ich da saß…😱

Genauer gesagt befand ich mich auf der Staatlichen italienischen Sozialversicherungsanstalt, kurz INPS, bei der man unter anderem auch die Mutterschaftsansprüche/ Elternzeit beantragen muss- also sobald der Storch in Sicht ist.

Dass die italienische Bürokratie einem Irrgarten ähnelt, sollte (ich möchte behaupten: weltweit!) bekannt sein. Im dichten Paragraphendschungel sehen nur die Cleversten durch; nie weiss man hundertprozentig, ob man sich bei delikaten oder ungewöhnlichen oder zum Teil auch nur ganz banalen Angelegenheiten noch im grünen Bereich des gesetzlich Geregelten befindet oder schon durch die Grauzone watschelt. Und zufriedenstellende und klare Auskünfte von Seiten der zuständigen Ämter, die einem etwas Gewissheit bringen könnten, ja die, die bekommt man nie! Und wenn, dann sind diese widersprüchlich. Beispiele hierfür hätte ich genügend (Ich denke gerade an die Gültigkeit des deutschen Führerscheines in Italien: Muss er nun umgeschrieben werden oder nicht?), doch darum soll es in diesem Beitrag gar nicht gehen…

Vielmehr möchte ich euch heute mitnehmen auf eben dieses berühmt berüchtigte Sozialversicherungsamt, kurz INPS. Aber Achtung! Bringt genügend Zeit, Geduld und was zum Lesen mit! Denn es ist hier ein Klassiker, dass man zwar anhand des Nümmerchens, welches man ziehen muss, weiss, wann man das Amt betreten hat- und netterweise auch, wieviele „Gäste“ vor einem in der Schlange stehen oder besser sitzen- aber nicht, wann man wieder auf freien Fuss kommt…

Wie bereits erwähnt, geht es beim INPS vor allem um alle Arten von finanziellen Extraleistungen von staatlicher Seite. Es ist eine Art Sozialfürsorgekasse, die von Versicherungsbeiträgen (alle Arbeitnehmer müssen einzahlen) finanziert wird. Dabei raus kommen u.a. Rentenansprüche, finanzielle Unterstützungen im Mutterschutz, Zahlungen im Fall von anerkannten Behinderungen, Arbeitslosenhilfe, Sozialleistungen jeglicher Art und, und, und. Nur um ein paar aufzulisten, die den Ottonormalverbraucher betreffen. Dazu kommen noch eine ganze Reihe von „servizi“, die sich an Unternehmen und überhaupt Arbeitgeber richten. Dieses INPS ist also omnipräsent…und omnigefürchtet!

Alle müssen es also, wohl oder übel, früher oder später, aus irgendeinem Grund mit dem INPS aufnehmen: Wenn nicht wegen einer Geburt, dann wegen eines Todesfalles; wenn nicht wegen der Beantragung von Elterngeld, dann wegen der Regelung von formellen Anforderungen bei der Einstellung einer Haushaltshilfe; wenn nicht wegen Rentenansprüchen, dann wegen Krankengeld. Etc. etc. etc.

Aber gut, Schluss mit den Details, kommen wir auf den Punkt. Um diesen Beitrag nicht allzu sehr in die Länge zu ziehen, habe ich die Absurditäten, die mich beim INPS jedes Mal aufs Neue zum Kopfschütteln bringen, mal in eine Liste zusammengepackt…in der Hoffnung, beim nächsten Besuch abgebrühter in meiner Erwartungshaltung zu sein. Nach dem Sinne: „Warum regst du dich denn auf? Du hast es doch gewusst!

