DDR-Praegung und Ode an die Krippe (1)

imageIch bin ein Ossi. Ich habe meine Kindheit in der ehemaligen DDR verbracht. Der Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin, wird noch heute „Ghetto“ genannt. Ich war ein Schluesselkind, bin schon in der ersten Klasse alleine durch unser Wohngebiet zur Schule gelaufen und spaeter mit Bus und Bahn zum Gymasium gefahren. Ich erinnere mich nicht daran, dass mich meine Eltern je aus der Schule abgeholt haetten. Meine Eltern haben auch meine Hausaufgaben nie gesehen, weil diese entweder im Hort oder zu Hause allein erledigt wurden.

Meine Nachmittage verbrachte ich mit Freunden auf dem Spielplatz, an der „Kloppstange“, mit Klingelputzen, Ping-Pong-Spielen, mit unspektakulaerem Rumluemmeln im Plattenbau, beim Altpapier- oder Pfandflaschen sammeln oder im Winter mit rodeln und einseifen. Dann hiess es: wenn die Laternen angehen, kommst du heim. Der Hit waren damals die gelegentlichen Schnueffeltouren in die uns damals weit entfernt gelegenen anderen Baugebiete. Uebrigens jedes mit eigener Schwimmhalle und „Versorgungszentrum“ kurz VZ. Gern erinnere ich mich an meine Spaziergaenge in die Bibliothek im benachbarten Wohngebiet- ein Ausflug in eine andere, spannende Welt.

In jedem Hauseingang kannte ich Gleichaltrige, mit denen ich gemeinsam in die Schule ging oder zu Fasching um die Haeuser zog, um Suessigkeiten zu erbetteln. Und wenn es nicht die eigenen Freunde waren, waren es eben Freunde von Freunden oder die Kumpel von meinem grossen Bruder.

Die Hausgemeinschaft war mitunter eine muntere Clique, mit der man auchmal im Kinderwagenraum oder einem der Trockenraeume feierte- fuer uns Kinder immer sehr aufregende Momente! Samstags wurden kollektiv die Trabis, Wartburgs, Dacias und Moskwitschs geputzt, und mein Merschwein wusste ich bei unseren Nachbarsjungen immer gut aufgehoben, wenn wir mal laenger als einen Tag wegfuhren. Gelegentlich traf man sich zum Saeubern der Tierkiste im (uebrigens aeusserst praktischen) Etagenmuellschluckerraum. Nur wollte man nie im Fahrstuhl stecken bleiben mit der dicken Frau von oben drueber.

Meine Kindheit und Jugendzeit waren unbeschwert, und gerade die Jahre im „Plattenbau“ verbinde ich mit positiven Erinnerungen. Ich bin gluecklich darueber, in gewisser Weise ein Ghettokind zu sein, denn aus kindlicher Sicht fand ich es wunderbar, inmitten dieser vertrauten Umgebung aufzuwachsen. Meine Eltern, und nicht nur diese, liessen uns frei bewegen. Mal abgesehen von den klassischen Horrorgeschichten ueber gewisse Gestalten unseres Wohngebietes hatten wir keine ernsthaften Bedenken, dass uns irgend etwas zustossen konnte, und ich glaube, unsere Eltern auch nicht. Was sollte denn schon passieren?

Mittlerweile lebe ich seit fast 15 Jahren in Italien und habe immer weniger Bezug zum Leben von Familien mit Kindern in Deutschland heute. So richtig weiss ich einfach nicht, wie junge Familien es in der Bundesrepublik mit der Erziehung und Familienalltag handhaben. Ich weiss nur, dass meine Kindheit und Jugendzeit und die Erziehung und das soziale Umfeld in der damaligen DDR jedoch sehr gepraegt haben und mich frueh zur Selbststaendigkeit erzogen haben. Umso ausgepraegter ist deshalb die alltaegliche Konfrontation mit der hiesigen Erziehungskultur in Italien.Und umso erheblicher der Schwierigkeitsgrad, nicht ganz meinen eigenen Wurzeln untreu zu werden und ein Erziehungsmodell anzuwenden, welches die eigenen Kinder nicht zu unabhaengigen Individuen werden laesst, sondern zu ueberbeschuetzten Mamasoehnchen und-toechtern. Natuerlich moechte ich hier nichts verallgemeinern, sondern lediglich meine persoenliche Sichtweise und meine persoenlichen Schwierigkeiten darlegen.

