„Das Tagtägliche erschöpft mich!“ (L.van Beethoven)

Hinter diesem wohl eher ungewoehnlichen Titelzitat verbirgt sich ein mir wichtiger Beitrag, der meine vielen (und oftmals wirren) Gedanken der vergangenen Tage und Wochen in sich vereint. Geplant hatte ich urspruenglich einige spezifische Artikel zu Themen, die mich in dieser Lebensphase gedanklich oft beschaeftigen und beruehren: die Erziehung unserer beiden Kinder und alles, was dazu gehoert, der „delikate“ Umgang mit dem neuen Home Office meines Mannes (so praktisch und romantisch das klingen mag, ist das naemlich oft nicht!), meine wackelige berufliche Zukunft, die gerade irgendwo in den Sternen steht, meine Schwierigkeiten, mit (gefuehlten) Stresssituationen umzugehen etc. Die Liste der Blogeintraege haette lang werden koennen, doch nie hatte ich die Ruhe, auch nur einen dieser Gedanken, die da in meinem Kopf umherrschwirrten, tatsaechlich nieder zu schreiben. Zu viel um die Ohren, zu wenig freie Spitzen, zu viel Schlafmangel.

Dann kam eine Neujahrsmail. Von guten Bekannten aus Deutschland, die uns mittels eines Gedichtes die besten Wuensche fuer das neue Jahr zukommen liessen. Ich antwortete natuerlich sofort und gerne, und neben Glueck, Gesundheit  und der Verwirklichung all ihrer Vorhaben fuer dieses Jahr wuenschte ich meinerseits, dass sie stets ihren Alltag geniessen moegen. Warum ich genau das schrieb, weiss ich nicht, doch wahrscheinlich ist genau das eine Sache, die ich mir selbst fuer die kommende Zeit vornehmen sollte: meinen Alltag bewusst wahrzunehmen und… zu geniessen!

Ich bin ein kleiner Noergler und ein „rompi scatole“- mein Mann weiss ein Lied davon zu singen. Fuer mich ist das Glas meist halb leer und der Rasen des Nachbarn gruener als der unsere (italienisches Sprichwort). Ich verlange von mir 150% und erwarte das nicht allzu selten auch von meinen Liebsten. Als „perfektionistisch unsicher“ wuerde ich mich beschreiben, mit einem Hang zur Uebertreibung und der Tendenz, nichts ausser Kontrolle geraten zu lassen. Zu viel gruebele ich darueber, was denn die anderen denken und wuerde es am liebsten allen irgendwie recht machen – um dabei selbst auf der Strecke zu bleiben. Ich versinke oft in unkonstruktive Selbstzweifel, nehme Dinge zu persoenlich und erstarre manchmal vor Situationen, aus Angst, etwas falsch zu machen oder mit den Konsequenzen nicht umgehen zu koennen. Und konsequent bin ich schon mal gar nicht.

Beruflich befinde ich mich soeben in einer Umbruchsphase, nachdem ich vor kurzem (und nach vielen Wochen des Pro+Contra-Abwiegens) meine langjaehrige Festanstellung aufgegeben habe. Im Moment passt zu mir wohl am besten die Definition „Hausfrau“, die ich in gewissen Momenten als Privileg ansehe, in anderen jedoch wieder mit Argwohn beaeuge. Was wird aus mir? Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Zwar habe ich mir in den Monaten nach der Geburt unseres ersten Kindes freiberuflich eine Alternative geschaffen, die es nun aber auszubauen gilt. Keine leichte Aufgabe mit zwei kleinen Kindern und dem nicht zu unterschaetzenden full time job als Mama, Hausfrau und nebenbei versuchtem Freelancing. Letzteres kommt dabei eben einfach zu kurz. Man kann nicht alles machen und ueberall gleichzeitg sein. Manchmal wuerde ich auch ein „leider“ hinzufuegen.

In meinem Alltag schweife ich gedanklich oft ab; stelle mir vor, wie es waere, wenn…; wuensche mir, dass sich die Umstaende meinen Beduerfnissen anpassen koennten und nicht umgekehrt, lebe oft schon einen Tag oder ein paar Stunden voraus und verliere so ab und an den Blick und den Genuss fuer das Hier und Jetzt. Ich bin ein Gewohnheitsmensch, und Planen und Durchorganisieren gehoeren eher zu meinen persoenlichen Eigenschaften als Spontanitaet zeigen und Gelassenheit an den Tag legen. In dieser Hinsicht bin ich zu wenig italienisch.

Und an den Tagen, an denen mir meine Routine zwischen Kindern, Haushalt und der zur Zeit wenig moeglichen beruflichen Taetigkeit weniger als „Hausfrauenluxus“, dafuer aber mehr als ein sich ewig drehendes Hamsterrad vorkommt, faellt es mir schwer, diesen (verflixten) Alltag zu geniessen. Wo ist das Tolle zwischen der Wuselei? Immer wieder aufs Neue gruesst das Murmeltier: Jeden Tag puenktlicher Treffpunkt mit den allzeit bereiten Kuechengeraeten sowie dem moeglichst abwechslungsreichen Essensplan. Waesche, Wohnung, Windeln. Putzen, Buegeln, Entertainen. Dazu die sich immer wiederholenden gleichen mahnenden Worte zu meinen Kindern, die ueblichen Trotzmomente, die kuscheligen, aber dennoch fesselnden naechtlichen Stillzeiten. Abwechslungsreich? Sicherlich. Mein Buerojob war aus der Sicht einseitiger. Besser?

