Omi online – Gedanken zum Alter, zur Einsamkeit, zur virtuellen Welt

Im Großteil der Blogs, in denen ich gerne lese und stöbere, geht es um mit meinem Blog verwandte Themen wie das kunterbunte Leben mit kleinen Kindern, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie; Anekdoten mit den Kleinsten werden erzählt, es geht um den schlichten bis höchst abwechslungsreichen Familienalltag usw. usw. usw. Um die Dinge eben, die unsere (mehr oder weniger) jungen Jahre so ausmachen. Und über die wir, der Generation Internet angehörend, in unserem virtuellen Leben gerne auch online berichten und relativ problemlos mit zuweil auch Unbekannten teilen. Auf diese moderne und digitale Art und Weise erlauben wir es Anderen, an unserem Leben, unseren Projekten, unseren Gedanken teilzuhaben. Und wir schaffen uns selbst damit einen Weg hinaus in die Welt, um unseren kleinen vier Wänden ab und an zu entkommen, unsere Neugier zu stillen, uns zu bilden, Gleichgesinnte zu treffen, uns auszutauschen. Nicht zuletzt ist auch das Bloggen ein Mittel, um sich manchmal in der realen Welt nicht allein zu fühlen. Oder nicht?

Doch wie sieht es mit der älteren Generation aus? Mit der, die vielleicht noch nicht mal einen PC besitzt und anstatt Handy lieber das Festnetz benutzt. Und die mit „www“ wohl kaum etwas anfangen kann? Und mit einem l-phone schon gar nicht. Wie geht diese Generation  mit Einsamkeit (im Alter) und zugleich der neuen Technik (sprich Internet im weitesten Sinne) um?

Es scheint, als verbände diese Frage zwei komplett verschiedene Sachverhalte  miteinander…Doch kann der Eine nicht auch positiv zum Anderen beitragen? Anstatt dem digitalen Zeitalter umgekehrt immer wieder für die zunehmende Vereinsamung der Menschen eine gewisse Verantwortung zuzuschieben?

Heute morgen kam mir dabei spontan meine Nachbarin in den Sinn. Eine sehr nette, zuvorkommende, diskrete Dame um die 80, die trotz aller ihrer Sorgen stets ein herzliches Wort für uns und einen Lutscher für die Kinder bereit hält. Wir wissen gut, dass sie es gerade nicht leicht hat: Vor ein paar Wochen haben sie und ihre Familie schweren Herzens die Entscheidung getroffen, ihren stark demenzkranken Ehemann in eine professionelle und anerkannte Pflegeeinrichtung zu geben. Daheim war eine angemessene Betreuung einfach unmöglich geworden. Für familienorientierte Italiener ein schwerer Schritt, der vor allem meine Nachbarin mit Schuldgefühlen zermürbt und, nach vielen glücklichen Ehejahren, mit einem Gefühl der ungewohnten Einsamkeit…

Einsamkeit: Wohl eins der traurigsten und lieblosesten Zustände, in der sich ein Mensch befinden kann- es sei denn, er hat diese aus freien Stücken bewusst gewählt. Doch ich behaupte, dass das in den meisten Fällen wohl nicht so ist. Oft ist Einsamkeit die Folge eines plötzlichen Lebenseinschnitts, ein trister, im besten Fall irgendwann überwindbarer, Zustand nach einem Schicksalsschlag…

Ich möchte behaupten, dass ein gesunder, junger Mensch es „einfacher“ hat, einen Weg aus der Einsamkeit zu finden. Sicherlich kann es hier den Einwand geben, dass heutzutage, im Vergleich zu einst, familiäre Netzwerke zum Auffangen fehlen. Das mag sein. „Damals“ konnten Großfamilien vielleicht eher einen emotionalen Halt bei Schicksalsschlägen jeglicher Art bieten. Doch damals stellte es sich bestimmt als schwieriger heraus, über den familiären Tellerrand hinaus Unterstützung, Hilfe, Ablenkung, Leidensgenossen, Informationen etc. zu finden. Das gelingt heute, auch dank des Internets, problemloser für den, der danach sucht.