  1. Krisenthema: Die Kinderkrippe

Es gibt Eltern, die sich bewusst dafuer entscheiden, ihre Schuetzlinge nicht in Kindertagesstaetten zu geben. Wir haben uns fuer das Gegenteil entschieden- bewusst, aus freien Stuecken und mit gutem Gewissen. Nicht etwa, weil wir das „bei-Mama-oder-Oma-zu-Hause-bleiben“ als direkt problematisch oder verarmend ansehen, sondern weil wir dieses „en plus“ als Bereicherung fuer unsere Kinder und letztendlich fuer uns ansehen. Ich selbst ging in die Krippe, in den Kindergarten und habe nur positive Erinnerungen. Und ich lebe noch.

Bereits unser „Grosser“ besuchte mit 16 Monaten regelmaessig die Kinderkrippe, und auch fuer Johanna haben wir bewusst wieder den gleichen Weg gewaehlt. Bei beiden Kindern haetten wir auch darauf verzichten koennen und sie haetten daheim bleiben koennen, bis zum Erreichen des Kindergartenalters. Doch wir wollten es so.

Meiner Erfahrung nach gelten fuer Aussenstehende vor allem Kinderkrippen fuer die unter 3jaehrigen hier in Italien oft als pure Auffangstationen, als letzte Notloesung, wenn alle Moeglichkeiten, das Kind irgendwie in familiaerer Obhut zu lassen, waehrend die Mutter einer Beschaeftigung nachgeht, entfallen. Wenn es keine Grosseltern in der Naehe gibt oder diese nicht halb-oder ganztags auf das Kleinkind aufpassen koennen oder wollen, keine anderen nahen, vertrauensvollen Verwandten in Frage kommen und man die Option Babysittet ausschliesst, dann erst kommen die Kinderkrippen ins Spiel. Um nicht die wie Pilze aus dem Boden schiessenden sogenannten „babyparkings“ zu nennen- welch ein scheusslicher Name fuer einen Ort, an dem sich die Kinder waehrend ihrer Zeit dort vor allem willkommen und wohlfuehlen sollen und nicht „geparkt“. Vielleicht umschreibt genau das das allgemeine sentire hinsichtlich Krippen fuer die Kleinsten.

Unsere Erfahrung mit der Krippe war und ist rundum positiv. Herzliches Empfangen jeden Morgen, je nach Kapazitaeten individuelle Betreuung und hohe Sensibilitaet gegenueber den Beduerfnissen und unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Kleinen. Ein warmes, angenehmes, positives Umfeld, welches man jeden Tag aufs Neue gern betritt. Engagierte Erzieherinnen, welche den Kindern ehrliche Zuneigung schenken, sich immer wieder aufwendige Aktivitaeten ueberlegen und diese auch nach der Schicht austuefteln und vorbereiten, und nicht zu vergessen eine hervorragende Kueche mit beneidenswerten Mahlzeiten fuer die Kleinsten.

Unter all diesen Umstaenden, mit Ausnahme des finanziellen Aspektes: warum sollte ich mein Kind nicht guten Gewissens taeglich fuer ein paar Stunden in einer Umgebung spielen, lernen, wachsen lassen, die speziell fuer Kinder entwickelt wurde und von geschultem Personal betreut wird?

Um keine polemischen Bemerkungen hinter meinem Ruecken zu hoeren, welche Unmut darueber zeigen, warum ich denn mein Kind in die Krippe gebe, obwohl ich doch unter der Woche nur selten arbeite, sondern vor allem am Wochenende, und das auch nur fuer gewisse Monate im Jahr? Um also nicht negativ aufzufallen?