1. Auch hier in Italien wird recht viel Wert auf den Abbau von architektonischen Barrieren gelegt- zumindest auf dem Papier. Die gesetzlichen Vorschriften dafür sind streng, oft geht es da um zentimetergenaue Vermessungen, die es vor allem bei neuen Gebäuden und deren barrierefreien Elementen wie Rampen, Fahrstühlen etc. einzuhalten gilt. Sollte es aus irgendeinem Grund vermessungstechnisch nicht möglich sein, eine bauliche Veränderung zugunsten von z.B. Gehbehinderten vorzunehmen, man diese aber trotzdem zum Wohle der Allgemeinheit realisiert (z.B. auf eigene Faust eine kinderwagengerechte Holzrampe vor seinem Geschäft anbringt), muss man hoffen, dass dort Niemandem etwas zustößt- denn dann wir man im schlimmsten Fall zur Verantwortung gezogen! Zuviel des Guten wollen ist dann eher von Nachteil…

Doch genau aus diesem Grund frage ich mich, wie es denn möglich sein kann, dass  es in einem staatlichen, öffentlichen Amt (!!), welches man notgedrungenerweise aufsuchen MUSS, keinerlei Möglichkeit gibt, die zehn/zwanzig Treppenstufen bis zu den Schaltern alternativ zu überwinden!? (Dies ist in unserem örtlichen Amt jedenfalls der Fall.) Keine Rampe, kein Aufzug, kein Treppenlift führt ins erste Stockwerk. Nichts dergleichen! Und das an einem Ort, an dem Mütter mit Kinderwagen, ältere Leute und auch Gehbehinderte tagtäglich ein-und ausgehen? Wie kann das sein? Mir selbst ist schon passiert, dass ich den nicht unbedingt leichten und sperrigen Kinderwagen allein die Stufen hochhieven musste, im Beisein des untätig dabei zusehenden Pförtners…

2. Da wir gerade vom Pförtner sprechen: Vor einiger Zeit hat man beschlossen, auch hier beim INPS Kürzungen vorzunehmen. Bei den Sozialleistungen, den anerkannten Zahlungen, aber auch… beim Personal. Als ich vor einigen Jahren das erste Mal die sozialfürsorglichen „Dienstleistungen “ in Anspruch nahm, kam man hier noch in den Genuss von 4 offenen Schaltern von 7. Jeder war spezialisiert auf ein Gebiet, und dementsprechend proportional verkürzte sich auch die Wartezeit. Letztens (also während ich meinen Blogbeitrag im Wartebereich schrieb), wurden wir von…ja ratet mal?…ja genau EINEM Schalterangestellten „betreut“. Und das war keinem Ausnahmezustand geschuldet, sondern war die Folge der finanztechnischen und somit personellen Streichungen. Eine Taste, ein Schalter, ein alleswissenmüssender Angestellter, der sich zwischen den verschiedensten Themenbereichen umherhangeln „durfte“. Ich erwähne an dieser Stelle mal nicht, wie gereizt der eine oder andere „Gast“ nach stundenlangem Ausharren im Warteraum an den Schalter kam, und wie dessen nicht unbedingt freundliche Besetzung das bereits brodelnde Fass gänzlich zum überlaufen brachte… Mal ganz zu schweigen von nicht immer kompetenten Antworten des nichtalleswissenkönnenden Angestellten.

Ach ja: Die Pförtner hingegen hatten sich im Vergleich zu „damals“ verdoppelt: Will man so versuchen, Aufstände oder Angriffe gegenüber den Angestellten zu vermeiden?