Ich möchte behaupten, dass ein älterer (mental gesunder) Mensch die Einsamkeit intensiver erlebt- ohne dies natürlich verallgemeinern zu wollen. Meine Gedanken gehen hierbei noch einmal zu meiner netten Nachbarin. Wortwörtlich zwischen Tür und Angel erzählt sie mir ab und an Anekdoten aus ihren stolzen 60 Jahren (!) gemeinsamen Ehelebens. Oft ist sie den Tränen nahe, wenn sie zu erkennen gibt, dass es ihr unsagbar schwer fällt, die jetzige Situation zu akzeptieren. Mehr als einmal hat sie mir gesagt, dass sie nun, trotz einer wunderbar fürsorglichen Familie, vor allem eins ist: einsam.

Starke Aussagen und Gefühlszustände dieser Art bewegen und bedrücken einen natürlich. Und instinktiv will man irgendetwas tun, um das gefühlte Leid des Anderen zu sänftigen, zu lindern…Manchmal hilft eine kleine Geste, eine Aufmerksamkeit, ein gut gemeintes Wort.

Und heute wollte ich mir einfach mal etwas „Schönes“ vorstellen: Ich hatte-warum auch immer-dieses Bild vor den Augen: Eine ältere Dame sitzt an einem Computer, etwas eingeschüchtert von diesem neuartigen Gerät, aber zugleich entzückt von der Welt, die sich ihr dahinter offenbaren sollte. Wie ihre Lebensgeschichte wohl aussah? Wer weiss, was sie in all den Jahren geschaffen, erlebt, gekämpft und geliebt hat. Um nun hier zu sitzen, still, allein- aber hoffnungsvoll in eine bis dahin unbekannte Realität blickend…

Nicht stehen bleiben.

Was wäre, wenn die Generation unserer Großeltern die Hürde der modernen Technik überwinden und Hand in Hand mit den zahlreichen virtuellen Möglichkeiten der altersbedingten [ich wiederhole: nicht zu verallgemeinernden] Vereinsamung die Stirn bieten würde? Wäre das nicht großartig? „Omi online“ oder „Gemütlich altern“ wären doch gelungene Blognamen. Überhaupt die Frage: Wäre es nicht klasse, mal eine Großeltern-Webseite zu lesen (Gibt es sowas??). Persönlich fände ich es äusserst bereichernd (für alle!), wenn sich ältere Menschen online zum Austausch, zum Erzählen, zum Zuhören, zum virtuellen Plätzchenbacken in geselliger Runde, zum Online-Kaffeekränzchen, zum gemeinsamen Kartenspiel oder zur Schachpartie via Skype treffen würden- unter sich oder generationsübergreifend. Warum denn nicht? Um Momente zu schaffen, in denen sie für einige Zeit aus ihrem Alleinseinstunnel geholt und wieder „hineingeschleust“ werden in die reale Welt „da draussen“.

Die Möglichkeiten von heute für etwas Sinnvolles, Humanes nutzen.

Ich stelle mir gerade Tomaten pflanzende und Unkraut jätende Kindergartenkinder vor, die online Ratschläge vom Kita-Patenopa aus dem Pflegeheim bekommen. Oder ein Webprogramm, in denen man der häkelnden älteren Dame auf Schritt und Tritt bei Ihren Anleitungen folgen kann.

Sich nützlich fühlen.

Oder einfach nur, wie die ältere Dame an ihrem Computer eine mail an ihren Enkel in Südafrika schreibt und googlet, was denn dieses „Erasmus“ bedeutet.

Nicht vergessen werden.

Ich fände das irgendwie klasse. In der Welt der „Betagten“ einen Platz zu schaffen, um sie dort step by step mit der virtuellen Welt, die für uns „Junge“ ganz selbstverständlich in unseren Alltag gehört, vertraut zu machen. Mit dem Ziel,  mit etwas Positivem und Erfrischendem zu ihrem wohlverdienten Lebensabend beizutragen…

Persönlich hätte ich dann gerne DAS EINE Streuselkuchenrezept inklusiver Schritt-für-Schritt-Backanleitung von damals aus meiner Kindheit, als Kuchen noch viiiel leckerer schmeckten. Ausserdem würde ich auf diesem Blog gerne einmal ein Interview mit einer 100jährigen führen und sie nach ihrer Jungbrunnenrezeptur fragen, inklusive überarbeiteten Fotos aus den 1920ern. Einen virtuellen Rollispaziergang machen um zu sehen, welche Hürden dabei überwunden werden müssen. Und mal Generationsmikado spielen. Ob das wohl geht? 😉

 