Um Geld zu sparen? Aber ist denn Geld nicht auch oder vor allem da, um seine Kinder auf bestmoeglichste Weise aufwachsen zu lassen. Und das heisst fuer uns eben in einem ausgeglichenen sozialen Umfeld. Da wir leider keine Oma und Opa in der Naehe und auch sonst kaum Verwandtschaft haben und wir hauptsaechlich Kontakt zu befreundeten Familien mit Kindern pflegen, ist fuer uns die Option Kita eine tolle Moeglichkeit fuer die Kinder, soziale Kontakte zu knuepfen in einem Umfeld, in dem es auch noch andere Menschen gibt als Mama und Papa. Dafuer bin ich bereit, ein paar Euro im Monat auszugeben.

Ich denke nicht an die finanziellen „Opfer“, wenn die Kleine ihre ersten Basteleien mit nach Hause bringt oder sie es geschafft hat, alleine in ihrem Bettchen einzuschlafen, im Beisein ihrer Lieblingskindergaertnerin. Es tut mir und meinem Geldbeutel nicht weh, wenn unser Grosser seine Krippenfreundschaften auch jetzt noch innig pflegt und seine Busenfreunde die sind, mit denen er von kleinauf gespielt, gestritten, zu Mittag gegessen und um die Wette gepullert hat.

Und es tut mir ehrlich gesagt gut, wenn ich in den Stunden, in denen ich meine Kinder an einem guten, behueteten Ort weiss, Zeit habe, die Hausarbeit und Einkaeufe zu erledigen, Fuehrungen vorzubereiten, schon das Abendessen vorzukochen, damit ich mich in Ruhe nachmittags meinen Kindern widmen kann….

2. Krisenthema….TO BE CONTINUED

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Danke Kati Str für Deinen Kommentar! Ich habe mich auch erst beim Schreiben an die Kleinigkeiten erinnert😊! Und das sehr gerne…😜

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  2. Liebe Claudia,

    was für ein herrlicher Schwenk in die Vergangenheit. Ich habe beim Lesen das Gefühl gehabt, eine kleine Zeitreise in meine eigene Kindheit gemacht zu haben – wunderbar 🙂 Klingt aufregend, deine Zeit damals in der DDR. Manchmal denke ich, dass unsere Generation es früher noch einfacher hatte. Einfach beim Nachbarskind klingeln und ab durch die Hecke und spielen. Heute wollen Eltern immer genau wissen, wann wer wo und mit wem ist (wobei ich nicht ausschließen will, dass ich auch mal dazugehören werde). Irgendwie hatte es etwas Unbefangeneres.
    Deine Ansichten über die Krippe finde ich sehr spannend. Ich selbst bin so geprägt, dass die Fremdbetreuung unter drei Jahren schädlich für die Mutter-Kind-Beziehung sein könnte. So ein Leitgedanke macht einem schon mal ein schlechtes Gewissen, wenn man wie ich mit der alleinigen Kleinkindbetreuung zuhause überfordert und froh über eine Fremdbetreuung ist. Ich teile deinen Gedanken der Bereicherung, sowohl in Bezug auf andere Erzieher, als auch mit den anderen Kindergartenkindern. Und ich sehe an meinen eigenen Kindern wie gut ihnen die Zeit im Kindergarten tut, wie sehr sie daran wachsen.
    Danke, dass du deinen Beitrag bei meinem ElternRat verlinkt hast!
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Mäusemamma sagt:

      Liebe Christine! Vielen lieben Dank fuer Deinen Kommentar! Ich freue mich immer, wenn ich mit meinem Geschriebenen bei Jemandem etwas bewegen kann. Ja, manchmal habe ich auch das Gefuehl, dass unsere Kindheit unbefangener war, wie Du so schoen sagst. Ich zaehle meine Eltern jedenfalls nicht unbedingt zu den Helikoptereltern von heute- auch wenn sie sicherlich genau so wie heute um uns besorgt waren. Vielleicht waren einfach die Zeiten anders, wir Kinder konnten noch alleine auf die Strasse gehen, ohne vom boesen Wolf oder vom boesen Auto erschreckt zu werden. Dabei ertappe ich mich selbst oft als Erste damit, dass ich meine Kinder nie aus den Augen lasse (sind ja auch noch zu klein). Die Sache mit der Krippe und der Fremdbetreuung: Ja, ich musste anfangs auch erstmal meine Schuldgefuehle, die mir aber im Nachhinein betrachtet von anderen (unbewussterweise) gemacht wurden, ueberwinden und meinem schlechten Gewissen das Mitspracherecht verbieten. Aber ich bin und bleibe FUER die Option Kita, auch nur halbtags. Ich meine, wir haben alle was davon…Vielen Dank nochmal fuer’s Lesen und die Inspiration von Dir und Deinem ElternRat. Ich stoebere mal wieder bei Dir rum (sobald ich Schokokekse besorgt habe;)!) Viele Gruesse! Claudia