3.  Hat man es denn die Treppen hinauf, am Pförtner vorbei, in Schalternähe geschafft, findet man dort hängend-sollte man denn einen optischen Feinblick besitzen-einen unscheinbaren A4-Zettel, der es (wohlbemerkt: sichtbar!) Schwangeren und Müttern mit Säuglingen unter einem Jahr erlaubt, sofort an die Reihe zu kommen. Wow! Also keine Nummer ziehen (hat man aber bereits gemacht, hat einem ja bis jetzt noch Keiner gesagt), sich nicht einreihen müssen, an der wartenden Menge vorbei. Klingt erstmal gut. Aber mal ehrlich: Wer hat schon den Mut, hohen Kopfes an der beharrlich wartenden 80jährigen Dame oder der Mama mit 3 mittlerweile ungeduldig werdenden Kindern im Vorschulalter vorbeizumaschieren, um schnurstracks zum Schalter zu gelangen? Und überhaupt:  Ab wann ist man denn „erkennbar“ schwanger? Man könnte auch einfach etwas rundlicher geraten sein in der Hüftgegend…Toller Versuch, als altruistisch dazustehen; meinen Beobachtungen zufolge ernteten derartige Manöver bisher nur die Missgunst aller Beteiligten: Die des Beamten, da es seine Nummernfolge ausser Kontrolle brachte, die der Mitwartenden aus offensichtlichem Grund, und die der „Vordrängler“, die am Ende ihrer „legalisierten“ Handlung giftige Blicke zugeworfen bekamen…

5. Irgendwann ist es dann doch soweit und  das Unverhoffte wird wahr: Man wird tatsächlich und innerhalb der amtlichen Öffnungszeiten an DEN Schalter gerufen. „Nummer 483 wird am Schalter Nummer 1 erwartet.“ An welchem auch sonst? 5 Sekunden hat man Zeit, um sich da zu präsentieren, sonst steht bereits die 484 auf der Matte. Jetzt also Dokumente rauskramen, die Fragen zurechtlegen, bloß nicht zu lange um den heißen Brei herumreden, denn hier geht es zack zack im Minutentakt. Während man vom allesweissich Angestellten stumm gemustert wird, bringt man kurz und knapp sein Anliegen vor und wurschtelt dabei mit allen möglichen Blättern rum. „Hier stand, dass…“; „Uns wurde gesagt, wir sollten…“; „Wir wollten fragen, ob…“; „Ist es möglich, dass…“. Stille. „Ihr Name nochmal?“ Wieder Stille und wortloses Hantieren am PC. Dann: „Ne, tut mir leid.  DAS MÜSSEN SIE ONLINE BEANTRAGEN.“ Dieser Satz!!!!👿 Wie oft kam er schon über die Lippen des alleseinfachmachenden Angestellten und traf auf vermutlich hörgerättragende Rentner, die wohl noch nicht einmal einen Computer besitzen, geschweige denn mit dem world wide web vertraut sind. Da ich mich selbst bereits mit dieser als vermeintlich innovativ getarnten neumodischen Prozedur abgefunden habe und, so gut ich kann, alles online erledige, prallt solch eine Aussage relativ schroff an mir ab. Doch wie sieht es am hohen Prozentsatz der älteren Leute und Ausländer aus, die auf die vielfältigen „Dienstleistungen“ des INPS angewiesen sind? Sind sie alle so internetgewandt und geduldig, sich mit den teils recht komplizierten Onlinebögen auseinandersetzen? Wie oft habe ich mich selbst schon fluchen gehört beim x-ten Mal Ausfüllen von Formularen, die immer irgendwo hängen blieben im Netz. „Bin ich hier zu blöd oder hapert’s woanders?“ Alternativ dazu heißt es dann oft: „Na dann müssen sie sich an eine Steuerberatungsstelle wenden, die helfen da.“ Ja, das stimmt! Diese zum Glück existierenden Anlaufstellen übernehmen einen Großteil der Arbeit des INPS (Ja was machen DIE HIER eigentlich den lieben langen Tag??) und zeigen sich, jedenfalls meiner Erfahrung nach, oftmals kompetenter, geduldiger und gleichzeitig etwas „humaner“ im Umgang mit ihren „Hilfesuchenden.“ Zum Glück! Und ohne Pförtner.

