Weihnachtliches Erwachen

Jetzt sind sie also Geschichte, diese weihnachtlichen Feiertage, auf die man wie jedes Jahr den ganzen Dezember lang (mehr oder weniger) gewartet hat! 24.,25.,26….und schwupps ist der ganze Spass/Stress vorbei! Erweckt das bei euch auch gerade gemischte Gefühle, die irgendwo zwischen Erleichterung und Melancholie, Aufatmen und Nostalgie liegen?

Wie ihr vielleicht bemerken konntet, habe ich mich auf meinem Blog bewusst reichlich wenig über die Adventszeit ausgelassen, dafür haben andere ausreichend und facettenreich gesorgt. Ich musste da nicht auch noch meinen Senf…ähm…meine Plätzchen dazugeben.

Doch nun möchte auch ich ein Fazit der letzten Tage ziehen, und dabei hat mich ein netter ZEIT-Artikel inspiriert, der in mir einige (inzwischen verblasste) Erinnerungen und Emotionen hervorgerufen hat und mich ueber unser diesjaehriges Weihnachten nachdenklich gestimmt hat. Schaut doch mal rein: Weihnachten zu Hause 

Die junge Autorin schildert darin ihre (alljährliche) Rückkehr ins Elternhaus für die Festtage, angefangen von der Zugfahrt von Hamburg bis ins kleine heimatliche Städtchen an Heiligabend, Erinnerungen aus ihrer Kinder-und Jugendzeit im Ruhrgebiet, die immer wiederkehrenden Rituale im gemütlichen Elternhaus, diese „immer noch gleiche, schwere, bittersüsse Mischung aus Beklemmung und Geborgenheit.“

Genau so habe ich bis vor einigen Jahren die Weihnachtszeit empfunden! Tage der Gemütlichkeit, der wohltuenden Langeweile, der auch mal hitzigen Diskussionen, des Schweigens, des untätigen Beisammenseins wie zu Kindertagen, des Schlemmens und Schmatzens… Weihnachten hatte fuer mich (trotzdem oder vielleicht gerade deswegen) immer etwas Magisches und vor allem Vertrautes an sich. The same procedure as every year.

Für mich bedeuteten diese Tage immer eine kleine Zeitreise zurück in die Vergangenheit, in der ich Weihnachten wie eh und je verbrachte. Das waren die Momente, in denen die Zeit stehengeblieben war. Meine liebsten Erinnerungen gelten Heiligabend mit meinen Eltern: Zum obligatorischen Kaffeetrinken in gedaempften Licht gab es klassisch Rosinenstollen, Dominosteine und schokoladenueberzogene Lebkuchen, umgeben waren wir von Nussknackern, erzgebirgischen Schwibboegen und dem Qualm der vielen kleinen Raeuchermaennchen. Im Hintergrund liefen die Pyramiden zu festlicher Weihnachtsmusik. Am Fenster hing wie schon immer der traditionelle Herrenhuter Weihnachtsstern, den mein Vati jedes Jahr fluchend zusammenbastelte. Bescherung, Essen, gemeinsames Beisammensitzen, Einstimmen auf den 25., der mit lecker Gaensebraten, Gruenen Kloessen und Rotkraut zelebriert wurde. Meine Familie ist nicht glaeubig, deshalb spielte der Kirchgang fuer uns traditionell keine Rolle. Das war das Weihnachten, das ich kannte, liebte, erwartete und heute ein wenig vermisse.

Seit ich selbst Familie habe und ich nicht wie bis dato mit Kind und Kegel zu Weihnachten bei meinen Eltern auf der Matte stehen kann und will, haben sich unsere Weihnachtstraditionen…ja drücken wir es mal so aus…verändert. Das liegt natürlich einerseits daran, dass wir in Italien zu Hause sind. Nichts mit Weihnachtsmarkt und gebrannten Mandeln. Ade dem Adventskalender. Niemand weiss hier etwas mit einem Schwibbogen anzufangen und man wuerde wohl nie auf die Idee kommen, an Heiligabend Kartoffelsalat und Würstchen zu essen. Überhaupt: Was soll das alles mit Heiligabend, das Christkind kommt doch erst in der Nacht zum 1.Weihnachtsfeiertag!