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  3. Katinka sagt:

    Hallo Claudia, ich lese erst jetzt Deinen Artikel und finde ihn klasse, ich bin ja selbst ein Ossi und ebenfalls in grosser Freiheit aufgewachsen: mich hat nie jemand zur Schule gebracht, meine Eltern haben sich nie um meine Hausaufgaben gekümmert etc. Nun sind die Zeiten anders. Wir leben heute weniger behütet und trotzdem finde ich es wichtig für die Entwicklung unserer Kinder, dass sie selbständig werden, wenn sie dazu bereit sind. Ich oute mich sogar noch krasser als Du: meine Grosse kam mit 9 Monaten ganztags zur Tagesmutter, da ich wieder anfing zu arbeiten. Bei meinem Sohn hatte ich sogar einen Krippenplatz ab 4 Monaten, das war zwar teils gewollt, aber nicht so zeitig. Ich musste wieder arbeiten, mein Mann war arbeitslos, wir konnten aber nicht den Platz ablehnen, das war eine einmalige Chance, da mein Mann ja auch wieder arbeiten wollte und wir insgesamt nicht nur gute Erfahrungen zum Thema Tagesmutter gesammelt hatten. So ist mein Sohn von Anfang an, wenn auch erst nur stundenweise, in die Krippe gekommen. Ich habe mein schlechtes Gewissen versucht zu stillen mit der Tatsache, dass ich mir auf der Arbeit Milch abgepumpt habe und mein Sohn bis zum Alter von 1 Jahr Muttermilch bekam. Das ist nicht ideal gelaufen, aber insgesamt trotzdem eine positive Erfahrung. Frankreich erinnert mich dabei ein Stück weit an die DDR: der Staat „kümmert“ sich um die Kinder und die Eltern finden das alle ziemlich normal. Viele Französinnen gehen zeitig wieder arbeiten, die wenigsten bleiben lange zu Hause. Das ist hier so und ich gebe zu, dass es mir zusagt. Komischerweise sind die Franzosen aber trotzdem Helikopter-Eltern, denn die Schulen gleichen „Gefängnissen“. Die Kinder gehen nicht aus und ein, sondern werden rausgelassen und ihren Eltern übergeben. Meine Tochter (9 Jahre) darf die Schule nur allein verlassen, weil wir ein Formular ausgefüllt und unterschrieben haben, dass die Schule aus der Verantwortung nimmt. Das finde ich heutzutage in Deutschland schon besser: da ist es normal, ab der ersten Klasse allein zur Schule und zurück zu gehen, wenn das vom Schulweg her möglich ist. Wenn Du das hier machst, hast Du das Jugendamt wegen Vernachlässigung am Hals.

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    1. Mäusemamma sagt:

      Danke für Deinen Kommentar! Ja, ich sehe sehr viele Parallelen zu der Realität hier in Italien: Krippenplätze sind rar und wenn man da einmal ablehnt kommt man von der Warteliste nicht wieder runter, und das will man nicht riskieren. Was das Abholen von der Schule angeht, so ist das hier ähnlich. In der Grundschule werden die Kinder den Eltern/ Großeltern etc. übergeben, sonst geht gar nichts. Als mir eine liebe Freundin in Deutschland erzählte, dass ihre gerade eingeschulte Tochter jeden Tag mehr als eine halbe Stunde zur Schule läuft, war ich – gewohnt von der hiesigen Situation- auch erstmal „geschockt“. Aber dann dachte ich mir: Hey, bei uns damals war das ganz normal! Oft waren meine Eltern schon/noch auf Arbeit, wenn ich in die Schule ging bzw. aus hatte. Wer hätte mich denn da bringen oder abholen sollen. Wäre hier unvorstellbar. Im Notfall wird sich um ein Kindermädchen bemüht. Viele Grüße an Dich!

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