Seifenblasen, Apfelkuchen und Weltverbesserung

Es ist Adventszeit und die Bloggerwelt steht ganz im Zeichen von vorweihnachtlichen Beiträgen. Alles gut und schön, aber dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, wollte ich mich gerne etwas von diesem (Merry) Christmas Theme entfernen. Ich hatte eigentlich im Sinn, über eine Handvoll Dinge zu schreiben, die mich gerade so-weihnachtsunabhängig-bewegen. Das kann das äusserst banale Rezept des leckeren Apfelkuchens sein, den ich gerne zum Frühstück backe und welches ich schon lange mal teilen wollte; das kann über meinem Unmut über gewisse (kinder)unfreundliche Verhaltensweisen sein, die mich immer wieder, ja tagtäglich, in meinem Alltag zur Weissglut bringen; oder das kann mein Mamadasein oder meine aktuelle berufliche Situation betreffen. Wie ihr seht, alles keine weltbewegenden Themen also, sondern mich bzw. uns persönlich betreffende Alltagssituationen, denen man abends, nach einem vollen Tag, ein paar Gedanken widmet.

Ich halte mich leider Gottes viel zu wenig und viel zu unangemessen (wie mein Mann meint) auf dem Laufenden über aktuelle Geschehnisse aus aller Welt. Nachrichten schauen- das war mal, vor unserer Kinderzeit. Bei uns läuft, wenn schon denn schon, abends ab und an ein halbes Stündchen Kinderfernsehen…Auf diesem Blog werde ich mich wohl nie direkt über politische oder wirtschaftliche Themen auslassen. Es ist nicht so, dass ich mich nicht dafür interessieren würde. Klar berührt mich die aktuelle Flüchtlingssituation. Natürlich läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich Bilder aus den so unglaublich vielen Gebieten sehe, in denen Krieg herrscht. Schrecklich die Anschläge in Paris. Und besorgnisserregend die Situation auf dem italienischen Arbeitsmarkt. Und ja, ich habe auch mitbekommen, wer den „Grande Fratello“ (Big Brother) gewonnen hat.

Es ist nicht so, dass ich es nicht für wichtig hielte, über unseren familiären Tellerrand zu schauen und teilzuhaben am Schicksal anderer. Ich möchte auch nicht, das ich und meine Familie im Eigenbrödlertum versinken (auch wenn wir eine gewisse Veranlagung dazu haben). Egoismus oder gar Egozentrik sind für mich ganz furchtbare Begriffe…

Nur finde ich einfach, dass man oft selbst genug mit sich selbst, seiner Familie, seinem Alltag zu tun und manchmal auch zu kämpfen hat. In guten wie in schlechten Zeiten- irgendwas ist immer. Man wurschtelt und hangelt sich von einem Tag zum nächsten mit dem Bemühen, immer das Beste daraus zu machen- für die Familie, das soziale Umfeld und idealerweise auch für einen selbst (am Letzteren scheitert man meistens grossartig). Kinder, Job, Krankheiten, all das kunterbunte Netz, welches der Alltag bietet, und das oft auch ohne Plan und mögliche Planbarkeit. Gerade auch das Leben mit kleinen Kids birgt stets viele Überraschungen mit sich- zahlreiche positive aber auch ein paar weniger schöne.

Und oft kommt dann bei mir die Frage auf, wieviel Zeit und Energie ich noch habe oder übrig lassen möchte, um mich weitreichenderen Sachverhalten zu widmen, die über mein (Familien)Leben hinausgehen: Der Klassiker: Ich müsste mich mal wieder melden bei…, wir haben solange nichts voneinander gehört! Aber auch heiklere Situationen regen zum Nachdenken an: Kann oder will ich meiner älteren, geknickt wirkenden Nachbarin auf irgendeine Weise zur Hand gehen; jetzt, wo sie ihren Ehemann nach 60 gemeinsamen Jahren (und nach vielen Monaten anstrengender und kräfteraubender häuslicher Intensivpflege) schweren Herzens auf die Demenzstation eines nahen Pflegeheimes einweisen lassen hat? Reicht es denn aus, wenn ich mich ab und zu nach ihrem Befinden erkundige und ihr ein Stückchen Kuchen vorbeibringe? Soll ich mich engagieren für die vielen Afrikaner, die jedes Jahr in den Sommermonaten in unsere Stadt kommen, um bei der Obsternte zu helfen und in einer wohlgemeinten, aber äusserst spartanischen Zeltstadt untergebracht sind und auf jegliche Art von Unterstützung angewiesen sind? Und wie weit kann ich mich wirklich mit Geschehnissen identifizieren, die nicht direkt mit meinem Umfeld in Verbindung stehen? TV-Spendenaktionen für Erdbebenopfer- habe ich da jemals mitgemacht? Etc. etc. etc.