Die gesamte Advents- und Weihnachtskultur sieht also anders aus und somit auch die familiären Traditionen. Auch wenn wir nur in den letzten Jahren aufgrund „Distanzen“ (ich druecke das jetzt mal vorsichtig so aus!) nur in äusserst geringem Masse in den Geschmack von Familienfeiern gekommen sind, haben diese hier am 25. natürlich ebenfalls einen festen Platz. Viele Leute, viele Geschenke, vor allem für die Kleinsten, und natürlich Unmengen an Essen!

Dieses Jahr sind meine „kindlichen“, und mittlerweile natürlich unrealistischen, Erwartungen Weihnachten gegenüber recht hart auf die unsrige Realität geprallt  und haben mich so zur nüchternen Erkenntnis gezwungen, dass meine Kinderjahre vorbei sind…

Bis zum 24. schlummerte in mir noch die Hoffnung, meinen kleinen Kindern ein Weihnachten zu kreiren, welches dem aus meinen Kindertagen sehr nahe kommt. Ich wollte gerne diese Magie, dieses Zauberhafte, diese Einmalige jener Tage herstellen und hoffte insgeheim, dass diese vertraute Gefuehl der heimischen Geborgenheit in unsere vier Waende einziehen wuerde. Diesmal mit mir auf der Seite der Erwachsenen. Nur sah die Realitaet anders aus…deswegen aber nicht unbedingt schlechter; nur anders als gewohnt und gewollt. Das Kind in mir musste einfach erkennen, dass „Damals“ der Vergangenheit angehoert und es nun (und vor allem in Zukunft) an der Zeit ist, einen neuen weihnachtlichen Zauber zu erschaffen fuer unsere kleine Familie…

Hier also ein kleiner Rueckblick auf die Festtage:

24.Dezember: Die Kinder schliefen heute morgen erstaunlich lange, so dass ich etwas mehr Hausarbeit als sonst erledigen konnte. Mein Mann hatte zum Jahresende ein Mittagessen mit seinen Angestellten im Restaurant organisiert. Dazu mussten noch (erwartungsgemaess) auf den letzten Druecker kleine Aufmerksamkeiten besorgt und Geschenke an verschiedene Empfaenger gebracht werden, so dass mein Mann von morgens bis 16 Uhr ausser Haus war. Was sollten wir drei also tun an Heiligabend? Da unsere Kleine gegen mittags muede wurde und unser Grosser erst kurz vorher gefruehstueckt hatte und somit zur eigentlichen Mittagessenszeit quietschfidel war, entschlossen wir uns zu einem Spaziergang an der frischen Luft. So konnte die Kleine in ihrem kuschelig warmen Kinderwagen etwas „puzeln“ und unser Grosser sich beim Spielen in der Sonne auspowern. Risotto und Huehnchen gab es zum spaeten Mittag um 14.30, nebenbei kochte der Gemueseeintopf. Schliesslich hatte mein Mann sicherlich mittags ordentlich reingehauen, da reichte etwas Gruenzeugs zum Abendessen, dachte ich mir. Als er dann nachmittags eintrudelte, fand er uns noch immer in der Kueche: Ich backte Muffins, unser Grosser wog alles Moegliche mit unserer Kuechenwaage ab (komischerweise lagen saemtliche Gegenstaende bei 10 Gramm!) und die Kleine schaute erstaunlich interessiert und geduldig bei allem zu. Nix mit Kuchenessen und gemuetlichem Teetrinken wie eh und je an Heiligabend, und an Mittagsschlaf war bei den Kids um die Uhrzeit gar nicht mehr zu denken. Da ich aber wenigstens gerne die deutsche Tradition der Bescherung an Heiligabend beibehalten wollte, mussten nun bei Anbruch der Daemmerung irgendwie die Geschenke unter den Baum geschmuggelt werden. In einer Nacht-und Nebelaktion wurden sie zusammengesucht in der Wohnung, im Keller, im Kofferraum und wo sie ueberall noch unverpackt (Asche auf unsere Haeupter, aber wir wollten Muell sparen!) rumlagen…Und schwupps,  schon war der Weihnachtsmann da. Alles etwas weniger magisch, als ich es mir gewuenscht hatte, aber die Kids waren happy und heilfroh, dass sich der Weihnachtsmann nicht persoenlich hat blicken lassen. Waehrend ich in der Kueche meinen Weihnachtstee im Stehen schluerfte (mich dabei nach einem Stueck Spekulatius sehnte und von einer gemuetlichen, laermfreien, von Kerzenschein umgebenen Couch traeumte) sah ich meinen Mann mit der nigelnagelneuen ferngesteuerten Autorennbahn kaempfen, umzingelt von unserem ungeduldigen Grossen, der keine Augen mehr fuer die anderen, weniger spektakulaeren Geschenke hatte und unbedingt JETZT SOFORT ein Rennen fahren wollte, und unserer Kleinen, die jedes Teilchen davon aeusserst appettitlich fand und somit den gesamten Aufbauprozess verlangsamte und meinen Mann zum Verzweifeln brachte. Also Kinder geschnappt, Fernsehverbot aufgeloest und Trickfilme angeschaut. Zum Abendessen gab es also Suppe, die der Grosse Gott sei dank schlemmend vertilgte und der Groesste der Familie mit den Worten: „Ah, richtiger Festschmaus zum Heiligabend!“ kommentierte. Grrr! Danach hiess es, die mueden Kinder von ihren neuen Spielzeugen abzulenken und sie zum Baden zu ueberreden. Viel zu spaet lagen sie und wir alle platt im Bett.

