CS-EI: Die Sache mit dem Überraschungsei

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Die nackte Wahrheit

Diese Erzählung beruht auf einer wahren Begebenheit aus aktuellem Anlass. Die Redaktion hat es sich vorbehalten, an dieser Stelle auszugsweise die mündlichen Aussagen der sich als einsichtig erklärten Hauptangeklagten wiederzugeben.

„Ich erinnere mich noch, wie ich da stand. In der Küche, die Mikrowellenuhr stand kurz vor Mitternacht, alle Lichter in der Wohnung waren bereits aus, Mann und Kinder schliefen mittlerweile mehr oder weniger friedlich in ihren Betten.[Anm. d.Red.: Aus diesem Grund gibt es für den im Folgenden geschilderten Tathergang keine Augenzeugen]. Und ich stand nun da. In der dunklen Küche. Im Schlafanzug. Mit dem einzigen Stückchen Schokolade in der Hand, welches im ganzen Haus auffindbar war: dem ungeknackten Überraschungsei, welches tags zuvor der nette Nikolaus freundlicherweise in den Ministiefel unserer kleinen Einjährigen gesteckt hatte.

Was bitte schön tat ich da? Sollte ich ES tun?

Unser Abend war wie gewöhnlich abgelaufen: familiäres Abendessen zu Viert, danach Küche aufräumen, Kinder baden, noch etwas gemeinsame Spielezeit und dann ab zur Einschlafodyssee: Die Kleine macht es uns bzw. in erster Linie mir in letzter Zeit sehr schwer, sie zur Nachtruhe zu bewegen. Vor allem im ersten Nachtviertel sitzt sie oft wach, weinend und schluchzend in ihrem Bettchen und möchte (VON MAMA BITTESCHÖN) getröstet, gekuschelt und „gestillt“ werden. Also bietet Mama’s Milchbar einen all-inclusive Nachtservice an, welcher oft auch mit einem Umzug aus dem Einmannbettchen in die elterliche Suite endet. Dass dies trotz durchaus gemütlicher nächtlicher Zwei- (bzw. Drei-)samkeit ziemlich an den Kräften und Energiereserven des Einmann(frau)personales zehrt, ist ihnen sicherlich vorstellbar.

Nach diesem Schema hatte sich auch jener Abend abgespielt, und bevor ich mich barfuss und pygiamatragend in der Küche widerfand, hatte ich bereits mehrere Stillschichten und Streicheleinheiten hinter mir und mein Magen hatte auch schon wieder die „Hunger“-Palette nach oben gerissen. All dies also erste Indizien für die crime scene, in dessen Mittelpunkt ich mich wenig später befinden sollte.

An jenem besagten Abend nach Nikolaus hat ES mich nämlich bitter und eiskalt erwischt: das Schokoladenmönsterchen. Dieses verflixte kleine Ding hat es sich so lange hartnäckig auf meiner Schulter bequem gemacht, bis ich seinem teuflischen Willen keinen Widerstand mehr zu leisten fähig war. ES wollte Schokolade! Und ich mit ihm!

Schritt 1 war klar: Das Auffinden des Objektes der Begierde: Wo nochmal hatte ich heute Nachmittag beim Spielen dieses Ü-Ei zum letzten Mal gesehen? Richtig, zwischen den kleinen, bunten Plastikbällchen, die sehr gerne kreuz und quer durch die Wohnung kugeln und fliegen. Da war es also: noch unversehrt und köstlich anmutend fand ich es im Spiel-und Laufrad. Halb versteckt kauerte es da in seinem rötlich-weissen Outfit: vielleicht witterte es bereits sein Schicksal?

Und nun? Sollte ich wirklich DAS tun, was ich bereit war zu tun? [Anm.d.Red.: Einige weiterführende Aussagen wurden an dieser Stelle gestrichen.]

Sie erahnen wohl, welches arge Ende die Geschichte des Überraschungseies genommen und mich in die Tiefen eines kleinen Verbrechens gerissen hat. Das Gedankenduell zwischen klein Schokomonster und gross Vernunftsengel (in Gestalt meiner Person) konnte Mönsterchen ganz klar für sich entscheiden. Das war kein Kopf-an-Kopf-Rennen, das versichere ich ihnen!

Und mit welchen Argumenten es da kam: Ach komm, Schokolade ist nichts für Kleinkinder! Morgen erinnert sie sich doch sowieso nicht mehr an ein banales, klapperndes Ei! Die Überraschung? Na die wirst du ja wohl nicht mit verschlingen wollen? Hast Du denn Schokoladenalternativen? Sieh dich doch mal in den Schränken um, bevor du hier mit mir in den Ring steigst!

Also treffsicher war es jedenfalls mit seiner Überzeugungstaktik, dieses braune kleine Ungeheuer!

Und so kam, wie es denn kommen sollte: Kurz und schmerzlos beendete ICH also um kurz vor Mitternacht das weltliche Erdenleben dieses kleinen Schokoeis. Unverfroren und mit eiskalter Miene öffnete ich dem Ei der Begierde die Pforten zu meinem schokoladewilligen Magen. [Anm. d.Red.: An dieser Stelle folgen weitere detaillierte Schilderungen des Tatherganges, die wir ihnen allerdings aus motivierten Gründen vorenthalten.]

Ich bin mir nicht sicher, wann ich wieder zu Sinnen kam und mir bewusst wurde, zu welcher Greueltat ich doch tatsächlich fähig gewesen war: In einer wahrhaftigen Nacht-und Nebelaktion hatte ich mich, wie Eva von der Schlange, von einem hinterlistigen Schokimonster zu einer derartigen Missetat hinreissen lassen! Wie konnte ich nur meine kleine Tochter, mein eigenes Fleisch und Blut, auf so eine hinterlistige Art um ihr Überraschungsei bringen? Wie konnte ich mich zu einer derart miserablen Unvernunft überzeugen lassen? Ich, die Vernunft und Transparenz vermitteln möchte, hatte meinen Kindern gegenüber mit dieser Tat genau das Gegenteil gezeigt. Und vor allem: könnte dies oder gar Schlimmeres noch einmal passieren? Stehe ich womöglich als „Wiederholungstäterin“ vor der Gefahr, mich vor den bald ins Haus eintreffenden Schokoladenweihnachtsmännern, Schokoplätzchen, Schokotafeln, Schokowaffeln etc. regelrecht schützen (lassen) zu müssen?“

Anm.d.Red.: Aktueller Stand: Da sich die Vernommene einsichtig zeigte und ihre Tat aufs Tiefste bereut, wurde das Verfahren „Ü-ei“ nach kurzer Beratungspause bis auf Weiteres eingestellt. Verminderte Schuldfähigkeit durch Schlaf-und Zuckermangel zum Zeitpunkt der Tat stellen eine der genannten Motivation dar. Die Angeklagte beteuert aber bis heute, tatsächlich einem „Schokoladenmonster“ (wie sie es bezeichbet) begegnet zu sein. Psychologische Gutachten folgen. Ihre Tochter erfuhr erwartungsgemäss nichts von den Geschehnissen und hat nie nach einem eventuell vermissten Klapperei gefragt. Ihrem grossen Bruder wurde der verbleibende Inhalt (siehe obiges Beweisfoto) vermacht, den er freudig entgegennahm.

 

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