Ja, und was hatte ich denn nun letztens beim INPS zu suchen? Wo ich doch online mittlerweile so gewandt war? Ich benötigte lediglich eine Auskunft zu einem Antrag, welche mir die offizielle Internetseite nicht geben konnte, und für die ich die Telefonhotline aus gutem Grund nicht kontaktieren wollte (Also gut, ich gebe zu: Mit süditalienischen Akzenten habe ich einfach ein Verständigungsproblem!). Und bei Fragen und Informationen bin ich recht old school: Ich brauche da Jemanden, der mit Hand und Fuß vor mir steht und der mir mit „Ja“ und „Nein“ antworten kann. Ich habe keine Lust, stundenlang vorm PC zu hocken in der Hoffnung, ihm das, was ich wissen muss, irgendwie rauszukitzeln. Lieber nehme ich einen Vormittag des Wartens in kauf, solange dieser Erkenntnis bringt. Deswegen befand ich mich letztens also guter Dinge und zuversichtlich auf dem Amt…zum Glück ohne Kinderwagen und unschwanger.

Als mich nach besagter Wartezeit die nette Stimme der Anzeigetafel zum Schalter (Nummer 1 natürlich) rief, hielt ich schon entschlossen meinen Fragenkatalog inklusive Papierkramdokumentation zur Veranschaulichung bereit. Bei mir brauchste gar nicht erst anfangen mit…blabla…online beantragen…und…blabla…zur Steuerhilfestelle gehen. Das weiss ich auch. Mich kriegste ne platt…

[An dieser Stille bitte einen Augenblick der Stille]

Ok. Ich gebe zu, dass ich auf die Antwort, die folgen sollte, nicht vorbereitet war. Alles hatte ich erwartet, nur das nicht. Ein kompletter Vormittag-für nichts und wieder nichts. Ich gebe zu: ich war geplättet….

Aber…!? Warum eigentlich? DAS HÄTTE ICH DOCH WISSEN MÜSSEN!

 „Das haben sie wann beantragt? Vor 3 Monaten? Ach so, na dass muss erst noch bearbeitet werden.“

😳😶🤔

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anna sagt:

    Oh jaaaa, ich kenne das! Ich rege mich ja gerne über Behörden auf, aber die italienischen sind wirklich sehr, sehr gewöhnungsbedürftig. Ich habe mal ein ganze Jahr auf eine Bescheinigung gewartet und man hat mich von A nach D geschickt um dann am Schluss festzustellen, dass doch A dafür zuständig ist . Grrrrrrr. Ein schöner, humorvoller Artikel! Ich lese deinen Blog so gerne, da fühle ich mich meiner zweiten Heimat so nah! Liebste Grüße, Anna

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke, liebe Anna, dass Du ab und an mal vorbeischaust und Freude am Lesen hast. Klar habe ich alles etwas überspitzt geschrieben, aber gefühlt ist es hier manchmal so, vor allem, was die Bürokrstie angeht. Du hast auch in Italien gelebt? Viele liebe Grüsse und bis bald! Claudia

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  2. Anna sagt:

    Ja, ich bin Halbitalienierin :-), aber im Herzen doch ganz :-). In meiner Kindheit und Jugend habe ich immer wieder meine Großeltern dort besucht und später während meines Studiums ein ganzes Jahr in der Toscana verbracht. Ich liebe dieses Land und vermisse es auch ein wenig, deshalb freut es mich umso mehr, deinen Blog gefunden zu haben, der über das Mamasein hinaus auch Geschichten aus meiner zweiten Heimat beinhaltet! Liebste Grüße!

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    1. Mäusemamma sagt:

      Schön, Dich hier gefunden zu haben! Ich nehme an, Du sprichst auch deutsch? Oh ja, die Toskana ist auch sehr schön, wir waren letzten Sommer mit den beiden Kids da im Urlaub. Viele Grüsse erstmal und einen schönen Abend!! Claudia

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  3. Mäusemamma sagt:

    O wie schön!! Die Toskana ist natürlich auch sehr schön!! Es freut mich, Dich hier getroffen zu haben! Ich nehme an, Du sprichst auch italienisch? Viele liebe Grüsse und einen schönen Abend! Claudia

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