25.Dezember: Fuer mich hiess es zeitig aus den Federn kommen, und das nicht unbedingt aus freien Stuecken. Einerseits machte mir mein schnarchender Mann ein Weiterschlafen quasi unmoeglich (ob es wohl an dem deftigen Mittagessen vom Vortag lag?), andererseits hatte ich noch Einiges vorzubereiten fuer den heutigen Weihnachtstag: Geschenke vom Christkind (der italienischen Tradition folgend) unter dem Baum verstauen, die Muffins zu Ende dekorieren, die letzten Geschenke fuer heute einpacken (wir hatten eine Einladung bei Verwandten meines Mannes) und, ganz wichtig, das Essen kochen fuer unseren kleinen Allergiker: er hatte sich zu Weihnachten Polenta und Salsiccia (Wuerstchen mit einem Maisbrei und Tomatensosse) gewuenscht, dazu Kuerbisrisotto. Fuer das eventuelle Abendessen ausser Haus hatte ich eine Portion Gemuesenudelsuppe vorbereitet, nach dem grossen Erfolg des Vorabends. Ab um 7 hatte ich also voll zu tun, und als wir vier dann um viertel nach elf in die Kirche zum Gottesdienst wollten, war ich trotzdem die Letzte, die noch im Schlafanzug durch die Wohnung hirschte. Warum wohl?

Auch wenn wir es nicht gerade moegen, ueberall zu spaet oder auf den letzten Druecker zu erscheinen, trudelten wir auch diesmal als Letzte zum Mittagessen bei den Cousinen meines Mannes ein. Alles wartete nur auf uns und unsere Unmengen an Habseligkeiten, die wir aus dem Auto kramten: einen Weihnachtsstern fuer die Tante, kleine Geschenke fuer die Kinder, eine Flasche Gluehwein plus Stollen fuer die Gastgeber, dazu meine selbstgebackenen kunterbunten Muffins, Spielzeuge unserer Kids, Wechselsachen, Windeln und all das, was einen Tagesausflug mit Kleinkindern gleichsetzt mit einem Jahresurlaub. Unser Nachmittag verlief entspannt im Kreise lieber Verwandtschaft, mit einem reichhaltigen, mehrgaengigen Weihnachtsmenue, wie es sich fuer italienische Verhaeltnisse gehoert, anschliessender Spielerunde, Rumlungern und einfach gemuetlichem und unkomplizierten Beisammensein, waehrend die Kinder unter sich spielten, zankten, bloedelten. Erst nach 22 Uhr brachen wir unsere Zelte ab und kugelten foermlich im Nebel heimwaerts.