Das ist DIE Frage, die sich mir immer wieder stellt. Dabei geht es eigentlich gar nicht um „besser“ oder „schlechter“. Nur bin ich es die, die gerne diese absurden Vergleiche aufzustellen versucht- der schoene gruene Rasen des Nachbarn halt. Meine Gedanken kreisen sich dann um das: Was waere, wenn ich doch wieder in meinen alten Job zurueckgekehrt waere? (Wie) haetten wir es dann geschafft, den zwangslaeufig anders aussehenden Alltag zu jonglieren? Waere es „besser“ gewesen? Und fuer wen? Und: Bin ich nun eine gute Mutter? Werde ich meiner Aufgabe als Hausfrau gerecht? Fuehle ich mich „trotzdem“ anerkannt- immerhin bin ich „nur“ zu Hause? Bin ich gluecklich ueber diesen, meinen Alltag?

Wenn mich dann einer dieser „Das-Glas-ist-halb-leer“-Momente ueberkommt, mich der „Desperate housewives“- Alltag wie ein Panzer ueberrollt und ich mich auf eine einsame Insel fernab von allem traeume, dann ruegt mich mein Mann. „Sei dankbar,“ sagt er dann, „fuer das, was wir haben.“ Keinen beruflichen Stress und dennoch ausreichend Essen fuer alle auf dem Tisch; viel Zeit fuer und mit unseren Kindern, von der andere nur traeumen koennen; Gesundheit, keine schweren Schicksalsschlaege, eine kleine Familie, trotz allem gute (berufliche) Aussichten, Frieden. „Ja, so ist es“ denke ich dann. „Er hat ja recht.“ Was beklage ich mich ueberhaupt? Habe ich es verlernt, das Positive zu sehen?

Wenn der Alltag dir arm erscheint, klage ihn nicht an – klage dich an, daß du nicht stark genug bist, seine Reichtümer zu rufen, denn für den Schaffenden gibt es keine Armut.“
Rainer Maria Rilke

Das Positive sehen, die vielen Reichtuemer erkennen, ja, den Alltag geniessen: Eine Aufgabe, die so simpel klingt, doch, fuer mich zumindest, so schwierigkeitsfrei gar nicht umzusetzen ist. Wahrscheinlich ist es einfacher, den Vorsatz einer Weltreise zu verwirklichen oder in diesem Jahr mehr Sport treiben zu wollen, als es tatsaechlich zu schaffen, den Alltag, das Leben und seine darin versteckten Schaetze zu finden und zu geniessen. Im Job, mit der Familie, wo auch immer. Warum kommt immer erst schwarz vor weiss? Warum pickt man immer erst das schlechte Korn heraus, anstatt die tausend guten zu sehen?

Fuer mich habe ich beschlossen, dass es Zeit ist umzudenken, einen Hebel umzulegen. Meinen Blick fuer die alltaeglichen, aber dennoch (oder trotz alledem) schoenen Dinge zu schaerfen. Weniger zu erwarten aber dafuer intensiver zu leben. Nicht perfekt sein zu wollen sondern authentisch. Schluss mit Schwarzmalerei. Volles Glas statt halbes Glas. Dankbarkeit statt Noergelei. Kein „Was waere wenn…“ Punto e basta. Das ist die Kurzfassung.

Mein Ziel fuer die Zukunft soll lauten: Meinem Alltag jeden Morgen gutgelaunt und hoffnungsvoll die Hand zu geben. „Willste noch einen Kaffee?“. Mein Freund, der Alltag, ist kein brummiger, sperriger, laermender Panzer, sondern ein flottes, luftiges Cabrio, in dem ich und meine Familie tagtaeglich ihre Runden drehen. Bei Regen und Schnee ziehen wir einfach das Dach ueber.

Natuerlich benotigt diese Bewusstseinsaenderung seine Zeit. Das neue Cabrio muss erstmal einige Proberunden fahren und kommt gewiss nicht ohne ein paar Werkstattbesuche aus. Aber ich will glauben, dass es funktioniert. Dass ich nicht nur hinarbeite zu den besonderen Momenten, die es sicherlich ueber das Jahr verteilt geben wird, sondern mich auf die Lebenszeit im Hier und Jetzt konzentriere. Mit meinen Kindern, meinem Mann, in meiner beruflichen Laufbahn, mit all den Ueberraschungen, die das Jahr und die nahe Zukunft mit sich bringen wird.

Somewhere along the way
I got caught up in the race
I kept spinning and turning
Lost myself, my hope, my faith
We’re always wanting more than what we have
And what I’ve learned is all I really need are
The simple things that come without a price
The simple things like happiness, joy and love in my life
I’ve seen it all from so many sides and I hope you would agree
The best things in life are the simple things“

-Joe Cocker „The simple things“

In diesem Sinne

Viele Gruesse (sollte das hier ueberhaupt jemand lesen😉)!

 

 

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. KeNo sagt:

    Ja, ich habe es gelesen.!!! Und da meine Mäuse ja nun schon etwas älter sind, kann ich Dir nur raten, auf Dein Bauchgefühl zu hören. Wenn das nächtliche Stillen mehr Last als Lust ist, dann „verbanne“ das inzwischen schon ganz schön große Mädchen zu ihrem Bruder. Wenn Du überzeugt davon bist, dass das für Dich gut und richtig ist, dann wird auch Johanna da schnell mitspielen. Die Kids spüren die innere Überzeugung oder eben auch nicht… Und alles im Leben sind Phasen und das Leben macht nicht immer Spaß und auch nicht immer glücklich. Durch manche Phase muss man einfach durch – ohne groß zu grübeln und manchmal auch mit einem Glas Ramazzotti 🙂 – abgerechnet wird ganz am Schluss. Drück´ Dich!

    Gefällt 1 Person

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