[P.S. Die Idee zu diesem Beitrag kam mir heute während eines Spaziergangs. Vielleicht eine eigenartige oder gar makabre Quelle der Inspirationen, wird der Eine oder Andere wohl jetzt beim Weiterlesen denken: Hier in Italien ist es üblich, die Bekanntmachung von Trauerfällen mithilfe von Plakaten zu handhaben. Dafür werden eigens dafür gedachte Tafeln genutzt, man findet sie an Kirchen (an einer lief ich eben heute vorbei und sah eine Todesanzeige), am Krankenhaus, und sollte Jemand daheim verstorben sein, auch am Hauseingang. In den jeweiligen örtlichen Tageszeitungen gibt es zum Teil mehrere Seiten mit Veröffentlichungen der kürzlich von uns Gegangenen sowie Erinnerungen an sich jährende Todestage. In unserer kleinen Familienwelt läuft das nicht selten darauf hinaus, dass mich unser Dreieinhalbjähriger beim Sichten einer dieser Bekanntmachungen (und mittlerweile auch bei jeglichem Schwarz-Weiss-Foto) nicht selten fragt, ob da wer gestorben ist, und vor allem, warum und wie…In diesen Momenten stelle ich mir immer gerne vor, wie der Verstorbene zufrieden im Kreise seiner Liebsten eingeschlafen ist. Fernab von Krankheiten, Unfällen, Schicksalsschlägen und… ohne das Gefühl der Einsamkeit kennengelernt zu haben.]

 

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13 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kati Str sagt:

    Sehr schön geschrieben! Dem ist nichts hinzuzufügen. Und ich glaube, deine Nachbarin ist sehr froh, gerade dich als Nachbarin zu haben.
    Leider möchte ja die junge Generation oftmals gar nicht die „ollen Kamellen“ von Oma und Opa hören 😦

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    1. Mäusemamma sagt:

      Ja so ist das! Jeder hat ja oftmit sich schon genug zu tun, uns geht das ja ofr auch nicht anders, aber ein offenes Ohr für des anderen Leid muss man schon haben. Ich finde es manchmal schade, dass die verschiedenen Generationen so getrennt voneinander leben;(

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  2. KeNo sagt:

    Wunderbare Zeilen!
    Frage mich gerade was Deine Nachbarin dazu sagen würde, wenn sie die Zeilen lesen würde…? Ob sie den Schritt wagen würde und Dich fragen, ob Du sie „einweisen“ kannst in die WWW-Welt der „Jungen“ ? Du hast natürlich Recht, denn auch wenn sich die Kinder und die Nachbarn „kümmern“, bleiben oft doch 23 oder mehr Stunden vom Tag „Einsamkeit“ Da wäre so ein Omi-Blog sicher ganz viel Stütze … sowohl für die Omi, als auch für uns „Junge“. Aber leider möchte die ältere Generation sich nicht so oft auf Neues einlassen. Und wir jüngeren erkennen oft zu spät, welche Schätze dann plötzlich nicht mehr da sind ;-( Wünsche Dir und Deiner Nachbarin, dass ihr tiefer ins Gespräch kommt… GLG

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  3. MamiAnders sagt:

    Du hast so schöne Worte gefunden – mir wurde beim Lesen gerade ganz warm ums Herz.

    Das ist eine tolle Vorstellung, dass Jung und Alt über das Internet wieder mehr zueinander finden könnten. Ab einem gewissen Alter ist es wirklich schwer, sich den Herausforderungen der neuen Technik zu stellen – das merke ich auch in meiner Familie. Deshalb freue ich mich umso mehr, wenn z. B. die Schwieger-Oma den Mut hat sich mit Video-Telefonie auseinander zu setzen, um mit dem Enkel zu skypen.
    Ich hoffe, nur dass ich im Alter auch noch so offen und flexibel bin. Wer weiß schon, welche seltsamen technischen Neuerungen uns in 50 Jahren erwarten 😉

    Weil du dich gefragt hast, ob es Blogs von Großeltern gibt: Kennst du schon http://opas-blog.de/ ?