26.Dezember: Die Nacht war kuerzer als erhofft und die Nerven etwas gereizt nach einem schoenen, aber doch langen Vortag und einigen ermuedenden naechtlichen Stillsessions mit meiner Kleinen. Bei wunderschoenem, sonnigen, wenn auch kaltem Weihnachtswetter kapselte ich mich ein Stuendchen von meiner Bande ab, um mir einen kleinen Verdauungsspaziergang auf meinem Lieblingsweg ueber der Stadt zu goennen. Der tat guuut! Bei meiner Rueckkehr wartete aber schon etwas Hausarbeit auf mich, die ich morgens gekonnt ignoriert hatte. Hier bestand definitiv Aufholbedarf. Zum Mittagessen gab es  gefuellte Tortellini und Gemuese, zum Nachtisch eine Scheibe Panettone, dem wohl am meist verbreitetsten Weihnachtskuchen hier in Italien. (Den Besten gibt es uebrigens hier bei Bonifanti, vertraut mir!) Der Nachmittag stand ganz im Zeichen von Spielen und Ausruhen mit den Kids, wobei ich sagen muss: So ein Schlaefchen am Nachmittag tut auch mal guuut! Der Tag klang aus mit Skypen mit meinen Eltern, Autorennen fahren mit dem Grossen auf der neuen Piste, Magnetbuchstaben auf die Kuehlschranktuer kleben mit der Kleinen und dann wieder abmachen (und dann natuerlich das Ganze wieder von vorne), den neuen Puppenkinderwagen kreuz und quer durch die Wohnung schieben und dem Grossen beim Spielzeugautoparken  auf dem neuen Teppich beistehen.

27. Dezember: Den heutigen Tag haben wir genutzt, um bei wieder herrlichem Wetter einen Spaziergang zu den in der Stadt „versteckten“ Krippenspielen zu unternehmen. So ganz nach dem Motto: „Man kann auch mit kleinen Sachen den Kindern eine Freude machen.“ Ansonsten liefen heute bei mir die Vorbereitungen auf Hochtouren fuer unseren dreitaegigen Ausflug nach Ligurien ab morgen: Buegeln, Taschen packen, fuer unseren kleinen Allergiker vorkochen…Auf dem Programm stehen das Aquarium in Genua (das zweitgroesste in Europa) und die Cinque Terre. Fuer alle soll was dabei sein.

Nun, wie schliesse ich diesen Beitrag ab?Wie lautet mein Fazit nach diesem Rueckblick auf die vergangenen Feiertage?

In diesem Jahr ist es mir bewusst geworden, dass es mir durchaus nicht leicht faellt, mich von meinen suesslichen Erinnerungen aus der Kindheit zu entfernen. In mir schlummern weiterhin gewisse Erwartungen, die ich an die Weihnachtszeit- bewusst oder unbewusst-stelle. Gerne wuerde ich wie damals eintauchen in diese stehengebliebene, verschlafene Weihnachtswelt, in der die alljaehrlichen Rituale und die gewohnten Traditionen dieses starke Gefuehl der Vertrautheit und der Heimat vermitteln. Noch heute gibt es fuer mich kein Weihnachten ohne Adventskalender und Christstollen. Natuerlich bin ich mir im Klaren darueber, dass es nicht darum geht an Weihnachten. Doch mir ist bewusst geworden, dass es genau das ist, was ich fuer meine Kinder moechte: Sie sollen sich in zwanzig/ dreissig Jahren, wenn sie hoffentlich an Weihnachten zu Besuch kommen, gerne an die Weihnachtszeit ihrer Kindertage erinnern und dieses Gefuehl der Familiaritaet, der Zugehoerigkeit an einen bestimmten Ort, der eigenen Wurzeln spueren. Mir ist klar geworden, dass es nun an mir und uns liegt, neue Traditionen in unsere Zwei-Kulturen-Familie einzufuehren, die sich an den Gewohnheiten beider Seiten orientiert. Ich darf nicht erwarten, dass alles so wie frueher sein wird, das waere eine Utopie. Meine diesjaehrige Hoffnung, hier auf Biegen und Brechen ein Magic Christmas hinzaubern zu wollen, wurde natuerlich enttaeuscht. Nix mit feierlichem Baumschmuecken am 24., nix mit gemuetlichem Lebkuchenessen vorm Glanz der Pyramiden. Dieses Jahr lag es an uns, die Feiertage so zu organisieren, wie wir es fuer angemessen hielten. Das hiess natuerlich auch, nach unseren Moeglichkeiten zu handeln und die Befuerfnisse aller, vor allem unserer Kinder, miteinzubeziehen. In der Hoffnung, dass dieses Weihnachten etwas Magisches und Zauberhaftes hatte, so wie damals fuer mich. Andernfalls versuchen wir es naechstes Jahr noch einmal.

 

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