Die Liste wäre lang…und meine Selbstlosigkeit dieser gegenüber viel zu knapp. Wenn ich in meiner kleinen Seifenblase sitze und versuche, diese immer schön seicht zu schaukeln und sie nicht zum Platzen zu bringen, stürzen vielleicht um mich herum gerade Welten ein. Kümmert mich das wirklich?

Eine heikle Frage. Bin ich egoistisch? Zu viel auf mich selbst und meine eigenen vier Wände fixiert? Ist der Selbsterhaltungstrieb stärker als Aufopferung und Anteilnahme?

Ich möchte natürlich nicht übertreiben und es ist nicht mein Anliegen, zur missionarischen Weltverbesserin zu werden (diese Vision hatte ich vor Jahren mal, habe diese aber dann aufgegeben; ein Bericht darüber folgt, wenn die Zeit reif ist) oder meine alltäglichen Verantwortungen im kleinen Bereich meiner Familie, meinen Kindern gegenüber, zu banalisieren. Doch wie oft finde ich mich wieder in zum Teil lächerlichen, zum Teil überspitzten, dümmlichen Situationen, in denen man aus einer Maus einen Elefanten macht? Situationen, die fernab vom Kontext und eingebettet in einer objektiveren Sichtweise einfach banal erscheinen und es womöglich auch sind! Diese klitzekleine Seifenblase mit diesem schnöden Apfelkuchen, den die Welt nicht braucht, mit jener unkonstruktiven Diskussion oder einem kindlichen Trotz, welche diese dünne Seifenblase aus der Balance bringt….Während rundherum andere Seifenblasen wehmütig zerplatzen und andere womöglich von einem bequemen Seifenbläschenleben nur träumen können?

Wann darf mein Gewissen den Zusatz „schlecht“ bekommen? Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist mir Mister Schlechtes Gewissen ein ständiger Begleiter, mein Schatten sozusagen. Durchgängig fühle ich mich schuldig für irgendwas: Manchmal, wenn ich es nicht gebacken kriege, meine mir selbst gesetzten simplen Tagesziele zu erreichen. Oder wenn ich meinen Kindern gegenüber nicht konsequent genug auftrete und die Möchtegernpädagokin in mir kläglich versagt. Wenn es abends mal nur Nudel gibt (Mal ehrlich: Was für ein Schwachsinn, sich deswegen schlecht zu fühlen!).Wenn ich mich nicht so verhalte, wie ich es gerne würde, sei es daheim, auf  Arbeit oder sonstwo, aus welchen Gründen auch immer. Insomma: Wenn ich nicht ich bin und meine Erwartungen an mich selbst oder die, die andere an mich stellen (oder ich das jedenfalls so annehme), nicht erfüllen kann oder will.

Wenn ich also schon in meinem klitzekleinem Miniweltalltag jongliere, um aus allem das Beste und für Jeden das Richtige zu machen und dennoch versuche, meinem schlechten Gewissen doch mal ab und an eine Abfuhr zu erteilen, wie kann ich über meinen Tellerrand heraus tauglich agieren? Was kann ich bewegen, wenn ich schon auf meiner familiären Insel im Sandsturm nicht immer die rechte Richtung wähle? Und wieviel Energiereserven habe ich realistisch, um andere/Gestrandete ans Ufer zu ziehen?

Für mich bleiben diese Fragen für den Moment erstmal rhethorisch. Ich werde jetzt erst einmal meiner netten Nachbarin ein Stück Apfelkuchen bringen und mich bei…melden, nach so langer Zeit.

 

 

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