    Liebe Grüße
    Anja

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    1. Mäusemamma sagt:

      Liebe Anja! Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar! Ja, wer weiss, wie es uns in ein paar Jahrzehnten ergeht…selbst ich habe heute schon manchmal ein „Problem“ mit der Technik und bin vielen Neuigkeiten gegenüber erstmal skeptisch. Und danke für den Link, da schaue ich gleich mal rein!! 👍 Viele liebe Grüße und einen schönen Abend! Claudia

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  4. sarakaefer1982 sagt:

    Es gibt tatsächlich ein paar Blogs, die sich mit der älteren Generation befassen bzw. aus deren Sicht geschrieben werden. Auch auf Twitter und Instagram findet man immer wieder mal Omas und Opas, die ihre Meinung kundtun.
    Anfang des Jahres habe ich zusammen mit meiner Mutter (zwei Kinder, drei Enkel) einen Mehrgenerationenblog gestartet, eben um die ältere Generation zu Wort kommen zu lassen. Noch sind wir ganz am Anfang, aber wir haben vor, noch mehr Großeltern, nicht nur meine Mutter, mit einzubinden. Also wer immer einen Gastbeitrag machen möchte oder für ein Interview zur Verfügung steht, der findet bei uns ein Plätzchen. Ich hoffe, das war jetzt nicht zu werbend, aber ich finde es wichtig, dass auch heutztage in Zeiten der Drei-Personen-Familie ohne direkten Anschluß an die Großeltern auch eben genau die ältere Generation ein bisschen in den Vordergrund rückt.
    Würde mich freuen, wenn du mal vorbei schaust: http://www.warenwirauchso.de

    Viele Grüße
    Sara (Mamali)

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    1. Mäusemamma sagt:

      Hallo liebe Sara! Danke für Deinen Kommentar! Und wow: die Idee des Mehrgenerationenblogs finde ich echt toll- wie ich es mir in meinem Artikel sozusagen „erträumt“ habe. Ich schaue jetzt gleich mal rein!! Vielen Dank für den Tipp und viele Grüsse! Claudia

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  5. Fred Lang sagt:

    Vielen Dank für diese konstruktiven Anregungen, die mich darin bestärkt haben auf dem richrigen Weg zu sein. Ich betreibe zwar keinen Blog, aber ein Forum für ältere Menschen. Es nennt sich Wir Alten 3.0! und ist ein niveauvoller Treffpunkt für die ältere Generation. Wir nennen uns gern „die Alten“ – aktiv sind wir trotzdem! Vielleicht können wir gemeinsam dafür sorgen, dass die Bezeichnung „alt“ wieder salonfähig wird. Zitat von Roswitha Casimir (Autorin des Buches „Die Alten 3.0“)
    Aber auch jüngere Menschen sind zum Zwecke des Gedankenaustausches zwischen den Generationen dort sehr willkommen!
    Viele Grüße und alles Gute weiterhin!
    Fred Lang

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    1. Mäusemamma sagt:

      Hallo lieber Fred! Vielen Dank für Dein Feedback und Deinen Hinweis auf das Forum, welches mich wirklich neugierig gemacht hat! Ich finde, dass die Bezeichnung „alt“ nicht unbedingt das (oft negativ behaftete) Gegenteil von „jung“ sein muss. Vielmehr sehe ich in betagteren Menschen oftmals eine Bereicherung im Vergleich zum „jungen Gemüse“- ohne etwas verallgemeinern zu wollen. Lebenserfahrungen als ein Plus. Danke nochmal und alles Gute! Viele Grüsse! Claudia

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  6. Fred Lang sagt:

    Hallo Liebe Claudia, vielen Dank für deine Anmerkungen. Du hast in diesem Thread eine Menge guter Ideen aufgezeigt, die ja auch etliche problemlos in die Tat umgesetzt werden könnten. Sag mal, hast du nicht Lust dazu, das mal in unserem Forum „Wir Alten 3.0!“ auszuprobieren? Dazu musstest du dich dort allerdings als Mitglied registrieren. Wir nehmen übrigens auch jüngere Jahrgänge auf, um den Gedankenaustausch zwischen den Generationen zu fördern, was ich sehr wichtig finde.
    Auch dir alles Gute und viele Grüße!
    Fred
    http://forum.wir-alten3.0.isthier.de

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke für die Empfehlung! Ich habe etwas gestöbert in dem Forum und finde die Idee dahinter sehr gut und innovativ! Viele Grüße! Claudia

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      1. Fred Lang sagt:

        Sag mal, willst du nicht bei uns mitmachen? Auch jüngere Jahrgänge sind zwecks Gedankenaustausch der Generationen untereinander immer sehr willkommen.
        Viele Grüße!
        Fred

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